Von Von Christine Burtscheidt

Bis 2,33 und nicht weiter: Die Viertklässler erhalten in dieser Woche ihre Übertrittszeugnisse, nur die Besten können aufs Gymnasium. Den Lehrern ist der "ungeheure Druck" auf die Schüler zu hoch.

Die schlimmste Zeit im Schuljahr sind für Simone Fleischmann die Wochen zwischen Weihnachten und Pfingsten. Eltern bestürmen dann die Poinger Grundschullehrerin, schicken E-Mails, rufen an und suchen ständig ihre Sprechstunden auf. Letztlich treibt sie alle nur ein Wunsch: "Schafft es mein Kind auf das Gymnasium oder wenigstens die Realschule?"

Schüler

35 Prozent der Viertklässler in Bayern besuchen im Anschluss an die Grundschule das Gymnasium. Die Lehrer fordern eine längere gemeinsame Grundschulzeit. (© Foto: dpa)

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Heute Mittag wird der Ansturm bei ihr ein Ende haben - zumindest bis zum nächsten Jahr. Denn in dieser Woche gibt es die Übertrittszeugnisse der Viertklässler. Das sind Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten, vor allem aber Noten in Deutsch, Mathematik sowie dem Heimat- und Sachkunde-Unterricht. Und davon hängt maßgeblich die Schullaufbahn der Kinder in Bayern ab.

2,66 reicht nicht

Wer in Mathe und Deutsch nicht schlechter als mit einer 2,0 abschneidet, darf auf das Gymnasium übertreten. Bereits von 2,33 an wird jedoch an die Realschule verwiesen. Mit 2,66 bleibt eigentlich nur mehr der Weg auf die Hauptschule, gleichgültig wie das die Eltern sehen. Ihr Wille ist in Bayern nicht von Belang.

Seit Jahren prangern Lehrer die strikte Selektion nach der vierten Klasse an. "Mit Ausnahme von Österreich wird nirgendwo auf der Welt so früh eine Prognose über die schulische Entwicklung eines Kindes erstellt", sagt der Volksschullehrer Klaus Wenzel, der zugleich Mitglied des bayerischen Lehrerverbands ist. Der Druck, der auf Schülern laste, sei enorm. Die Grundschule sei kaum mehr imstande, ihren Bildungsauftrag wahrzunehmen. Im Vordergrund stehe nur die Sortierung.

Und diese sieht in Bayern so aus: 35 Prozent der Viertklässler besuchen im Anschluss an die Grundschule das Gymnasium, 25 Prozent wechseln an die Real- und 40 Prozent an die Hauptschule. Regional sind die Übertrittsquoten dabei höchst unterschiedlich. Je städtischer und akademischer der Einzugsbereich der Schule ist, desto mehr Kinder schaffen den Sprung auf das Gymnasium. In München sind das 45,6 Prozent, in Erlangen sogar 48 Prozent, in strukturschwachen Gegenden wie Cham jedoch nur 23,2 Prozent.

Zu lange Wege

Ausschlaggebend für den Besuch einer höheren Schule, das zeigen auch internationale Vergleichsstudien wie Iglu und Pisa, ist das familiäre Umfeld. Einer Statistik der Landtags-SPD zufolge schicken Beamte ihre Kinder überdurchschnittlich häufig (77 Prozent) auf das Gymnasium; bei Kindern von Landwirten ist ein Besuch dieser Schulart jedoch eher die Ausnahme (27,1 Prozent).

Ein Hinderungsgrund sind oftmals auch die langen Schulwege auf dem Land, die Eltern nicht in Kauf nehmen wollen, selbst wenn ihre Kinder gute Noten haben. Dabei sind Grundschullehrer seit diesem Jahr angehalten, Fortschritte der Kinder bereits frühzeitig aufzuzeigen.

Neue, detaillierte Zeugnisse von der ersten Klasse an sollen in die Entwicklung des Kindes mehr Einblick geben, um so Überraschungen im Übertrittsjahr vorzubeugen. Lehrer zweifeln jedoch an deren Wirkungskraft. "Was nutzt alles messen, wenn wir nicht die Ressourcen haben, die Defizite der Kinder abzufangen", sagt Fleischmann. Auf dem Forderungskatalog des bayerischen Lehrerverbands steht deshalb mehr Personal, um den Förderbedarf, den Pädagogen diagnostizieren, auch umsetzen zu können. Auch wünscht der Verband eine längere, gemeinsame Grundschulzeit.

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(SZ vom 4.5.2005)