Auf die Herkunftssprachen von Migrantenkindern gehen die meisten Schulen mittlerweile ein. Warum also nicht auch auf den Heimatdialekt der Kinder? Die Friesen verlangen nun Unterricht in friesisch.
In Ostfriesland, weit im Nordwesten der Republik, hat sich ein Bündnis von Bürgerinitiativen gebildet, das von der niedersächsischen Landesregierung verlangt, dass einzelne Schulstunden künftig auf Niederdeutsch gehalten werden dürfen. Die Allianz umfasst unter anderem Vertreter vieler Kindertagesstätten, den Kommunalverband "Ostfriesische Landschaft" und den Verein "Ostfreeska Taal".
Ostfriesland - bekannt für den Komiker Otto und seine Sprache. Ein Bündnis von Bürgerinitivativen will die ostfriesischen Mundart wieder beleben und verlangt Fremdsprachenunterricht in Platt. (© Foto: dpa)
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Schon heute gebe es Fächer wie Mathematik und Religion, die auf Englisch unterrichtet würden, erläutert der Gesprächskreis "Tweesprakig Unnericht in de Grundschool". Damit solle die Zweisprachigkeit der Kinder gefördert werden. Ein solcher bilingualer Unterricht sei genauso gut auf Niederdeutsch möglich. Im Übrigen werde in den Richtlinien des Kultusministeriums zwar auf die Herkunftssprachen von Migrantenkindern eingegangen. Das Niederdeutsche hingegen, "das die Kinder in weiten Teilen Niedersachsens noch als Nahsprache in ihrem natürlichen Umfeld erfahren können", werde dagegen viel zu wenig berücksichtigt.
"Wir können alles. Außer Hochdeutsch" lautet der Slogan, mit dem Baden-Württemberg vor vier Jahren in einer Werbekampagne auf sich aufmerksam machen wollte. Der Satz spiegelt einen immer gewöhnlicher werdenden Umgang mit der Sprache: Daheim, im "natürlichen Umfeld", reden die Schwaben, die, wie die meisten Süddeutschen, viel häufiger Dialekt sprechen als die Norddeutschen, in der Mundart daher. In der (höheren) Ausbildung und im Beruf hingegen verwandeln sie sich scheinbar in weltläufige Anglophone. Die Hoch-, Schrift- oder Standardsprache, die sich in Deutschland im 19. Jahrhundert nur allmählich durchsetzen konnte und die tatsächlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts von Millionen Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten, zur allgemeinen Sprache wurde, ist in diesem Gegenüber nicht mehr vorgesehen.
Englisch und Ostfriesisch auf dem Stundenplan
Es sei wissenschaftlich erwiesen, argumentiert die ostfriesische Initiative, "dass die frühe Mehrsprachigkeit eine sehr gute und effektive Sprachfördermethode" sei. Warum nur eine Fremdsprache lernen, wenn man es auch mit zweien tun kann? "Wir sind der Meinung, dass der frühe Erwerb mehrerer Sprachen nicht in Konkurrenz zum Erwerb der Fremdsprache Englisch steht, sondern durch diesen sinnvoll ergänzt wird." Auf das Englische soll es also ankommen. Dagegen erläutert die Initiative nicht, wie es der deutschen Hochsprache ergehen soll, die ja vielen Kindern in der Schule zunächst auch wie eine Fremdsprache gegenübertritt. Die "übliche Diglossie Dialekt/Deutsch", erklärt angesichts solcher Verhältnisse der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, "wird zu einer Triglossie: Dialekt/Deutsch/Englisch, die das Deutsche in der Mitte von beiden Seiten aus auffrisst und zur Diglossie Dialekt/Englisch tendiert".
In der Vergangenheit war das unmittelbare Gegenüber von Volkssprache und Fremdsprache in ganz Europa etwas Gewöhnliches: In der Wissenschaft galt bis ins 18. Jahrhundert hinein das Lateinische als Verkehrssprache, bei Hof und in der Diplomatie noch hundert Jahre später das Französische. Vielleicht waren die zweihundert Jahre, in denen sich die Bewohner deutscher Landschaften in einer großen kulturellen Anstrengung und mit Erfolg um eine gemeinsame deutsche Hochsprache bemühten, ja eine kulturpolitische Ausnahme - und in Zukunft wird es wieder, wie früher, eine Sprache für die Dummen und eine für die Klugen geben.
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(SZ vom 7.5.2008/sam)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Naja, es gibt 3 Fälle, nicht 4 Fälle, das ist wohl der Hauptunterschied, nämlich Nominativ, Genitiv und Objektiv. Ansonsten gibt's kein "ge-" im Perfekt. Mehr fällt mir im Moment nicht dazu ein.
Ich halte diesen Artikel für absurd. Ein paar Punkte.
1. Friesisch ist nicht dasselbe wie Niederdeutsch. Um welche Sprache (Dialekt ist in diesem Fall eh fehl am Platz) geht es hier eigentlich?
2. So wie das Hochdeutsche das Niederdeutsche fast vollständig verdrängt hat, hat zuvor das Niederdeutsche das Friesische fast vollständig verdrängt. Die Zahl der betroffenen Kinder, die ohne Hochdeutsch aufwächst, dürfte in Niedersachsen bei 3 liegen, irgendwo auf einer Leuchtturminsel.
3. Sprache für die Dummen... in der Tat das Label, mit dem Dialekte und andere Sprachen im Deutschen Raum ausgerottet wurden. Es ist schon lustig, daß der Wortschatz des Estnischen bis zu 30% aus niederdeutschen Worten besteht, während in Deutschland selbst die Verwendung derselben Worte als Zeichen der Dummheit gesehen wird (Beispiele: Büx, Bütt, Köök, bruun, bruuken, Meester, Storm etc.)
Auch da stimme ich zu. Mit einer Ausnahme: "Schriftsprache" wird dann zur "Hochsprache", wenn man sie auch tatsächlich sprechen kann. Im Geschäftsleben ist das ungeheuer wichtig und auch, wenn man im Bildungssektor oder in den Medien tätig sein will. Es sei denn natürlich, es ist hier ein dediziert regionaler Einschlag gewünscht, wie z.B. bei den sehr interessanten Reportagen auf Friesisch oder Platt im NDR, etc.
Wenn ich einen Zulieferer in Sachsen oder Bayern anrufe und habe durchgängig Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, weil er nicht von seinem Dialekt loskommt, ist das hingegen schon ein Ärgernis, schließlich rede ich mit Leuten von dort auch nicht mit rheinischem Dialekt, auch, wenn ich das könnte!
Daher die Überschrift über meinen ersten Beitrag: "Dialekt ist Privatsache". Im Geschäft kann / sollte man sich den Dialekt nur erlauben, wenn der Geschäftshorizont hinter der "Dialektgrenze" endet und das ist eigentlich nur in Bäckerein, Metzgereien usw. der Fall und auch dort nur vorausgesetzt, es verirren sich dort keine "Auswärtigen" hin.
Es gibt gerade in Süddeutschland diese strikte Unterscheidung zwischen "Dialekt" und "Nach der Schrift", wobei Letzteres dann auch konsequent umgesetzt werden sollte!
Womit wir bei der Lebenslüge der sog. "Hochdeutschsprecher" angelangt wären!
Großstadtkauderwelsch oder Privatsendersprache hat NICHTS mit korrektem Deutsch zu tun, ausgerechnet jene Sprecher diffamieren Dialektsprecher häufig als dumm oder provinziell.
Machen wir uns doch nichts vor-"Hochdeutsch", grammatikalisch korrektes, schönes Deutsch, wird vielleicht auf der Bühne des Burgtheaters gesprochen...
Man kann stolz darauf sein, die Schriftsprache in Wort und Schrift zu beherrschen.
Man kann nicht stolz darauf sein, diese ausschliesslich zu beherrschen!
Lustig, dass vor allem in Bayern, wo viele Leute stolz darauf sind, der Hochsprache nicht mächtig zu sein, sie als "Schriftsprache" deklarieren unter Berufung auf einen Zustand zu einer Zeit, zu jener man schon als weltgewandt galt, wenn man mehr als 30km vom Geburtsort entfernt gewesen war.
Im Grunde sind wir uns aber einig, es ist wichtig, die eigene Mundart zu kennen, aber heute gilt es eben doch als Zeichen von Bildung, wenn man sich *auch* in der Hochsprache auszudrücken vermag.
Man kann stolz darauf sein, einen Dialekt zu sprechen. Man kann nicht stolz darauf sein, ihn ausschließlich zu sprechen!
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