Von Alexander Menden

Britische Schulen sollen Eltern übergewichtiger Kinder künftig einen Mahnbrief schicken. Die Wortwahl der Mitteilungen sorgt allerdings für großen Streit.

Der Fernsehkoch Jamie Oliver heimste 2005 viel Lob ein, als er in Großbritannien seine Kampagne für gesünderes, kalorienärmeres Schulessen startete. Politiker und Ernährungswissenschaftler priesen die Initiative, die darin gipfelte, dass Oliver dem damaligen Premierminister Tony Blair eine Petition überreichte, in der eine Viertelmillion unterzeichnender Eltern darauf drängte, die Regierung möge die Nahrungsqualität an britischen Schulen verbessern.

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Ist eindeutig dick, darf aber nicht von allen so genannt werden: Schulkind. (© Foto: ddp)

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Drei Jahre später sind die offiziellen Minimalanforderungen an die Qualität von Schulmahlzeiten strenger. Doch eines der Probleme, welche die Kampagne bekämpfen sollte, ist virulenter denn je: In England sind etwa 23 Prozent aller Schulanfänger übergewichtig. Von ihnen sind wiederum ein Drittel als adipös, also stark übergewichtig, einzustufen. Kinder im letzten Grundschuljahr sind sogar zu 31,6 Prozent übergewichtig. Sollte diese Entwicklung anhalten, werden nach einer Studie des staatlich finanzierten "Foresight Programme" im Jahre 2050 ungefähr 60 Prozent aller erwachsenen Männer, die Hälfte aller erwachsenen Frauen und ein Viertel aller Kinder unter 16 in Großbritannien fett sein.

Zu zimperlich und unentschlossen

Jetzt hat das Londoner Gesundheitsministerium entschieden, dieser Fettleibigkeitsepidemie unter Kindern sei am besten durch Aufklärung beizukommen. Eltern sollen vom kommenden Schuljahr an routinemäßig schriftlich über Größe und Gewicht ihrer Kinder informiert werden. Schulanfänger im Alter von vier bis fünf Jahren und Kinder zwischen zehn und elf werden in ihrer Schule gemessen, gewogen und in die Kategorien "Untergewicht", "gesundes Gewicht", "Übergewicht" und "starkes Übergewicht" eingeteilt. Das Ergebnis geht den Eltern in einem Brief zu. Sollten die Kinder übergewichtig sein, liegt diesem eine entsprechende Broschüre bei mit Hinweisen zu gesunder Ernährung, körperlicher Bewegung und den Risiken eines zu hohen Body-Mass-Index (BMI).

Gesundheitsminister Ivan Lewis begründet den Schritt mit den verzerrten Maßstäben, die Eltern bei der Einschätzung des Gewichtes ihrer Kinder anlegten: Viele Eltern von übergewichtigen Kindern dächten, ihre Kinder seien normalgewichtig, weil zum Vergleich oft nur andere dickleibige Kinder zur Verfügung stünden.

Die geplante Maßnahme wird von den britischen Gesundheitsverbänden begrüßt, geht vielen aber nicht weit genug. Besonders die Ersetzung des klinischen Begriffs obese, also adipös, durch "starkes Übergewicht" wird als unnötig euphemistisch empfunden. Tam Fry, Sprecherin des "National Obesity Forum", eines gemeinnützigen Vereins zur Gesundheitsaufklärung für Übergewichtige, ist dieser Ansicht. Sie findet, die Regierung gehe hier zu "zimperlich und unentschlossen" vor: obese sei zwar ein "hässliches Wort", aber es habe den willkommenen Effekt "bei den Eltern Alarmglocken schrillen zu lassen". Peter Carter, Generalsekretär des Royal College of Nursing, ist der Ansicht, zur Bekämpfung von Fettleibigkeit sei es entscheidend, dass die Regierung noch mehr "in speziell ausgebildete Schulkrankenschwestern" investiere. Diese könnten "die Kinder früh auf den richtigen Weg bringen".

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(SZ vom 06.08.2008/cag)