Von Matthias Drobinski

Wie viel Glauben braucht eine säkularisierte Stadt? Die Kirchen kämpfen für Religions- unterricht in Berlin, doch das Referendum droht zu scheitern. Selbst Pfarrer sind vom Verein "Pro Reli" genervt.

Selbst der Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat schon Unterschriften gesammelt. Wolfgang Huber stand am 1. Advent auf der Straße, im Wintermantel mit weißem Schal, und sprach Passanten an: Ob sie nicht auch für die Gleichberechtigung seien, dann müssten sie hier unterschreiben. Bis Weihnachten werden die Berliner verstärkt von katholischen und evangelischen Christen um ein Autogramm gebeten, auf Weihnachtsmärkten, Adventskonzerten, in den Festgottesdiensten. Kinder bringen aus der Schule Unterschriftenlisten mit, die taz berichtet von Sammlern in der U-Bahn. Senat und Kirchen, Gläubige und Nichtgläubige ringen derzeit in Berlin wie sonst nirgendwo in Deutschland miteinander.

Religionsunterricht, dpa

Kreuz im Klassenzimmer: Schulen sind der einzige Ort, an dem Kirchen mit Kindern in Kontakt kommen. (© Foto: dpa)

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Es geht vordergründig um zwei Stunden Unterricht in der Woche: Der rot-rote Senat hat vor zwei Jahren Ethik als Pflichtfach eingeführt. Evangelische und katholische Religion gibt es nur als freiwilligen Unterricht. Die Kirchen aber fordern die Gleichberechtigung der Fächer und unterstützen die Initiative "Pro Reli", die Unterschriften für ein Volksbegehren sammelt.

Mühsamer als gedacht

Die zunehmende Schärfe auf beiden Seiten aber zeigt, dass der Streit ums Grundsätzliche geht. Wie viel Religion braucht eine säkularisierte Stadt? Wie weit kann der Staat eine Ethik für alle verordnen, die auch noch bekenntnisfrei sein soll? Vor allem für die Kirchen geht es um einiges, auch deshalb warten die Strategen in den Kirchenämtern und Ordinariaten nicht nur in Berlin mit Spannung auf den Ausgang der Sammlung.

Scheitert "Pro Reli", werden sich die Stimmen mehren, die die Abschaffung des Religionsunterrichts überall da fordern, wo Christen in der Minderheit sind. Doch Schulen sind zunehmend der einzige Ort, an denen die Kirchen mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen - es gibt immer mehr Ganztagsschulen, und die traditionelle Jugendarbeit erreicht häufig nur noch den Nachwuchs der engagierten Gemeindemitglieder.

Doch offenbar ist es sehr viel mühsamer, als die Kirchen gedacht haben, bis zum 21. Januar die 170.000 Stimmen zusammenzubringen, die nötig sind, um einen Volksentscheid zu erzwingen. 70.000 waren es nach Angaben des Vereins "Pro Reli" am 21. November, vor Weihnachten wollen die Initiatoren neue Zahlen veröffentlichen, "bis dahin können wir gar nichts sagen", sagt Pro-Reli-Sprecherin Julia Sebastian.

Pfarrer unter Druck

Längst werben die Sammler nicht mehr mit "Reli" - das Wort allein schreckt offenbar viele Berliner ab - sondern mit dem Argument der freien Wahl. Pfarrer sind genervt, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen, viele Unterschriften beizubringen; demonstrativ hat sich eine Gruppe vorwiegend evangelischer Kirchenleute gegen "Reli" und für Ethik ausgesprochen. Es ist ein Teufelskreis: Die Kirchen müssen mit Nachdruck um Stimmen werben, aber je mehr Druck sie machen, desto mehr werden sie als Lobbyisten gesehen, nicht als Kämpfer für die gerechte Sache.

Die evangelische Kirche erinnert das an eine ihrer schwersten Niederlagen: 1996 scheiterte ein Volksbegehren zur Wiedereinführung des Buß- und Bettages. Gerade für Wolfgang Huber, der seitdem viel für die Kampagnenfähigkeit seiner Kirche getan hat, wäre die erneute Niederlage der Kirchen hart. Noch aber bleiben sechs Wochen zum Sammeln und zum Argumentieren. Und noch sagt Pro-Reli-Sprecherin Julia Sebastian tapfer: "Wir sind nicht euphorisch, aber zuversichtlich."

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(SZ vom 10.12.2008/bön)