Schreibtisch-Studie Produktive Leere und kreatives Chaos

Papierstapel zwischen Kaffeetassen und Ladekabeln oder doch gähnende Leere auf der blanken Schreibtischplatte? Wissenschaftler haben herausgefunden, wie Ordnung am Arbeitsplatz unser Verhalten beeinflusst.

Von Sarah K. Schmidt

Große Ebene, leere Weite, wohin das Auge blickt oder doch eher Papierstapelgebirge zwischen ausgedörrten Kaffetassenseen? Wer sich in Büros umschaut, der stößt auf die unterschiedlichsten Landschaftsformen. In der Regel lassen sich über die Gestaltung des Schreibtischs auch valide Rückschlüsse auf dessen Besitzer ziehen.

Im 90°-Winkel angeordnete Unterlagen, neben Terminkalender und Laptop - hier sitzt die pedantische Chefin. Fast versteckt hinter Türmen aus Büchern und ausgeschnittenen Zeitungsartikeln arbeitet der belesene Geisteswissenschaftler. Zwischen bekritzelten Papierunterlagen, Stofftieren und Bilderrahmen tratscht die Kollegin aus der Buchhaltung. Menschen gestalten nicht nur ihre Wohnung und die Ablage im Auto nach ihren Vorlieben und ihrer Persönlichkeit, sondern auch ihren Arbeitsplatz.

Stilfalle Schreibtisch

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Doch funktioniert diese Logik auch in die andere Richtung? Verändert der Schreibtisch auch den Menschen, der an ihm arbeitet? Dieser Frage sind Wissenschaftler der Universität in Minnesota nachgegangen - ihre Ergebnisse haben sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht, die New York Times hat berichtet. Mit mehreren Experimenten haben die Autoren der Studie erforscht, welchen Einfluss der Ordnungsgrad der Umgebung auf die Arbeitsweise hat.

Wer Diät macht, sollte auf Ordnung achten

Zunächst die gute Nachricht für alle Anhänger der blanken Platte: Eine ordentliche Umgebung fördert tatsächlich gewissenhaftes Verhalten. Verbrachten Probanden einige Zeit in aufgeräumten, sauberen Büroräumen, dann wählten sie dreimal häufiger den Apfel an Stelle des Schokoriegels als Belohnung im Vergleich zu den Versuchspersonen, die inmitten von Unterlagenbergen und Chaos saßen. Nicht nur, wer zügig die Aufgaben des Tages abarbeiten will, auch wer Diät macht oder endlich mehr joggen will, sollte auf geordnete Arbeitsverhältnisse achten, so die Schlussfolgerung.

Doch auch die chaotische Umgebung hat ihre Vorteile: Sollten die Versuchsgruppen neue Nutzungsmöglichkeiten für Tischtennisbälle entwickeln, kamen den Personen unter den chaotischen Versuchsbedingungen die deutlich kreativeren Ideen. "Eine unordentliche Umgebung kann dazu inspirieren, aus den gewohnten Denkmustern auszubrechen und neue Ideen zu entwickeln", so das Resultat der Forscher. Bei Werbetextern und Erfindern darf es also ruhig etwas wild aussehen am Arbeitsplatz. Und wer auf einen Einfall wartet, der kann ja mal beim Chaoten der Abteilung vorbeigehen - und sich inspirieren lassen.