Kommentar: Matthias Drobinski

Die Initative "Pro Reli" hat in Berlin 200.000 Unterschriften gesammelt. Nun dürfen die Bürger entscheiden, ob Religion und Ethik künftig gleichberechtigt unterrichtet werden.

Es geht um ein kleines Schulfach in Berlin: Religion. Eine Initiative hat fast 200.000 Unterschriften gesammelt, damit setzt sie nun gegen den rot-roten Senat eine Abstimmung durch, in der die Bürger entscheiden sollen, ob Religion gleichberechtigt mit Ethik unterrichtet werden soll. Der Erfolg kommt überraschend: Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als würde "Pro Reli" scheitern. Dass es nun anders kommt, macht das Schulfach zum bundesweiten Politikum.

Volksbegehren Pro Reli, dpa

Überraschender Erfolg: Mit fast 200.000 gesammelten Stimmen setzte die Initiative Pro Reli das Volksbegehren durch. (© Foto: dpa)

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Es geht um das Staat-Kirche-Verhältnis: Selten in der deutschen Nachkriegsgeschichte standen Staat und Kirche in derartiger Gegnerschaft wie jetzt in Berlin. Der Senat hat mit einiger Anmaßung sein Modell der säkularen Lebens- und Religionskunde vorangetrieben, als müsse der Staat als Sinnstifter auftreten. Die Kirchen haben sich mit einer Kampagne gewehrt, die auch vielen Christen in ihrer Vereinfachung unangenehm wurde. Aber sie war erfolgreich, vorerst jedenfalls.

Die Kirche wird mutiger

Der große Streit ums kleine Fach wird die Kirchen ermutigen, ihre Anliegen offensiver, auch aggressiver zu vertreten; das wird jene reizen, die eine stärkere Trennung von Staat und Kirche wünschen. Es wird schwieriger zwischen Partnern, die gewohnt waren, Streitigkeiten geräuscharm zu klären.

Und dann zeigt der Streit um Reli, wie viel Religion selbst dort noch lebt, wo Christen eine Minderheit sind. In Berlin sind sie das, und doch wünschen überraschend viele Menschen einen konfessionellen Religionsunterricht. Sie können vielleicht nicht mehr sagen, ob es sieben oder zehn Gebote gibt. Aber sie wollen, dass ihre Kinder etwas über den Glauben erfahren. Davon gibt es mehr, als der Berliner Senat denkt. Wenn auch anders, als die Kirchen sich erhoffen.

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(SZ vom 17.01.2009/tess)