Karrierehoffnungen und Globalisierungsängste
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Er selbst hatte denkbar miese Noten in der Grundschule, dafür Eltern, die ihn gegen die Lehrer verteidigt haben. Nichts braucht ein Kind mehr, als Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Viele Eltern aber bestellen Nachhilfe, sobald die Note schlechter gerät als eine gerade noch akzeptable "1". Der Druck ist ungeheuer. Brav geben ihn die Lehrer an die Schüler weiter - und die Eltern sekundieren dabei. Vermutlich entsteht gerade eine Generation zwischen Übertrittsjahr und G8, die später die Psychopharmaka-Industrie am Leben erhält.
Nie zuvor gab es so viel seelische Labilität in der Grundschule, obwohl bestimmte Eltern nie zuvor den gemeinsamen Erziehungsauftrag so ernst genommen haben. Vielleicht wäre es besser, man würde sein Kind ohne die eigenen Karrierehoffnungen und Globalisierungsängste in die Schule schicken. Die erste Elternfrage zum Übertritt aufs Gymnasium hören wir in der zweiten Klasse - am ersten Elternabend. Von solchen Elternabenden kommt man nach Hause, um sich zu fragen, ob man zukunftsfähig ist.
Maries Freundin hat den Übertritt auch geschafft. Ihre Mutter bekommt dafür vom Ehemann ein Wellnesswochenende geschenkt. Das Kind ein neues Handy. Man muss auch motivieren können in der Leistungsgesellschaft.
Besser als sein Ruf
Auch wir sind überglücklich, dass unser Kind nun aufs Gymnasium kommt. Am Mittwoch war Einschreibung. Alle Münchner Gymnasien sind überfüllt. Es ist nicht sicher, ob Marie auf dem gewünschten Gymnasium, das einfach nur in Wohnungsnähe liegt und einen guten Eindruck macht, einen Platz erhält. Das Zittern geht von vorne los.
Wir vertrauen dem staatlichen Schulsystem denkwürdigerweise immer noch. Dass meine Tochter in der vierten Klasse noch immer Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland kennen- und auswendig lernen muss, heute nicht anders als im Jahr 1973, mag dem pädagogischen Fortschritt kaum genügen. Aber irgendwie erfüllt es mich mit Zuversicht.
Das heißt nicht, dass wir bedingungslos an dieses Schulsystem glauben. Es ist allerdings besser als sein Ruf. Marie hatte auch Lehrer, die sie achten konnte, Klassenkameraden, die Freunde wurden, Spaß an der Schule. Sie hat etwas gelernt: und zwar nicht nur Wissen. Das Wort Hysterie kennt sie noch nicht: Es ist das Grundproblem der gegenwärtigen Schule - aber sehr oft auch bei überambitionierten Eltern zu suchen, denen leider auch viele desinteressierte Eltern gegenüberstehen. Die beklagte Auslese in den Schulen beginnt in den Elternhäusern. Was fehlt, ist Normalität - und Vertrauen in unsere Kinder.
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(SZ vom 16.5.2009/bön)
Bruce Springsteen in Frankfurt
Unser Kind hat den Schulbesuch seit drei Jahren hinter sich, und wir haben a) in seiner Grundschulzeit und b) in Hessen nahezu identische Erfahrungen gemacht wie Sie. Deshalb haben wir Ihren Artikel auch mit besonderer Freude gelesen.
Ihren Schluss, den Kindern mehr zu vertrauen, finden wir richtig, er setzt allerdings voraus, dass die Eltern auch sich selbst vertrauen. Denn wer das nicht macht, wird keinen Grund finden, seinem Kind zu vertrauen. Stattdessen ziehen die von Ihnen so trefflich beschriebenen Technik-Freaks, Golfer, Rechtsanwälte und Super-Mütter durch Elternabende, Sprechtage, Stammtische und sonstige Treffen, von denen man hinterher weiß, dass man sie besser gemieden hätte.
Ihnen und Ihrer Tochter wünsche ich eine entspannte Fortsetzung des Schulbesuchs. Und machen Sie sich darauf gefasst, dass das Umfeld mit jedem Jahr schlimmer wird.
Eine Anmerkung am Rande: Die Struktur Ihres Artikels in der Zeitung ist um Klassen besser als im Internet.