Sechsjährige Grundschule in Hamburg "Quelle sozialer Ungleichheit"

In Hamburg haben sich CDU und Grüne auf eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre geeinigt. Der Schulforscher Rainer Lehmann hält das für eine krasse Fehlentscheidung: In Berlin sei ein ähnliches Projekt grandios gescheitert.

Von Julia Bönisch

"Bildungsgeschichte" wollen die Grünen in Hamburg mit ihrer Einigung auf eine sechsjährige Grundschulzeit geschrieben haben. Die Fraktionschefin Christa Goetsch verkaufte die sogenannte Primarschule als riesigen Erfolg - für alle Hamburger Schüler, aber auch für ihre Partei, die sich damit gegen die schulpolitischen Vorstellungen der CDU durchgesetzt hat. "Wir haben es geschafft, dass wir hier in Hamburg die frühe Auslese überwinden", verkündete Goetsch.

Sieben Jahre gemeinsames Lernen, so lautet die schulpolitische Kompromisslinie. Ab dem Schuljahr 2010/11 soll eine Primarschule bis zur sechsten Klasse die Grundschule ersetzen, hinzu kommt ein kostenloses Vorschuljahr. Danach greift das Zwei-Säulen-Modell der CDU aus Gymnasien sowie Stadtteilschulen, die neben dem Abitur auch alle anderen Abschlüsse ermöglichen sollen. Auf einen Halbtags-Kitaplatz haben Kinder künftig ab dem zweiten statt wie bisher ab dem dritten Lebensjahr Anspruch.

Zwei Jahre Lernvorsprung

Mit dem Modell der sechsjährigen Grundschule kommt die Hamburger Koalition zahlreichen Bildungsforschern entgegen, die seit langem die frühe Aufteilung deutscher Schüler auf die verschiedenen Schulformen kritisieren. So prangert etwa Andreas Schleicher, Koordinator der Pisa-Studien bei der OECD seit langem die auf Selektion anstatt auf individueller Förderung ausgerichteten Schulstrukturen in Deutschland an.

Sein Kollege Rainer Lehmann, Erziehungswissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität, hält - pünktlich zur schwarz-grünen Einigung in Hamburg - dagegen: Die geplante Kooperation einzelner Grundschulen mit Gymnasien könne zu einer "neuen Quelle sozialer Ungleichheit" werden, warnt er. "Bei gleicher Ausgangslage lernen Schüler an Gymnasien weitaus mehr als an Grundschulen. Am Ende der sechsten Klasse haben sie sich so weit abgesetzt, dass sie zwei Jahre Lernvorsprung haben." Eine verlängerte gemeinsame Grundschulzeit bringt demnach nicht mehr Bildungserfolg.

Lehmann untermauert seine Kritik mit der sogenannten Element-Studie. Die Abkürzung steht für "Erhebung zu Lese- und Mathematikverständnis-Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin". Die Untersuchung wurde im Auftrag des Berliner Senats durchgeführt, im Jahr 2003 wurden dazu 3000 Grundschüler und 1700 Gymnasiasten getestet und befragt.

Daten unter Verschluss

In Hamburg sei ein bildungspolitischer Beschluss ohne empirische Grundlage getroffen worden, sagt Lehmann. Die sechsjährige Grundschule habe die Hansestadt allein dem koalitionspolitischen Geschacher zu verdanken. "Dies ist eine Entscheidung mit äußerst eigenartigen Kausalzusammenhängen: Was hat die Elbvertiefung mit Grundschule zu tun?"

Ein offizielles Ergebnis der Studie ist allerdings bis heute nicht veröffentlicht. Wann die Daten auf den Tisch gelegt werden sollen, weiß der Erziehungswissenschaftler selber nicht. Das Ministerium hält die Daten unter Verschluss.

In Berlin ist man also ziemlich verärgert über das einsame Vorpreschen Lehmanns - ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt. Auch in Hamburg ist man irritiert: Seine Einlassungen verwirren die Eltern, als wäre die Umstellung auf die neue Primarstufe allein noch nicht kompliziert genug.