Die Reformen nach dem ersten Schock zeigen Wirkung - nun muss die Langzeit-Therapie folgen.
In der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin ging es am Mittwochabend diskret zu wie bei der Papstwahl. 16 Kultusminister saßen stundenlang in geschlossener Runde. Aufmerksam wie Musterschüler lauschten sie dem Bericht des Pisa-Forschers Manfred Prenzel. Kein Mucks drang nach außen, schon gar kein Hinweis auf Ranglisten. Bis 21 Uhr hielt das Stillhalteabkommen. Dann durchbrachen einige das Schweigen, sandten Mails und Faxe durch die Republik. Tags darauf bei der Präsentation der Ergebnisse war die Anspannung der letzten Tage gewichen. Heiterkeit brach aus, als ein Journalist versehentlich fragte, ob die gleichen Schüler "wie vor 2000 Jahren" getestet wurden. Und dann setzte er nach: "Wird in Pisa auch die Menschlichkeit gemessen?" Manfred Prenzel musste passen.
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Beim Pisa-Test wurden 15-jährigen Schülern harte Fakten und fachliche Kompetenzen abverlangt. Aber die Minister wollten sich diesmal möglichst menschlich zeigen. Der Leistungsvergleich habe nicht das Ziel, Verlierer zu benennen, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und brandenburgische Ministerin, Johanna Wanka. Es gehe nicht um eine "Bildungsolympiade". Auch die anderen Minister verbreiteten gute Laune. "Die Schulen in Deutschland werden nicht schlechter, sie werden besser und sind auf einem guten Weg", sagte Baden-Württembergs Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) erfreut. Nicht einzelne Positionen, sondern die gute Tendenz sei für die Bewertung entscheidend, fand auch Jürgen Zöllner (SPD), Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz.
Im Vergleich zum ersten Pisa-Test aus dem Jahr 2000 gibt es tatsächlich positive Signale. "Die Länder der Bundesrepublik Deutschland scheinen insgesamt auf einem erfolgversprechend guten Weg zu sein", heißt es vorsichtig im neuen Bericht des wissenschaftlichen Pisa-Konsortiums. Das Leistungsniveau sei gestiegen, einzelne Bundesländer verzeichneten sogar deutliche Zuwächse. Nur noch wenige lägen unter den OECD-Durchschnittswerten. Als Ursachen für die Besserungen werden eine andere "Wertschätzung des Lernens" sowie die von allen Ländern eingeleiteten "Qualifizierungsprogramme" genannt.
Kritisch sehen die Forscher jedoch nach wie vor die zum Teil hohen Kompetenzunterschiede zwischen den Ländern. Auch beklagen sie einen nach wie vor unerfreulich starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen.
Der Abstand zwischen Bayern und dem nationalen Schlusslicht Bremen beträgt weiterhin mehr als 60 Punkte - oder, wie es die Forscher anschaulicher in Unterrichtszeit ausdrücken: eineinhalb Schuljahre. Die meisten Bundesländer bewegen sich auf dem schulischen Durchschnittsniveau der OECD. Über dem Durchschnitt liegen in allen vier Testbereichen nur Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg. In der Gesamtwertung haben dabei die Sachsen den Schwaben den zweiten Rang abgetrotzt, den diese bei Pisa 2000 noch innehatten. In Mathematik schließt Thüringen, bei der Problemlösen Schleswig-Holstein auf.
Am Ende der Skala, also unter dem OECD-Durchschnitt, liegen vor allem die Stadtstaaten Bremen und Hamburg, aber auch Nordrhein-Westfalen und Brandenburg sind hier vertreten.
Schlechte Leser
Durchwegs unzufrieden sind die Pisa-Forscher nach wie vor mit den Ergebnissen der deutschen Schüler im Lesen. Neun Bundesländer liegen hier unter dem internationalem Mittelwert. Und nur drei konnten sich deutlich verbessern: Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bremen. Umso besser schneiden die Schüler in der Mathematik ab. Vier statt bisher zwei Bundesländer liegen über dem OECD-Mittel. Acht haben sich nach Angaben der Pisa-Forscher stark verbessert, darunter Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In den Naturwissenschaften gelang es sogar zum ersten mal drei Ländern, überhaupt den OECD-Mittelwert zu überschreiten. Neun statt bisher fünf erreichten Durchschnittswerte.
Die "relative Stärke" der Deutschen, das deutete bereits die Auswertung des internationalen Pisa-Tests im Dezember an, liegt aber im Problemlösen. Fünf Länder sind hier im Spitzenfeld. Bayern ist dabei nur 16 Punkte von der Weltspitze (Korea) entfernt.
Unterdessen entbrennt in der Bildungspolitik wieder eine Debatte über Chancengleichheit. Aus den neuen Pisa-Daten geht zwar hervor, dass in erfolgreichen Bundesländern wie Bayern und Sachsen die mathematische Kompetenz der Schüler nicht so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie etwa in Hamburg oder Bremen. Doch im internationalen Vergleich liegt auch Bayern bei der sozialen Ausgewogenheit deutlich hinter Finnland, Japan oder Kanada.
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) nannte den Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft "unerträglich". Deutschlands Bildungssystem brauche mehr Durchlässigkeit, sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Es dürfe nicht nur auf die Mittelwerte des Leistungsvergleichs geschaut werden. Entscheidend sei auch, ob es gelinge, soziale Benachteiligung in den Schulen auszugleichen. Sie strebe weiterhin die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen an. Zugleich warnte die Kieler Ministerin davor, nun im Wahlkampf eine "hysterische Debatte" über die Schulpolitik zu beginnen.
Auch der Leiter des von der Kultusministerkonferenz neu eingerichteten Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, Olaf Köller, plädierte im Gespräch in der SZ für einen besonnenen Umgang mit den neuen Pisa-Daten. Alle Bundesländer hätten sich bereits daran gemacht, die Qualität ihrer Schulen zu steigern, so Köller. Nun brauche es vor allem eins: Ruhe.
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(SZ vom 15.7.2005)
DFB-Torhüter ter Stegen