Wer in der Neunten sitzen bleibt, rutscht auf die Hauptschule ab. In manchen Klassen sind bis zu einem Drittel der Schüler versetzungsgefährdet.
Tausende Eltern von Neuntklässlern am Gymnasium plagt derzeit eine gemeinsame Sorge: Falls ihre Kinder das Klassenziel in diesem Jahr nicht erreichen, rutschen sie schlimmstenfalls an die Hauptschule ab. Denn die Schüler befinden sich an der Schnittstelle zum achtstufigen Gymnasium (G8). Und ein Wechsel in das G8 oder an die Realschule ist für Wiederholer der alten Gymnasialform von Jahr zu Jahr schwieriger geworden.
"Wie sollen sie das schaffen?": Eltern fürchten um die Schulkarriere ihrer Kinder. (© Foto: iStockphoto)
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"Die Schüler sind in der Sackgasse", klagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des deutschen Philologenverbands und Schulleiter in Deggendorf. Zwar hätten sich die Gymnasien jahrelang bemüht, die leistungsschwachen Schüler in die nächste Klasse zu hieven, aber nun seien viele am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. "Das Problem verschärft sich mehr und mehr, weil die Lerndefizite natürlich nicht weniger werden", sagt Meidinger.
Es gebe inzwischen Klassen, in denen bis zu ein Drittel der Schüler versetzungsgefährdet sei. Das sind jene Buben und Mädchen, die mindestens eine Fünf im Zeugnis stehen haben. Meidinger schätzt, dass zwischen 3000 und 4000 Neuntklässler betroffen sind. Entspannung erwarte er erst im nächsten Jahr, da die Schüler dann am Gymnasium die Mittlere Reife machen könnten.
Seit der Einführung des G8 gilt für die Gymnasien, dass sie im letzten G9-Jahrgang ein Durchfallen möglichst vermeiden sollen. Das Kultusministerium erlaubt beispielsweise das "Vorrücken auf Probe", was bedeutet, dass auch Schüler mit zwei Fünfen oder mehr in die nächste Klasse vorrücken können. Außerdem sollen die Gymnasien gezielte Förderkurse anbieten und Schüler wie Eltern intensiv beraten. In der Realität fehlen den Gymnasien aber häufig die Lehrer, um ausreichend Angebote zu machen, sagt Max Schmidt, Vorsitzender des bayerischen Philologenverbands. "Die Emotionen der Eltern kochen zu Recht hoch, aber wir haben zu wenig Lehrkräfte."
Gelingt den Jugendlichen der Sprung in die zehnte Klasse nicht, droht ihnen jetzt der Absturz in die Hauptschule. Der Lehrplan des G8 ist schon stark vorangeschritten und die Stoffmenge weit größer. "Wie sollen die Schüler das schaffen, sie haben ja ohnehin schon Lernprobleme?", fragt sich die Mutter eines Neuntklässlers. Zuweilen wüssten sogar Schulberater nicht mehr, was sie empfehlen sollten. Gleich zwei Jahrgangsstufen zurückzugehen, sei wegen der großen Altersunterschiede in den Klassen schwierig. Eltern befürchten deshalb, dass das einmalige Sitzenbleiben die ganze Schulkarriere ihres Kindes ruinieren könnte.
Besonders bitter: Sogar der Weg an die Realschulen bleibt den Gymnasiasten immer öfter versperrt. Denn in Profilfächern wie etwa Rechnungswesen müssten sie mittlerweile Jahre aufholen. "Es ist sehr, sehr schwierig, in der neunten Klasse noch Fuß zu fassen", sagt ein Realschulleiter. Er könne eigentlich nur noch Gymnasiasten aufnehmen, die weder in Mathe noch in Fremdsprachen Schwächen hätten. Er habe schon Bewerber abweisen müssen, auch wegen der übervollen Klassen. Sie versuchten dann wenigstens den Quali zu schaffen, um über den M-Zug noch an die Mittlere Reife zu kommen.
Die Elternvereinigung der Gymnasien fordert nun mehr Lehrer zur Förderung und die Garantie, dass alle Neuntklässler vorrücken dürfen. Beide Augen einfach zuzudrücken, helfe den Kindern nicht weiter, warnt hingegen Meidinger. "Wir brauchen sofort einen zusätzlichen Stundenpool." Im Juni, wenn durch das Abitur Lehrer frei werden, sei es bereits zu spät. Das Ministerium will diesen Stundenpool aber nicht gewähren. Die Zahl der Schüler am Gymnasium, die das Ziel der Jahrgangsstufe nicht erreicht hätten, sei zuletzt kontinuierlich gesunken, hieß es. Im vorigen Jahr seien es 7,3 Prozent der Neuntklässler gewesen.
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(SZ vom 21.3.2007)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Die Durchlässingkeit in nur eine Richtung ist ja schon länger bekannt.
Ich frage mich allerdings auch, ob das Problem so wichtig ist, dass es "zuerst" behandelt werden muss.
Die die ich kenne, die "von unten nach oben" gestiegen sind, waren zwar alles intelligente fleißige Leute, aber besondere Überflieger, denen wirklich eine große Chance verborgen geblieben wäre, waren keine dabei.
beim entsetzten lesen des artikels, aber auch der kommentare fällt mit ein hauptproblem auf, das den autoren gar nicht bewusst zu sein scheint:
das bayerische schulsystem ist bis heute, g9 vs g8 hin und m-zug der hauptschulen her, nur von "oben nach unten" durchlässig, aber nicht in die gegenrichtung. wer einmal vom gymnasium abgestiegen ist, hat keine chance mehr, im 1. bildungsweg noch zu einer allgemeinen hochschulreife zu kommen.
in meiner schulzeit hatten wir auch etliche derartige 'verluste' zu beobachten, je nach jahrgang der entscheidung wurde dann halt an die benachbarte realschule oder die fachoberschule gewechselt, um dort weiterzumachen.
von "unten nach oben" besteht nur mit erheblichem willen zum durchbeißen nach lehre, ggf. quabi, ansonsten bas, gefolgt von fos oder bos noch die chance zu einer hochschulreife, die ist dann aber eine fach-hochschulreife oder eine fachgebundene hochschulreife.
wer erstaunt war ich, als ich von der durchlässigkeit z.b. des hessischen schulsystems erfuhr (welches auch immer mal wieder gerne geschmäht wird im stile von "haben sie nicht verwandte in unterfranken, vllt. können sie dann in hessen abitur machen", wurde einer mitschülerin meinerzeit angeraten). hier gibt es doch tatsächlich die möglichkeit, auf der einen schule zu kucken, wie weit man kommt, und dann ggf. auf einer anderen noch die oberstufe dranzuhängen. da gibt es sogar schulen, die nur die oberstufe anbieten! übrigens hat auch hessen gerade das zentralabitur eingeführt, die prüfungen laufen gerade und werden nicht schlecht angenommen, zum teil seien sie sogar leichter als die schuleigenen prüfungen der vergangenen jahre, ist zu hören. nun aber genug der lobhudelei auf hessen, auch hier gibt es genug anlass zur klage.
worauf ich aber hinauswill:
in bayern ist die einzige chance der kinder und jugendlichen, bei erster gelegenheit den ast gymnasium zu schnappen und nach möglichkeit nicht mehr loszulassen. denn eine zweite chance werden sie nicht bekommen.
lieber garviel,
mit ihrer vermutung, dass ich mein abi nicht in bayern gemacht habe, liegen sie falsch.
ich habe in bayern mein abi gemacht.
anschließend studierte ich an der uni ulm informatik mit guten erfolg.
beim mathe, das ich am gymnasium kennengelernt habe, ginge es um berechnungen.
an der uni ging es um logische schlußfolgerungen und beweise!
das sind zwei verschiedene welten.
dazu muss ich sagen, dass wir in der uni mathe bei den echten mathematiker hatten und keine eigene kurse.
alles in allem war es ein echter kulturschock.
aber ich muss auch sagen, dass mir der unibetrieb viel besser gefallen hat.
was sich auch an meinen leistungen wiederspiegelte.
an der uni hat mir das eigenständige lernen mehr spass gemacht und ich zeigte bessere leistungen.
aus meiner sicht geht die art und weise, wie und was an den schulen gelehrt wird, insbesondere gymnasien, an den bedürfnissen der kinder und unserer gesellschaft vorbei.
über den schwachsinn g8 und wie es umgesetzt wurde, besser gesagt gegen den willen der eltern und schüler durchgedrückt wurde, möchte ich keine weiteren worte verlieren.
g8 ist ein prestigeobjekt der bayerischen politiker.
die eltern und schüler sind leidtragende des g8.
morgendliche grüße, jolligo.
wenn sie sich wirklich gedanken um den von ihnen "bedachten" schüler machen, sollten sie evtl. weniger sein begabung in frage stellen, denn wenn er mäßig interessiert ist, kann das unterschiedliche gründe haben. begabung jedoch zeigt sich m.E. auch, wie sich menschen mit themen auseinandersetzen, die sie interessieren. ich würde auch mutmaßen, daß es ein mäßig interessierter schüler auf der realschule, die nach meiner auffassung noch weniger wert auf die entwicklung von interessen, einstellungen und speziellen begabungen als vielmehr auf konkrete, berufsvorbereitende inhalte legt, noch schwerer haben würde.
das ist eben das dilemma, daß m.e. das so früh dreigeteilte schulsystem die schüler in relativ feste bahnen lenkt, die sie selten aus eigener überzeugung einschlagen, über die sie aber schnell in der einen oder anderen richtung festgelegt und stigmatisiert werden. ich könnte mir wesentlich offenere lernmodelle vorstellen, die kindern die unterschiedlichkeit ihrer späteren chancen zumindest länger erhalten. dann wärs für den von ihnen beschriebenen jungen mann möglicherweise einfacher, den passenden lernmodus für sich zu finden. und es würden nicht so viele kinder bereits nach der grundschule abgehängt, was gerade im lichte unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen umwälzungen eine fatale zukunftslosigkeit für bildungarme schichten zementiert.
leider utopisches wunschdenken in einer von der kultusbetonkopfmafia beherrschten deutsche bildungslandschaft..........
Habe in BW Abitur gemacht und glaube nicht, daß wir hinter Bayern inhaltlich nachstehen. Aber auch mit Mathe LK und anschließendem Mathestudium (jetzt kurz vor Abschluß) kann ich nicht bestätigen, daß die Schulmathe, die eher mit Rechnen bezeichnet werden sollte, viel mit der Mathe an der Uni zu tun hat. Vielleicht die ersten drei Wochen der Analysis im ersten Semester. Danach ist man schon Welten entfernt. Vor allem geht es im Studium um ganz andere Bereiche der Mathematik, für die man in der Schule gar keine Zeit hat.
Trotzdem legt die Schulmathematik einen wichtigen Grundstein für die Fähigkeiten, logisch denken zu können.
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