Aus Angst vor einem Stellenwechsel verharren viele Arbeitnehmer im ungeliebten Job. Aber das Vor-sich-hin-Dämmern schadet der Lebensqualität und natürlich auch dem Unternehmen.

(SZ vom 18.10.2003) Claudia Schwaiger ist unzufrieden. Im Job ist sie unterfordert, ihre nächsten Kollegen hält sie für Bremser und ihren Chef für einen Schwätzer. Möglichkeiten, sich innerhalb des Unternehmens weiter zu entwickeln, gibt es kaum. Ihre Motivation tendiert gegen Null. Beste Voraussetzungen, um an einem Job-Wechsel zu arbeiten. Doch Claudia Schwaiger (Name geändert) bleibt - mit zusammengebissenen Zähnen. Die Medienbranche, in der sie tätig ist, erlebt derzeit eine der schlimmsten Krisen seit Jahrzehnten. Wechselmöglichkeiten sind rar. So verharrt sie im ungeliebten Job und tut nur noch das Nötigste. Schwaiger hat das Larvenstadium erreicht.

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Ohne Alternativen kein Wechsel

Den Begriff "Larvenstadium" hat der Wirtschaftspsychologe Ralf Brinkmann geprägt. "Die Entscheidung eines Menschen, bei Arbeitsunzufriedenheit zu kündigen, hängt von den verfügbaren beruflichen Alternativen und damit der Arbeitsmarktlage ab", sagt der Professor an der Fachhochschule Heidelberg, der sich mit dem Phänomen der inneren Kündigung befasst hat.

Untersuchungen, die er gemeinsam mit dem Psychologieprofessor Kurt Stapf von der Universität Tübingen durchführte, haben ergeben, dass in Deutschland in den letzten zehn Jahren von einem Drittel innerlich gekündigter Arbeitnehmer auszugehen ist.

Kennzeichen der Larven

Eine Quantifizierung ist schwierig, da die Zahl der innerlich gekündigten Mitarbeiter immer nur indirekt erschlossen werden kann. Ein zentrales Kennzeichen der Larven ist es, dass sie auf keinen Fall auffallen möchten: Sie halten den Kopf unten, geben keine Widerworte, stimmen mit der Mehrheit und tun ihre Arbeit dem äußeren Anschein nach zufrieden stellend. Manchem konfliktscheuen Chef sind gerade diese anscheinend so pflegeleichten Mitarbeiter sogar die liebsten, meint der Wirtschaftspsychologe.

Angst vor dem Wechsel

Das Problem, das so schwer zu fassen ist, existiert gleichwohl. Claudia Schwaiger kann auf Anhieb mehrere Kollegen in ihrer Agentur nennen, die unter dem schlechten Betriebsklima ebenso leiden wie sie. Trotz des Drucks haben viele der innerlich Gekündigten Angst vor einem Job-Wechsel. "Und selbst wenn ich einen neuen Job finde, was passiert, wenn ich die Probezeit nicht überstehe?", lautet eine gängige Begründung. Zudem müsse man derzeit mit empfindlichen Einbußen beim Gehalt rechnen. "Ich würde heute gehaltsmäßig genau dort wieder anfangen, wo ich vor zehn Jahren eingestiegen bin", sagt eine IT-Expertin. An ihrer Arbeitsstelle, der IT-Service-Abteilung einer Bank, macht sie nur noch Dienst nach Vorschrift. Kürzlich hat sie eine Eigentumswohnung zur Alterssicherung gekauft und muss nun hohe monatliche Belastungen tragen.

Job ohne Herausforderung

Im Freundeskreis von Claudia Schwaiger, bei Menschen zwischen Ende 30 und Anfang 40, ist das Arrangieren mit einem wenig geschätzten Job derzeit häufiges Gesprächsthema. Ein Freund, der ebenfalls ungenannt bleiben will, ist froh, nach neun Monaten Arbeitslosigkeit wieder eine feste Stelle als Vertriebler bei einem mittelgroßen Informationsdienstleister gefunden zu haben. Er verdient deutlich weniger als zuvor, und seine Tätigkeit besteht zum größten Teil aus Routine-Aufgaben. Zu seiner Arbeit hat er sich binnen kurzer Zeit eine fatalistische Einstellung angeeignet. "Ich muss Zeit totschlagen, weil ich den halben Tag nichts zu tun habe", sagt er. So beglückt er seine Freunde täglich mit liebevoll ausgesuchten Spaß-Mails, erledigt nebenbei die Buchhaltung für seinen Triathlon-Verein und betreibt intensive Recherchen für Urlaub und Freizeitplanung. Mit der Tatsache, dass er sich beruflich nicht verwirklichen kann, hat er sich abgefunden: "Etwas anderes werde ich in meinem Alter nicht mehr finden."

Trotz der unbefriedigenden beruflichen Situation glauben die Larven aber dennoch, die besseren Karten gezogen zu haben. Jeder kennt Freunde, Bekannte oder ehemalige Kollegen, die kürzlich arbeitslos geworden sind und sich mehr schlecht als recht als Freiberufler durchschlagen. Besser einen schlechten Job als gar keinen, lautet die Devise. Und damit sinken ihre Ansprüche, die sie an einen Arbeitgeber stellen.

Nur ein Randthema

Für Arbeitgeberverband und Gewerkschaften ist das Phänomen der inneren Kündigung in Verbindung mit mangelnder Wechselbereitschaft und schlechter Lage am Arbeitsmarkt ein Randthema. "Dazu haben wir keine Daten", sagt Rainer Schmidt-Rudloff, Experte für betriebliche Personalpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber in Berlin. "Wir gehen hier nicht von einem akuten, flächendeckenden Problem aus." Natürlich sei damit zu rechnen, dass die Wechselbereitschaft bei schlechter Arbeitsmarktsituation geringer sei. "Aber ein Arbeitsplatzwechsel ist immer ein Risiko", so der Experte.

Lebensqualität sinkt

Das Larvenstadium ist für die betroffenen Mitarbeiter allerdings kein Zustand, in dem es sich bequem einrichten lässt, bis die Gewitterwolken am Arbeitsmarkt vorgezogen sind. Claudia Schwaiger nimmt sich zwar regelmäßig vor, sich nicht mehr über die zahlreichen Managementfehler ihres Chefs oder das dumpfe Vor-sich-hin-Dämmern einiger ihrer Kollegen aufzuregen. Es gelingt ihr nicht. Und acht Stunden täglich, die eher ertragen denn gestaltet werden, können sehr, sehr langsam vergehen. Sie entwickelt Gegenstrategien, versucht in ihrer Freizeit kreativ zu werden, Sinnvolles zu tun. Auch dies schafft sie nur in Maßen, denn der nächste Morgen in der Agentur lauert immer im Hinterkopf.

Der Verlierer der inneren Emigration ist nicht nur der betroffene Mitarbeiter selbst, dessen Lebensqualität stark leidet. "Verlierer Nummer eins ist das Unternehmen", sagt Professor Brinkmann. Das Unternehmen habe einen engagierten Arbeitnehmer verloren, für den es voll bezahlen müsse. Der innerlich Gekündigte denke nicht mehr für den Betrieb. Die Larven beeinflussten langfristig die Produktivität und die Qualität der Gesamtfirma und damit den Unternehmenserfolg auf negative Weise.

Verlierer ist das Unternehmen

Für die Unternehmen ergebe sich aus der weiten Verbreitung der inneren Kündigung eine wichtige Aufgabe: Die Annahme, dass man sich in Zeiten der Krise nicht besonders um die Motivation der Mitarbeiter kümmern müsse, weil diese aus Mangel an Alternativen ohnehin nicht abwanderten, sei falsch. "Unternehmen müssen in konjunkturell schlechten Phasen nach wie vor an einer hohen Arbeitszufriedenheit der Belegschaft interessiert sein", sagt Brinkmann. "Denn ist die rezessive Phase erst einmal überwunden, werden unzufriedene Leistungsträger den Betrieb verlassen."

Claudia Schwaiger studiert trotz der schlechten konjunkturellen Lage regelmäßig die Stellenanzeigen in den großen Tageszeitungen und hat ihr Profil bei Jobbörsen eintragen lassen. Sie hält sich über berufsspezifische Online-Dienste über die neuesten Entwicklungen in ihrer Branche auf dem Laufenden. Und sie hat bereits ein paar Bewerbungen geschrieben. Zum Teil, um ihr Marktpotenzial zu testen, zum Teil, um ihre Unterlagen auf den neusten Stand zu bringen - für den Fall der Fälle.

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(Von Vera Callenbach)