SZ-Interview mit Michael Steinbacher, dem Initiator des Volksbegehrens gegen das achtjährige Gymnasium.
Das achtjährige Gymnasium steht zur Debatte. Am 17. Juni startet die Einschreibung für das Volksbegehren zur Abschaffung der Schulzeitverkürzung. Initiator Michael Steinbacher braucht zehn Prozent der Wahlberechtigten, damit ein Volksentscheid stattfinden kann.
Um sechs Uhr aus dem Haus, um sechs Uhr abends wieder zurück: Seit dem G8 dauern die Schultage länger. (© Foto: dpa)
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SZ: Sehen Sie überhaupt eine Chance, 916.000 Stimmen, also zehn Prozent, für das Volksbegehren zu bekommen?
Steinbacher: Wenn wir keine sähen, wären wir nicht angetreten. Es gibt genügend Eltern, Schüler, Studenten und deren Verwandte, sodass wir die zehn Prozent zusammenbekommen können. Aber es ist schwer, das gebe ich zu. Wir werden unsere Mittel einsetzen, um die Menschen zu mobilisieren und ihnen zu zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, die Staatsregierung für ihre gegenwärtige Bildungspolitik abzustrafen.
SZ: Bisher treten Sie nicht besonders stark in Erscheinung.
Steinbacher: Das machen wir bewusst so. Wir haben wenig Mittel, die wir erst kurz vor und während des Volksbegehrens einsetzen wollen. Wir planen für die Zeit eine komplette Plakatierung Bayerns, soweit uns das gelingt. Auch sollen Demonstrationen, Protestveranstaltungen und Aktionstage stattfinden. Insgesamt stehen uns dafür zurzeit 30.000 Euro zur Verfügung.
SZ: Wer unterstützt Sie?
Steinbacher: Die Hauptkritik kommt von den betroffenen Eltern. Sie sind sauer über die Art und Weise, wie sie von der CSU überrumpelt wurden. Denn bis zur Landtagswahl 2003 war ja die Linie der Staatsregierung eindeutig: Das G9 sollte das grundlegende Modell und das G8 lediglich eine alternative Option sein. Jetzt ist es flächendeckend gekommen, und die Eltern sehen, wie ihre Kinder überfordert werden, weil aus einer Halbtagsschule eine Ganztagsschule gemacht wurde, ohne dafür die notwendigen Ressourcen zu geben. Das regt die Leute besonders auf, gerade auf dem Land. Dort gehen die Kinder um sechs Uhr aus dem Haus und kommen um sechs Uhr abends zurück. Das mag in den Städten anders sein, wo die Wege kürzer sind. Auf dem Land schaut das aber verheerend aus. Ich denke auch, dass wir dort vor allem punkten werden.
SZ: Ihre Initiative richtet sich nicht nur gegen das G8, sondern gegen alle möglichen Pläne der CSU wie das Büchergeld oder auch die Studiengebühren. Wie passt das zusammen?
Steinbacher: Was sollen wir machen? Wir haben nur einen Punkt, an dem wir jetzt mit einem Begehren einhaken können. So wollen wir erst einmal das G8 stoppen. Darüber hinaus ist es doch legitim, zur Bildungspolitik ein Paket zu schnüren. Studentenvertreter in Erlangen haben mir jedenfalls schon signalisiert, sich massiv für unser Begehren einsetzen zu wollen, weil wir uns eben auch gegen Studiengebühren ausgesprochen haben. Mehr können wir uns nicht wünschen, als die Initiative zu einem generellen Bildungs-Volksbegehren zu machen. Wir müssen unsere Aktivität auf eine breitere Basis stellen und so der Staatsregierung zeigen, dass uns all diese Maßnahmen nicht gefallen.
SZ: Erwecken Sie damit nicht falsche Hoffnungen? Letztlich müssen Sie doch einen alternativen Gesetzesentwurf zum G8 vorlegen.
Steinbacher: Den haben wir auch schon vorgelegt. Es geht ja hier nur um die kleine Änderung im bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz. Da soll ab 1. August wieder drinstehen, dass das Gymnasium die Jahrgangsstufen fünf bis 13 umfasst. Das Problem ist, mit dem Volksentscheid müssen wir eine eindeutige Alternative bieten. Wir können hier nicht beliebig viele Dinge mit hineinpacken. Es muss eine klare, einfach formulierte Frage sein. Ich persönlich wäre ja schon damit zufrieden, wenn die CSU zu dem zurückkäme, was vor den Landtagswahlen 2003 galt: das G9 als Regelschule und das G8 als Alternative.
SZ: Von sich aus wird die CSU nicht freiwillig einlenken.
Steinbacher: Das ist leider so, aber das wäre das Beste, wenn man endlich die Probleme sehen würde. Das fängt doch schon bei den fehlenden Lehrern an, die für diese aufgeblähten Stundentafeln erforderlich wären.
SZ: Über die Stundentafeln will der neue Kultusminister Siegfried Schneider ja nochmals mit sich reden lassen.
Steinbacher: Er hat lediglich angekündigt, prüfen zu wollen, ob es strukturelle Probleme mit dem G8 gibt oder lediglich Übergangsschwierigkeiten. Was er damit meint, ist völlig unklar.
SZ: Wären Sie denn mit einem G8 einverstanden, das wie in anderen Bundesländern, mit weniger Unterricht auskommt?
Steinbacher: Ich persönlich ja, wenn nicht wieder am Sport gekürzt wird. Ich bin kein absolut eingefleischter G9-Fan. Wenn ein G8 entsprechend gründlich vorbereitet ist, kann ich es mir durchaus vorstellen. Nur zurzeit sehe ich keine andere Möglichkeit, als erst einmal zum G9 zurückzukommen. Ich habe selbst einen Sohn in der fünften Klasse, und ich will nicht, dass er durch den pädagogischen Fleischwolf gedreht wird.
SZ: Und Sie glauben, ohne den Philologenverband und die Opposition im Landtag auf Ihrer Seite zu haben, wird ein Volksbegehren durchgehen?
Steinbacher: Man muss zwischen der Führungsspitze der Verbände und Parteien und der Basis unterscheiden. Wir haben von der Basis aus ganz vielen Ecken, von den Grünen, der SPD, aber auch dem Philologenverband , schon viel Unterstützung erfahren. Selbst Spenden gehen regelmäßig ein. Es kommt uns ja nicht auf eine eigene Profilierung an. Wir sind einfach überzeugt davon, Unheil von den Kindern abzuwenden, aber auch vom Staatswesen. Es stehen doch schon gar nicht die ausreichenden Mittel zum Ausbau der Nachmittagsbetreuung zur Verfügung. Die Kommunen werden auf den Kosten vielfach sitzen bleiben.
SZ: Und wenn Sie scheitern?
Steinbacher: Dann müssen wir es sportlich nehmen, und schauen, dass wir weiterhin das Beste für unsere Kinder bewirken.
(SZ vom 31.5.2005)
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