Wie viel Glauben braucht eine säkularisierte Stadt? Die Kirchen kämpfen für Religions- unterricht in Berlin, doch das Referendum droht zu scheitern. Selbst Pfarrer sind vom Verein "Pro Reli" genervt.
Selbst der Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat schon Unterschriften gesammelt. Wolfgang Huber stand am 1. Advent auf der Straße, im Wintermantel mit weißem Schal, und sprach Passanten an: Ob sie nicht auch für die Gleichberechtigung seien, dann müssten sie hier unterschreiben. Bis Weihnachten werden die Berliner verstärkt von katholischen und evangelischen Christen um ein Autogramm gebeten, auf Weihnachtsmärkten, Adventskonzerten, in den Festgottesdiensten. Kinder bringen aus der Schule Unterschriftenlisten mit, die taz berichtet von Sammlern in der U-Bahn. Senat und Kirchen, Gläubige und Nichtgläubige ringen derzeit in Berlin wie sonst nirgendwo in Deutschland miteinander.
Kreuz im Klassenzimmer: Schulen sind der einzige Ort, an dem Kirchen mit Kindern in Kontakt kommen. (© Foto: dpa)
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Es geht vordergründig um zwei Stunden Unterricht in der Woche: Der rot-rote Senat hat vor zwei Jahren Ethik als Pflichtfach eingeführt. Evangelische und katholische Religion gibt es nur als freiwilligen Unterricht. Die Kirchen aber fordern die Gleichberechtigung der Fächer und unterstützen die Initiative "Pro Reli", die Unterschriften für ein Volksbegehren sammelt.
Mühsamer als gedacht
Die zunehmende Schärfe auf beiden Seiten aber zeigt, dass der Streit ums Grundsätzliche geht. Wie viel Religion braucht eine säkularisierte Stadt? Wie weit kann der Staat eine Ethik für alle verordnen, die auch noch bekenntnisfrei sein soll? Vor allem für die Kirchen geht es um einiges, auch deshalb warten die Strategen in den Kirchenämtern und Ordinariaten nicht nur in Berlin mit Spannung auf den Ausgang der Sammlung.
Scheitert "Pro Reli", werden sich die Stimmen mehren, die die Abschaffung des Religionsunterrichts überall da fordern, wo Christen in der Minderheit sind. Doch Schulen sind zunehmend der einzige Ort, an denen die Kirchen mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen - es gibt immer mehr Ganztagsschulen, und die traditionelle Jugendarbeit erreicht häufig nur noch den Nachwuchs der engagierten Gemeindemitglieder.
Doch offenbar ist es sehr viel mühsamer, als die Kirchen gedacht haben, bis zum 21. Januar die 170.000 Stimmen zusammenzubringen, die nötig sind, um einen Volksentscheid zu erzwingen. 70.000 waren es nach Angaben des Vereins "Pro Reli" am 21. November, vor Weihnachten wollen die Initiatoren neue Zahlen veröffentlichen, "bis dahin können wir gar nichts sagen", sagt Pro-Reli-Sprecherin Julia Sebastian.
Pfarrer unter Druck
Längst werben die Sammler nicht mehr mit "Reli" - das Wort allein schreckt offenbar viele Berliner ab - sondern mit dem Argument der freien Wahl. Pfarrer sind genervt, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen, viele Unterschriften beizubringen; demonstrativ hat sich eine Gruppe vorwiegend evangelischer Kirchenleute gegen "Reli" und für Ethik ausgesprochen. Es ist ein Teufelskreis: Die Kirchen müssen mit Nachdruck um Stimmen werben, aber je mehr Druck sie machen, desto mehr werden sie als Lobbyisten gesehen, nicht als Kämpfer für die gerechte Sache.
Die evangelische Kirche erinnert das an eine ihrer schwersten Niederlagen: 1996 scheiterte ein Volksbegehren zur Wiedereinführung des Buß- und Bettages. Gerade für Wolfgang Huber, der seitdem viel für die Kampagnenfähigkeit seiner Kirche getan hat, wäre die erneute Niederlage der Kirchen hart. Noch aber bleiben sechs Wochen zum Sammeln und zum Argumentieren. Und noch sagt Pro-Reli-Sprecherin Julia Sebastian tapfer: "Wir sind nicht euphorisch, aber zuversichtlich."
(SZ vom 10.12.2008/bön)
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Hallo,
im Text steht "Doch Schulen sind zunehmend der einzige Ort, an denen die Kirchen mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen - es gibt immer mehr Ganztagsschulen, und die traditionelle Jugendarbeit erreicht häufig nur noch den Nachwuchs der engagierten Gemeindemitglieder."
Nun, das ist gut so - und erklärt auch, warum die Kirchen verzweifelt versuchen, diese letzte Bastion doch noch zu verteidigen. Denn den Kirchen ist klar, daß Menschen gerade als Kinder sehr empfänglich sind - also die Indoktrination von Kindern gesellschaftlich sehr effektiv ist. Ohne diesen kindlichen Einfluß wird auch der Einfluß der Kirche in Deutschland noch weiter abnehmen. Und das ist, aus meiner Sicht, auch gut so.
@Urbs: j_munich: "Feindesliebe" ist ein schönes Stichwort, welches jedoch in der Realtiät, auch unter Christen, nur ein "Bla-Wort" ist. Da muß man sich doch nur in der Welt umsehen. Ich empfehle: Lesen Sie doch mal ein paar Aufsätze oder Bücher über Philosophie - es gibt doch viele verschiedene Ansätze des sozialen Zusammenlebens. Da brauchts kein Christentum.
Das Prinzip der Feindesliebe ist eine Kernaussage des Christentums. Es kann der Wegweiser für ein besseres Zusammenleben der Menschen sein. Der Religionsunterricht ist oft der einzige Ort, wo Kinder mit diesen Gedanken überhaupt in Berührung kommen. Daher ist es wichtig, daß es ihn gibt.
Wenn gegen Nächsten- und Feindesliebe immer wieder verstoßen wird, auch von krichlicher Seite, iist dies kein Grund, den Kindern diese christlichen Kerngedanken vorzuenthalten.
Wer zur Gemeinschaft der Christen gehört (d.h. eine christliche Religion hat), für den sind diese Dinge eben nicht nur interessant, sondern geboten. Das ist der Unterschied zu einer in aller Beliebigkeit vermittelten Vielheit von Weltanschuungen.
Sie schreiben:
"Wie kann ich anderen Religionen gegenüber tolerant sein, wenn ich meinen eigenen Standpunkt nicht vertreten kann?"
Antwort: Niemand wird daran gehindert nach der Schule seinen religiösen Neigungen nachzugehen!
"Ich bin froh, dass ich einen Religionsunterricht hatte."
Antwort: Ich hatte auch Religionsunterricht, der es mir ermöglichte eine gut fundierte Entscheidung gegen Religion zu treffen.
"1. Lehren aus der christlich-jüdischen Geschichte"
Antwort: Dazu genügt Geschichtsunterricht.
"2. Lernen was soziale Kompetenz heisst"
Antwort: Das können Sie auch in vielen nicht-religiösen Organisationen.
"3. Etwas über andere Religionen erfahren und die Unterschiede kennenlernen z.B. dass die monotheistischen Religionen einen Stammvater haben, jedoch das Christentum durch Jesus bereits die Ankündigung der alt-messianischen Weissagungen erfüllt sah während die Juden noch darauf warten etc."
Antwort: Das ist auch Teil des Ethikunterrichts.
"Für mich ist Jesus der Retter, da ich Christ bin. Ich toleriere, wenn einer einen anderen Glauben hat, doch bleibt mein Glaube Bestand."
Antwort: Niemand will Ihnen Ihren Glauben nehmen. Bei der christlichen Missionierungssucht besteht allerdings immer die Gefahr, dass man Andersdenkende bekehren will. Früher sogar mit Feuer und Schwert!
Da muss ich "corampublico" aber massiv widersprechen. Natürlich geht es bei dieser Aktion auch um Gewinnung von Mitgliedern und eine stärkere Verankerung christlicher Werte in unserer Gesellschaft. Anzunehmen, hier solle lediglich einer interessierten Minderheit ein Angebot gemacht werden, ist Augenwischerei. Dafür würden die momentanen Angebote vollkommen ausreichen.
Damit erklärt sich auch die Empörung vieler Schreiber hier im Forum. Das hat nichts mit Aggressivität zu tun, sondern ist lediglich Ausdruck unserer Sorge um einen, in höchstem Maße kultivierten und sozialisierten Staat, der nicht auf Übersinnliches Tralla la angewiesen ist, um zu funktionieren.
oder : Wer schützt unsere Kinder vor dem Einfluss der Religionen?
Das können die Eltern heute doch selbst bestimmen, wird der Leser jetzt vielleicht denken.
Stimmt nicht ganz, da sich das Kind nicht selbstständig gegen den Einfluss der Religion stemmen kann. Dafür sorgen schon die Eltern diejenigen Kinder, welcher einer Religionsgemeinschaft anhängig sind.
In unserer eigenen Großfamilie haben wir zwischen religiösen christlichen Fundamentalisten und Anhänger der Evolutionstheorie alles anzubieten. Interessant ist dann die Entwicklung bei den Kindern. Meine Kinder können sich später selbst entscheiden, ob Sie im säkularen Zeitalter die Evolutionstheorie oder sich der Schöpfungsgeschichte und dem größten Märchenbuch der Geschichte unterwerfen wollen. Es wird ihre freie Entscheidung sein und genau diese Möglichkeit haben Millionen von Kindern durch den scheinbar harmlosen Religionsunterricht nicht.
Religion ist Privatsache und hat in Schulen nichts zu suchen!
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