Wer sein Abitur mit guten Noten absolviert, hat die besten Voraussetzungen für das Studium an einer Hochschule. Das sollte man zumindest meinen. Aber immer mehr Abiturienten fehlt es an den grundlegenden Fähigkeiten für ein erfolgreiches Studium.
Als Peter Silz sich im Wintersemester 2004/2005 für den Diplomstudiengang Chemie an der Universität Ulm einschrieb, war er noch guter Dinge. Sein Abitur hatte er mit der Note 1,6 bestanden, in Mathematik 15 Punkte geschrieben - die Höchstzahl. Jetzt, ein halbes Jahr später, ist er demotiviert.
Großes geleistet und allen Grund zur Freude: Drei Abiturientinnen feiern in Halle an der Saale ihren letzten Schultag. (© Foto: ddp)
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Durch die Mathematik- und Physik-Klausuren ist er durchgefallen; "ich fühle mich dumm und beginne, an mir zu zweifeln", klagt er. "Ich bin es eben nicht gewohnt, zu versagen."
Das Abitur steht, vor allem seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei internationalen Leistungsvergleichen, in der Kritik. 37 Prozent der Studienanfänger fühlen sich, einer repräsentativen Umfrage des Hochschul-Informations-Systems zufolge, unzureichend auf das Studium vorbereitet.
Die Zweifel wachsen...
25 Prozent der deutschen Studierenden brechen die Ausbildung vorzeitig ab. Bei Fachleuten wachsen die Zweifel, ob Abiturienten, die mit ihrem Zeugnis offiziell die Hochschulreife erlangt haben, tatsächlich reif sind für ein Studium.
Eine von der Kultusministerkonferenz 1995 eingesetzte Expertenkommission hat Kriterien für die Studierfähigkeit erstellt. Wer die Hochschule erfolgreich durchlaufen will, muss demnach über "vertiefte Kenntnisse in der Muttersprache, in einer Fremdsprache - in der Regel Englisch - und in Mathematik" verfügen, zudem über die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu lernen und wissenschaftlich zu arbeiten.
Untersuchungen belegen aber, dass es deutschen Schülern oft an diesen Grundkompetenzen mangelt. Laut der internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie Timss von 2001 können sich "deutsche Abiturienten mit Schülern aus wichtigen Nachbarländern nicht messen".
Die Untersuchung "Bildungsprozesse im Jugendalter" (Biju) ergab, "dass das Leistungsniveau, das in Englisch-Grundkursen im Mittel erreicht wird, nicht ausreicht, um die Sprachprüfung an einer prestigearmen US-Universität zu bestehen". Auch bei der Fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, bescheinigt die Studie den Abiturienten Defizite.
Jürgen Baumert und Olaf Köller, welche die Untersuchung am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung geleitet haben, kommen zu dem Schluss, "dass ein erheblicher Teil der Abiturienten die Standards verfehlt, die zu erreichen für ein erfolgreiches Studium notwendig ist".
Mehr Wettbewerb der Schulen
Wirtschaftsvertreter befürchten, dass deutsche Abiturienten im internationalen Wettbewerb an Boden verlieren könnten. "Wenn nicht endlich die erforderlichen Reformen umgesetzt werden, gereicht uns das mittelfristig zu einem enormen Nachteil", sagte Christoph Anz, stellvertretender Leiter der Abteilung Bildungspolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.
Der Unterricht müsse sich stärker an den Anforderungen des Berufslebens orientieren; die ökonomische Bildung, die in der Arbeitswelt immer wichtiger werde, dürfe nicht vernachlässigt werden. "Grundkenntnisse über Wirtschaft werden in den Schulen erschreckend oft gar nicht vermittelt."
Zudem bekräftigte Anz die Forderungen, welche die Wirtschaft seit Jahren an die Politik richtet: mehr Wettbewerb der Schulen, Leistungsanreize für Lehrer, Abitur nach zwölf Jahren, "weil unsere Absolventen auf dem internationalen Arbeitsmarkt wegen ihres vergleichsweise hohen Alters im Nachteil sind".
Außerdem mahnt er die Einführung des Zentralabiturs in allen Ländern an, denn dieses liefere "eine sehr viel verlässlichere Vergleichbarkeit". Die Bildungsstandards, die von der Kultusministerkonferenz 2003 infolge der schlechten Pisa-Ergebnisse in den Lehrplänen festgeschrieben wurden, hält er "für ein richtiges Instrument - solange sie nicht wie bisher nur auf dem Papier stehen".
Mehr Auswahlmöglichkeiten für Hochschulen
Die Hochschulen haben aus der Diskussion über die Studierfähigkeit der Abiturienten längst ihre Schlüsse gezogen. "Die Zeugnisse unterschiedlicher Länder, ja sogar unterschiedlicher Schulen innerhalb eines Landes sind oft schwer zu vergleichen", sagt Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der Hochschulrektoren-konferenz.
Die Hochschulen fordern deshalb seit Jahren mehr Freiheit bei der Studenten-Auswahl, denn "es ist unerträglich, dass das im Kurssystem mögliche Abwählen von Fächern bei der Aufnahme eines Studiums unberücksichtigt bleibt", mokiert sich der Hochschulverband.
2004 beschlossen Bundestag und Bundesrat, die Platzvergabe in zulassungsbeschränkten Studiengängen neu zu regeln. Die Universitäten dürfen künftig ihre Studenten zu 60 Prozent statt zu 24 Prozent selbst auswählen.
"Entscheidend werden nicht mehr alleine Durchschnittsnoten sein, sondern die Wahl der Leistungskurse oder Auslandsaufenthalte", sagt Ebel-Gabriel.Der Ulmer Student Peter Silz hat indes beschlossen, nicht aufzugeben. Er sagt: "Ich werde arbeiten. Es muss klappen."
(SZ vom 29.04.2005)
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