Von Thomas Steinfeld

Auf die Herkunftssprachen von Migrantenkindern gehen die meisten Schulen mittlerweile ein. Warum also nicht auch auf den Heimatdialekt der Kinder? Die Friesen verlangen nun Unterricht in friesisch.

In Ostfriesland, weit im Nordwesten der Republik, hat sich ein Bündnis von Bürgerinitiativen gebildet, das von der niedersächsischen Landesregierung verlangt, dass einzelne Schulstunden künftig auf Niederdeutsch gehalten werden dürfen. Die Allianz umfasst unter anderem Vertreter vieler Kindertagesstätten, den Kommunalverband "Ostfriesische Landschaft" und den Verein "Ostfreeska Taal".

Ostfriese, dpa

Ostfriesland - bekannt für den Komiker Otto und seine Sprache. Ein Bündnis von Bürgerinitivativen will die ostfriesischen Mundart wieder beleben und verlangt Fremdsprachenunterricht in Platt. (© Foto: dpa)

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Schon heute gebe es Fächer wie Mathematik und Religion, die auf Englisch unterrichtet würden, erläutert der Gesprächskreis "Tweesprakig Unnericht in de Grundschool". Damit solle die Zweisprachigkeit der Kinder gefördert werden. Ein solcher bilingualer Unterricht sei genauso gut auf Niederdeutsch möglich. Im Übrigen werde in den Richtlinien des Kultusministeriums zwar auf die Herkunftssprachen von Migrantenkindern eingegangen. Das Niederdeutsche hingegen, "das die Kinder in weiten Teilen Niedersachsens noch als Nahsprache in ihrem natürlichen Umfeld erfahren können", werde dagegen viel zu wenig berücksichtigt.

"Wir können alles. Außer Hochdeutsch" lautet der Slogan, mit dem Baden-Württemberg vor vier Jahren in einer Werbekampagne auf sich aufmerksam machen wollte. Der Satz spiegelt einen immer gewöhnlicher werdenden Umgang mit der Sprache: Daheim, im "natürlichen Umfeld", reden die Schwaben, die, wie die meisten Süddeutschen, viel häufiger Dialekt sprechen als die Norddeutschen, in der Mundart daher. In der (höheren) Ausbildung und im Beruf hingegen verwandeln sie sich scheinbar in weltläufige Anglophone. Die Hoch-, Schrift- oder Standardsprache, die sich in Deutschland im 19. Jahrhundert nur allmählich durchsetzen konnte und die tatsächlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts von Millionen Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten, zur allgemeinen Sprache wurde, ist in diesem Gegenüber nicht mehr vorgesehen.

Englisch und Ostfriesisch auf dem Stundenplan

Es sei wissenschaftlich erwiesen, argumentiert die ostfriesische Initiative, "dass die frühe Mehrsprachigkeit eine sehr gute und effektive Sprachfördermethode" sei. Warum nur eine Fremdsprache lernen, wenn man es auch mit zweien tun kann? "Wir sind der Meinung, dass der frühe Erwerb mehrerer Sprachen nicht in Konkurrenz zum Erwerb der Fremdsprache Englisch steht, sondern durch diesen sinnvoll ergänzt wird." Auf das Englische soll es also ankommen. Dagegen erläutert die Initiative nicht, wie es der deutschen Hochsprache ergehen soll, die ja vielen Kindern in der Schule zunächst auch wie eine Fremdsprache gegenübertritt. Die "übliche Diglossie Dialekt/Deutsch", erklärt angesichts solcher Verhältnisse der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, "wird zu einer Triglossie: Dialekt/Deutsch/Englisch, die das Deutsche in der Mitte von beiden Seiten aus auffrisst und zur Diglossie Dialekt/Englisch tendiert".

In der Vergangenheit war das unmittelbare Gegenüber von Volkssprache und Fremdsprache in ganz Europa etwas Gewöhnliches: In der Wissenschaft galt bis ins 18. Jahrhundert hinein das Lateinische als Verkehrssprache, bei Hof und in der Diplomatie noch hundert Jahre später das Französische. Vielleicht waren die zweihundert Jahre, in denen sich die Bewohner deutscher Landschaften in einer großen kulturellen Anstrengung und mit Erfolg um eine gemeinsame deutsche Hochsprache bemühten, ja eine kulturpolitische Ausnahme - und in Zukunft wird es wieder, wie früher, eine Sprache für die Dummen und eine für die Klugen geben.

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(SZ vom 7.5.2008/sam)