16 Bundesländer, 16 Schulsysteme: Es gibt viele Schulformen in Deutschland, doch Mobilität gibt es meist nur nach unten.
Dass die Deutschen ein Faible für Vorschriften haben, ist bekannt, und auch Klaus Klemm wusste es. Überrascht war der Bildungsforscher von der Universität Duisburg-Essen dann aber doch, als er unlängst die lange Liste der weit über hundert Verordnungen und Paragrafen zusammengetragen hatte, die es bundesweit zum Thema "Schulwechsel" gibt.
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"Ein gigantischer bürokratischer Aufwand regelt den Schul-Parcours", spottet Klemm: Wann Kinder eingeschult werden dürfen, unter welchen Umständen sie von einer Grundschule auf die Sonderschule wechseln müssen, welche Noten sie brauchen, um eine Ehrenrunde zu vermeiden, und so weiter.
Nun könnte man entgegenhalten: Wo es so viele Schulformen gibt, die zudem in jedem Bundesland unterschiedlich ausgeprägt sind (siehe Grafik), muss man eben den Übergang zwischen diesen auch regeln. Immerhin gilt in Schulämtern und Ministerien das Credo, dass jede Schullaufbahn korrigierbar ist.
Durchlässiges System
Deutschland mag ein dreigliedriges, mancherorts gar fünfgliedriges System haben, das Kinder nach nur vier Jahren Grundschulzeit ungewöhnlich früh sortiert - aber es ist durchlässig. Ein guter Hauptschüler, so die offizielle Lesart, kann schließlich auf die Realschule wechseln, eine gute Realschülerin später auch Abitur machen.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, und sie könnte der nach den neuesten Pisa-Ergebnissen wieder einmal aufgeflammten Debatte um die Hauptschule neue Nahrung geben: Es gibt sie, die Mobilität im deutschen Schulsystem, aber meist nur nach unten, wie zuletzt Klemms Studie verdeutlicht hat.
Mit 14 Prozent wechseln zwar heute mehr Schüler zwischen der fünften und zehnten Klasse die Schulform als noch vor vierzig Jahren. Damals war es weniger als jeder zehnte Schüler. Doch die Zunahme ist selten mit Aufstieg verbunden: Für jeden Schüler, der in eine höhere Schulform wechselt, gibt es vier andere, die heruntergestuft werden.
Erschwert wird ein Wechsel vielerorts auch durch neue Lehrpläne, welche die Unterschiede zwischen den Schulformen eher betonen als verwischen. Auch das achtjährige Gymnasium, das in Bayern etwa mit der zweiten Fremdsprache schon in der sechsten Klasse einhergeht, erleichtert Haupt- und Realschülern nicht gerade den Sprung nach oben.
Soziale Sprengkraft erhält die geringe Durchlässigkeit dadurch, dass Kinder schon mit zehn Jahren aufgeteilt werden - und nicht immer gemäß ihrer Intelligenz. Sowohl Lehrer als auch Eltern neigen nämlich dazu, den sozialen Status zu zementieren.
So erhalten die Sprösslinge von Akademikern fast dreimal häufiger eine Empfehlung für das Gymnasium als die der Arbeiter, gleiche Intelligenz vorausgesetzt. Das Akademikerkind wird schon, so denken insgeheim viele Pädagogen, von seinen Eltern, notfalls von Nachhilfelehrern, Unterstützung erhalten, was ja sogar meistens auch stimmt.
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