Wer zwei Fünfer oder eine Sechs im Zeugnis hat, bleibt künftig am Gymnasium nicht mehr zwangsläufig sitzen.
München - Das Kultusministerium will großzügiger mit versetzungsgefährdeten Schülern an Gymnasien in der fünften bis neunten Klasse umgehen. Zwei Fünfer oder eine Sechs im Zeugnis werden nicht mehr zwangsläufig zum Sitzenbleiben führen, sofern Lehrer und Eltern entsprechend entscheiden. Das geht aus dem Entwurf zur Änderung der gymnasialen Schulordnung im Zuge der Schulzeitverkürzung hervor. Zudem kann die Zahl der Schulaufgaben reduziert und durch andere Prüfungen ersetzt werden. Die Regelungen sollen spätestens zum Halbjahreszeugnis 2005 in Kraft treten.
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Seit drei Jahren denken Gymnasiallehrer über neue Formen der Leistungserhebung nach - seitdem Pisa die hohe Drop-Out-Quote der bayerischen Gymnasien kritisiert hat. So wechseln zwar in der fünften Klasse gut 30 Prozent eines Jahrgangs an die höhere Schule. Das Abitur erreichen hingegen nur 19 Prozent. Ein Drittel muss zurück an die Real- oder Hauptschule, häufig nachdem die Schüler bereits Ehrenrunden am Gymnasium gedreht haben. Die Demotivation ist dementsprechend groß.
Generell bleiben rund drei Prozent der Schüler jährlich am Gymnasium sitzen. Häufig wegen schlechter Leistungen in einem oder zwei Fächern. Hier setzt die neue Verordnung an: Wer lediglich eine Sechs in einem Kernfach und ansonsten keine schlechteren Noten als durchschnittlich eine Vier hat, muss die Klasse nicht mehr wiederholen. Gleiches gilt für zwei Fünfer im Zeugnis, sofern nur einer in einem Kernfach steht, also in Deutsch, Mathematik oder einer Fremdsprache. Dann können Eltern einen Antrag auf Vorrücken stellen. Die Klassenlehrer müssen dem jedoch nicht zustimmen. Es liegt somit im Ermessen der Schule, zu entscheiden, ob künftig "der Schüler die Mängel bis zu den Herbstferien beheben kann", heißt es.
Ähnlich ist es bei der Anzahl der Schulaufgaben. Das Ministerium schreibt in Kernfächern lediglich eine Mindestzahl vor: jährlich vier. Und selbst diese dürfen durch "gleichwertige Leistungen", beispielsweise zwei Kurzarbeiten, ersetzt werden.
"Mit den neuen Regelungen soll unnötiges Wiederholen vermieden, das Sitzenbleiben in Bayern jedoch nicht abgeschafft werden", teilte das Kultusministerium mit. Allerdings bestritt man, dass die Lockerung mit Blick auf das achtjährige Gymnasium erfolge. So befürchten Lehrer und Eltern durch die Verkürzung erheblich mehr Leistungsdruck auf Schüler. Der bayerische Elternverband begrüßte die Pläne: Lernpsychologisch und volkswirtschaftlich sei es ein Unsinn, den gesamten Stoff eines Jahres wiederholen zu lassen, wenn es nur Lücken in Französisch gebe. Kritik übten hingegen die Philologen. Der Verband sagte, dass es wichtiger sei, im Vorfeld die Förderung zu verbessern.
Generell herrscht große Zustimmung zu vielen inhaltlichen Neuerungen, die mit dem G 8 geplant sind, wie eine Anhörung im Landtag zeigte. Skeptiker zweifeln jedoch daran, dass sich viele längst überfällige Reformen gerade in einer kürzeren Schulzeit umsetzen lassen.
(SZ vom 7.5.2004)
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