Schüler bei der Berufswahl "Sie haben Angst, sich falsch zu entscheiden"

Maler oder Informatiker? Was soll ich nur werden? Abiturienten und die Qual der Berufswahl: Was sie beschäftigt und welche Rolle die Eltern spielen. Ein Interview mit einer Berufsberaterin.

Studieren oder nicht studieren: Nach Ansicht der OECD beantworten in Deutschland zu viele junge Menschen diese Frage für sich falsch. Die Akademiker-Quote in anderen Ländern ist deutlich höher wie ein internationaler Vergleich der Organisation zeigt. Doch für Abiturienten ist die Entscheidung für oder gegen ein Studium nur eine von vielen Fragen bei der Berufswahl. Was sie dabei beschäftigt, weiß Sabine Ertel-Garbe vom privaten Beratungsinstitut Telos Tübingen. Sie berät Gymnasiasten und Studenten bei der Berufsfindung.

"In der elften Klasse sollte man beginnen, sich mit der Berufswahl auseinanderzusetzen", sagt Sabine Ertel-Garbe (im Bild links, beim Beratungsgespräch).

(Foto: Foto: oh)

sueddeutsche.de: Warum brauchen Abiturienten Hilfe bei der Berufswahl?

Ertel-Garbe: Sie fühlen sich von der Schule nur unzureichend darauf vorbereitet. Die meisten haben zwar eine Idee, was sie werden möchten. Aber sie haben Angst, sich falsch zu entscheiden. Das liegt auch daran, dass viele den Anspruch haben, die Wahl, die sie treffen, müsste zu 100 Prozent stimmen.

sueddeutsche.de: Studieren oder nicht studieren: Was beeinflusst diese Entscheidung?

Ertel-Garbe: Die Schüler und Abiturienten haben eine erstaunlich offene Haltung, ob es ein Studium oder eine Ausbildung sein soll. Gegen ein Studium spricht für viele der Wunsch nach Praxisbezug. Außerdem scheint eine Ausbildung zeitlich überschaubarer. Dass sich das mit der Einführung der dreijährigen Bachelor-Studiengänge ändert, ist häufig nicht im Bewusstsein. Verbreitet ist auch die Einstellung: Wenn ich eine Ausbildung habe, habe ich etwas in der Tasche. Danach gibt es ja immer noch die Option, zu studieren - das ist vielen auch wichtig.

sueddeutsche.de: Schrecken denn die geplanten Studiengebühren ab?

Ertel-Garbe: Sie erhöhen den Druck, sich richtig entscheiden zu müssen. Der finanzielle Aspekt spielt durchaus eine Rolle. Man möchte den Eltern auch nicht zu lange auf der Tasche liegen.

sueddeutsche.de: Die Angst ist ja berechtigt: Die Studienabbrecherzahlen sind in Deutschland sehr hoch.

Ertel-Garbe: Viele merken relativ bald, dass das Studienfach nicht das Richtige ist. Aber sie haben den Anspruch, das durchzuziehen. Häufig ist auch der Gedanke da: Das kann ich meinen Eltern nicht antun. Bis sie einen Punkt erreichen, wo es einfach nicht mehr geht. Leider ist das häufig erst im dritten oder vierten Semester der Fall - oder sogar noch später. Wenn sie zu uns in die Berufsberatung kommen, sind sie sehr unglücklich.

sueddeutsche.de: Sie raten dann zum Studienabbruch?

Ertel-Garbe: Meist war gar nicht die Wahl überhaupt zu studieren, falsch. Es liegt vielmehr am Fach. Die Entscheidung, das Fach zu wechseln, hat dann etwas sehr Entlastendes. Es ist für die Betroffenen eine Befreiung zu erkennen: Ich habe nicht persönlich versagt, sondern es war der falsche Weg für mich. Das ist auch den Eltern gegenüber wichtig.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen denn die Eltern bei der Berufswahl?

Ertel-Garbe: Eine große - ohne dass das immer so klar ist. Oft hat für die Eltern das Abi die Priorität. Danach heißt es dann nur: Jetzt mach mal. Bewirb dich mal. Aber die Kinder werden damit alleine gelassen. Natürlich gibt es auch die gegenteilige Situation: Die Berufsentscheidung wird unterschwellig weitergegeben. In einer Arzt-Familie steht dann eben fest, dass das Kind Medizin studiert - auch wenn es selbst daran Zweifel hat.

sueddeutsche.de: Mädchen werden seit einigen Jahren umworben, einen technischen Beruf zu ergreifen. Spüren Sie das in der Beratung?

Ertel-Garbe: Es gibt eine Offenheit dafür. Aber stärker ist das Interesse, in Richtung Wirtschaft und Management zu gehen. Der Karriereaspekt ist ihnen eindeutig wichtig.

sueddeutsche.de: Was spielt denn bei der Berufswahl noch eine Rolle?

Ertel-Garbe: Die meisten Jungen und Mädchen gehen davon aus, später Beruf und Familie vereinbaren zu können. Das Thema Geld ist für sie nachrangig. Der Beruf wird als Berufung gesehen. Sie haben den Anspruch: Ich möchte etwas machen, was mich erfüllt.

sueddeutsche.de: Machen sie sich Gedanken um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Ertel-Garbe: Die Angst arbeitslos zu werden spielt kaum eine Rolle. Und das ist auch richtig so: Wer seine innere Leidenschaft entdeckt und weiß: Das ist es, was ich machen möchte, findet später auch seinen Weg.