Von Alex Rühle

Weil Leistungsdruck und Erwartungen immer höher werden, überziehen Eltern die Schulen mit Beschwerden.

Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes, sagte einmal, Eltern seien "der ungehobene Schatz in unserem Bildungswesen". Ein irgendwie ja schönes Bild, das aber bei näherem Hinsehen so dramatische Schieflage bekommt wie die Titanic kurz vorm Sinken: Das Schiff der Bildung, unterwegs in den endlosen Meeren des Wissens, und irgendwo, tief unten am Meeresgrund, treiben die Eltern, passiv wie Wasserleichen, wertvoll wie spanische Galeonen, und warten auf ihre Bergung?

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Vielen Lehrern kommen die Eltern heute eher vor wie vielköpfige Seeungeheuer, die sie vernichten wollen. Umgekehrt sehen viele Eltern in den Lehrern unfähige Kapitäne, die ihre Kinder in den Abgrund manövrieren. Laut einer Studie des Erlanger Erziehungswissenschaftler Professor Werner Sacher können nur 17 Prozent der Lehrer und 10 Prozent der Eltern als so "aufgeschlossen" bezeichnet werden, dass sie von sich aus den Kontakt zueinander suchen. Um in Max Schmidts Bild zu bleiben: Es dürfte schwer sein, den Schatz in naher Zukunft zu bergen. Was gerade in Bayern viel mit der frühen, strengen Selektion zu tun hat.

Da fangen Eltern im Kindergarten damit an, ihre Kleinen fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Mütter von Siebenjährigen rufen verzweifelt bei der Schulberatung an und fragen, was aus ihrem Jungen nur werden soll, er habe gerade eine fünf nach Hause gebracht.

Kinder übernehmen solche Ängste sehr früh: Als die Hauptschullehrerin Ortrud Essling kürzlich an einer Münchner Grundschule Vertretungsunterricht machte, kamen mehrere Drittklässler auf sie zu und fragten entsetzt, ob die Klasse denn so schlecht sei, dass jetzt schon eine Hauptschullehrerin kommen müsse.

Essling ist nebenbei psychologische Beratungslehrerin am Schulamt München und sagt, der Druck und die Angst der Eltern hätten sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren "enorm verschärft". Zum einen sicherlich durch Pisa, zum anderen durch diffuse Globalisierungs- und Wettbewerbsängste.

Essling sagt, der zunehmende Druck mache die Kinder "richtiggehend kaputt". Viele kämen mit psychosomatischen Erkrankungen in ihre Beratungsstunde. "Die sitzen hier und fühlen sich schuldig: Die Mama hat doch so viel mit mir geübt und jetzt hab ich's wieder nicht geschafft. Ich möchte nicht, dass die traurig ist." In der vierten Klasse verwandeln einige Eltern den Alltag ihrer Kinder in zwölfmonatige Lernlager. Und den Lehrern heizen sie ein: wenn mein Sohn es nicht aufs Gymnasium schafft, hat die Lehrerin ihm ja wohl den Stoff nicht richtig vermittelt; außerdem mag sie Mädchen ja lieber als Jungen, das sieht man doch. Sie kaufen sich Ratgeber über ,,Elternrechte in der Schule'', bitten befreundete Lehrer um Privatgutachten zur Diktatbenotung ihres Sohnes, drohen in den Sprechstunden immer häufiger damit, dass sie Anwälte einschalten. Und wissen Sie eigentlich, dass mein Mann über hervorragende Beziehungen zum Landratsamt verfügt?!

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