Schulferien bedeuten Hochsaison für den Tourismus. Nun fordern die Wirtschaftsminister der Länder eine weitere Entzerrung der Termine.
Selten hat Thimo die Sommerferien so innig herbeigesehnt wie in diesem Jahr. Noch in der letzten Schulwoche hetzten die Lehrer des Zwölfjährigen von einer Lektion zur nächsten, um den Stoff der sechsten Klasse kurz vor Ferienbeginn noch ganz durchzuziehen.
Endlich frei: Schüler einer Grundschule in Hessen freuen sich am Freitag, dass sie für die nächsten sechs Wochen Sommerferien haben. (© Foto: dpa)
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Dabei haben weder die Lehrer noch die Schüler getrödelt. Dieses Schuljahr fiel in Hessen und in Rheinland-Pfalz einfach besonders kurz aus, da die beiden Länder an diesem Montag als erste in die großen Ferien starten. Und ginge es nach den Vorstellungen der deutschen Wirtschaft, könnten Thimo und seine Mitschüler künftig sogar mit noch kürzeren Schuljahren rechnen.
Bei den Sommerferien macht es sich Deutschland wirklich nicht leicht. Während in Frankreich, Italien und in der Türkei die ganze Nation gleichzeitig in die Sommerpause aufbricht, starten die Deutschen immer der Reihe nach. Jedes Bundesland erhält abwechselnd die unbeliebte Startposition im Juni. Nur Bayern und Baden-Württemberg dürfen sich der Ferienrotation entziehen. Für sie bleiben jedes Jahr die Hochsommerwochen im August reserviert.
90 Tage Ferienkorridor
Die Reiseveranstalter können sich über die gestaffelten Ferientermine freuen. Denn so gibt es zwischen Juni und September immer irgendwo in Deutschland Familien, die mit ihren Kindern Urlaub machen wollen. Doch die Sommersaison ist den Tourismusverbänden und Wirtschaftsministern noch nicht lang genug. "Die Ferienkorridor in Deutschland muss verlängert werden", fordert die Konferenz der Wirtschaftsminister und protestiert damit gegen die Pläne der Kollegen im Schulressort, die vor kurzem die neue Ferienordnung für die Jahre 2011 bis 2017 vorlegten.
Bisher umfasst der sogenannte Ferienkorridor meist 81 oder 83 Tage. Er reicht von dem Tag, an dem das erste Bundesland in die Ferien startet, bis zum letzten schulfreien Tag im September. Die Vertreter der Wirtschaft verlangen nun, die Zeitspanne auf 90 Tage auszudehnen. Denn schon ein einziger zusätzlicher Ferientag bringe der Tourismusbranche mehrere Millionen Euro zusätzlich, argumentieren die Verbände. Auch die Urlauber selbst würden davon profitieren. Denn je weniger Familien sich gleichzeitig ins Auto setzen, desto weniger überfüllt seien Straßen, Pensionen und Hotels.
Doch Ferienplanung ist eine Wissenschaft für sich. Das weiß kaum jemand so gut wie Cornelia Süß. Sie sitzt für das Bundesland Bayern am Verhandlungstisch, wenn die Ferientermine festgelegt werden. In jedem Land gibt es solche Referenten für Ferienangelegenheiten. Sie müssen den Spagat zwischen den Interessen der Wirtschaft, der Schulen und der Familien schaffen, ohne dabei unverrückbare Termine, wie Ostern, Pfingsten oder den Ausbildungsbeginn im Herbst aus den Augen zu verlieren.
Eineinhalb Jahre haben sie an dem aktuellen Kompromiss für die Jahre 2011 bis 2017 gebastelt. Immer mit der Maßgabe der Ministerpräsidenten, 90Tage "weitmöglichst auszuschöpfen", aber nur, solange das "pädagogischen Gesichtspunkten nicht entgegen steht".
Der Süden ist fein raus
Wie eng der Spielraum an den Schulen letztlich ist, zeigt das Privileg der südlichen Länder, jedes Jahr als Letzte in die großen Ferien zu gehen. Dafür gibt es einen guten Grund: Die Schüler in Bayern und Baden-Württemberg haben zwei Wochen Pfingstferien. Und da Pfingsten genau 50 Tage nach Ostern liegt, fallen diese freien Tage automatisch auf einen Zeitraum zwischen Mai und Juni. "Da dann die Prüfungen noch nicht abgeschlossen sind, können die Sommerferien mit genügend Abstand erst Ende Juli losgehen", sagt Süß.
Während die beiden südlichen Länder also fein raus sind, müssen sich die anderen einigen. Denn keiner nimmt freiwillig den Startplatz im Juni ein. Auch weil dadurch Lernzeit verloren geht. So starteten die Ferien in Hessen und Rheinland-Pfalz diesmal fast drei Wochen früher als im Vorjahr. Wenn die Schule dort am 4. August wieder losgeht, verabschieden sich die Bayern erst in die Ferien.
Die Mutter von Thimo blickt deshalb neidisch in Richtung Süden. Nicht nur, weil sie in den vergangenen Wochen täglich mit ihrem Sohn am Schreibtisch saß, um jene Fragen zu klären, für die im hektischen Schulbetrieb keine Zeit blieb. "Wer hat schon Lust auf Sommerferien im Juni?", sagt Inka Gruhne. Im geplanten Familienurlaub in der Schweiz könnte es dieses Jahr jedenfalls noch kühl werden, fürchtet sie. Das Wildwasser-Rafting müsste dann ausfallen. Da tröstet es nur wenig, dass der ADAC meldet, dass kaum Staus zu erwarten sind.
(SZ vom 23.06.2008/cag)
Moderne Verwaltung
es in der Schulpolitik darum gehen würde was für die Schüler gut und wichtig ist. Das wäre ja das erste Mal.
Bei Schulpolitik geht es um die Interessen der Lehrer, der Kommunen, der Wirtschaft, der Länder, um Ideologien, ein bischen um die der Eltern und so gut wie überhaupt nicht um dei Schüler.
Warum gibt ein Land so viel Geld für Bildung aus und bekommt dann derart schlechte Resultate wie Deutschland? Eben deswegen. Jetzt wird ernsthaft darüber diskutiert die Ferien zu verlängern (den Korridor) weil es der Wirtschaft nützen würde. Das hält man doch im Kopf nicht aus.
Bayern und BW beharren auf den beliebtesten Ferienzeiten weil sie es können und nur deshalb. Die Pfingstferien können da als Argument wohl kaum herhalten. Früher sagten diese Länder sie brauchen diese Zeiten damit die Kinder bei der Ernte helfen können. Das ist alles so absurd.
Wir werden weiterhin die Kinder mit 10 Jahren sortieren, die unerwünschten Unterschichtkinder ihrer wenigen Chancen in den Hauptschulen berauben, ein paar Elitekids mit Unterstützung Ihrer Akademiker-Eltern durchs G8 bringen und uns wundern warum unser Bildungssystem so schlecht bewertet wird.
Solange die Verantwortlichen Ihrer eigenen Kinder zu einem guten Bidlungsabschluß bringen können wird sich am Rest nichts ändern.
1. Diese Diskussion hat sich bis in ein paar Jahren sowieso erledigt. Weil der durchschnittlichen deutschen Familie schlicht das Geld fuer den Urlaub fehlen wird. Der Politik und der Wirtschaft sei Dank.
Axolotl79
PS: Den Sinn und Zweck dieser Milchmaedchenrechnung hab ich noch immer nicht verstanden. Die reine Anzahl der Ferientage wird sich nicht aendern, sondern schlicht deren verteilung. Das einzige was wieder einmal von diesem Humbug profitieren wird, ist das Benzinkartell, da nun 90 statt der 83 Tage lang der Ferienzuschlag draufgeschlagen wird.
Es ist tatsächlich sehr schön, sowohl in den zwei Wochen Pfingstenferien wie auch im August richtig Urlaub zu haben. Das sollten die anderen Bundesländer umgekehrt machen und sich zwei Wochen im September oder Oktober gönnen.
Hat schon mal jemand daran gedacht, dass es ohnehin zu viele Ferien gibt? Jedes Mal werden die Kinder aus ihrem Rhythmus herausgeholt. Es bleibt schon jetzt nicht genügend Zeit, den Lehrplanstoff zu vermitteln, geschweige denn etwas zu wiederholen.
Hat nicht die Wirtschaft sich auch darüber beschwert, dass die Jugendlichen häufig zu wenig können, dass das Grundwissen nicht vorhanden ist?
Was ist mit den Eltern? Die haben im Höchstfall 6 Wochen Urlaub - anderweitige Betreuung ist schwierig. Und man will ja auch mal als Familie unterwegs sein. Was ist mit den Alleinerziehenden? Ich hoffe nur, dass das Kultusministerium sich nicht schon wieder von der Wirtschaft einlullen lässt und mal standhaft bleibt. Am besten wäre es allerdings, man würde die Herbstferien und die Faschingsferien kürzen. Die sind vollkommen unnötig. Man kann den Kindern ja ein verlängertes Wochenende gönnen, aber ansonsten nutzen diese Ferien niemandem.
Die Ferientermine müssen sich an den Bedürfnissen der Kunden = Schüler ausrichten, d.h. sowohl ausreichend lange unterbrechungsfreie Zeiten insbesondere vor dem Ende des Schuljahres bieten als auch den Familienurlaub ermöglichen. Dass die Tourismuswirtschaft für eine Verteilung der Sommerferien über einen möglichst langen Zeitraum ist, sollte nicht mehr Bedeutung als der umfallende Reissack in China haben. Aber leider wird die Schulpolitik in wesentlichen Fragen von der Wirtschaft und der Finanzpolitik beherrscht. Ein personelles Problem in der Schulpolitik?