Von Von Jan-Martin Wiarda

Zwei Drittel aller Arbeitnehmer befürchten Nachteile im Job, wenn sie krank sind.

Es fing ganz harmlos an. Eine Erkältung, ein bisschen Fieber. "Was, schon wieder krank?", fragte der Chef, als sie ihre Krankmeldung abgeben wollte, "wir brauchen Sie doch." Er redete eine Weile auf Bambi ein, und schließlich wagte sie es nicht mehr, nach Hause zu gehen. Ein paar Tage später war die Sache dann nicht mehr so harmlos: Sie bekam Schmerzen in der Brust, eine Herzmuskelentzündung infolge einer verschleppten Grippe. "Ich habe aus meinem Fehler gelernt", schreibt die Frau mit dem Mitleid heischenden Pseudonym in einem Internet-Forum und richtet eine Bitte an die "lieben Chefs", die ihren Beitrag lesen sollten: "Lasst uns Angestellten auch einmal krank sein. Man sieht doch, wer simuliert!" Millionen Arbeitnehmer in Deutschland machen es wie Bambi.

Medikament rein und auf in die Arbeit - viele gehen gar nicht mehr zum Arzt. (© Foto: dpa)

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Elf Prozent weniger

Aus Angst um ihren Arbeitsplatz treten sie krank zum Dienst an und warten aufs Wochenende, um sich auszukurieren. So steht es im aktuellen Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), das 2000 Arbeitnehmer im Rahmen einer repräsentativen Untersuchung befragt hat. Knapp zwei Drittel der Befragten gaben an, sie fürchteten sich vor beruflichen Nachteilen, wenn sie sich krank melden. Dass ihre Angst berechtigt ist, auch das belegen Zahlen: Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeit hat ergeben, dass jeder dritte Arbeitslose gesundheitliche Einschränkungen hat.

Mit ihrem Namen in der Zeitung stehen wollen die Betroffenen selten. Dafür laden sie ihren Frust in anonymen Online-Foren ab, genau wie Bambi, die in einer Klinik irgendwo in Süddeutschland arbeitet. Das Phänomen "Krank zur Arbeit" ist die Kehrseite einer Entwicklung, die deutschen Unternehmen den niedrigsten Krankenstand seit der Wiedervereinigung beschert hat. In den ersten neun Monaten dieses Jahres fehlten die Arbeitnehmer durchschnittlich 5,8 Tage oder 3,6 Prozent der Sollarbeitszeit, berichtet das Bundesgesundheitsministerium, ein Rückgang um mehr als elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für die Unternehmen sind das gute Nachrichten, denn Krankheit ist ein erheblicher Kostenfaktor, der mehr als 1000 Euro pro Arbeitnehmer und Jahr ausmacht.

Natürlich ist nicht nur die Wirtschaftskrise für die günstige Entwicklung bei den Krankmeldungen verantwortlich. Auch die betrieblichen Vorsorgeprogramme haben sich verbessert, und der anhaltende Strukturwandel weg von der Industrie- hin zur Dienstleistungsgesellschaft sorgt für weniger körperliche Belastungen und damit gesündere Arbeitnehmer. "Trotzdem ist der niedrige Krankenstand vor allem eine Reflexion der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und der persönlichen Angst der Menschen vor dem Verlust des Arbeitsplatzes", sagt Henner Schellschmidt, Mitherausgeber der WIdO-Studie.

Anruf daheim

Einige Arbeitgeber greifen zudem zu immer drastischeren Methoden, um ihre Angestellten von der Krankmeldung abzuhalten oder, im Extremfall, die vermeintlich Krankfeiernden von zu Hause zurückzuholen. Anwesenheitsprämien für die Gesunden seien da noch die positivsten Beispiele, berichtet Gerhard Jahn von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Weit verbreitet seien so genannte Krankenrückkehrgespräche, die dazu dienten, den Arbeitnehmern ein schlechtes Gewissen zu machen. "Oder die Leute werden gleich zu Hause angerufen und gefragt, was sie sich einbilden, den gelben Schein abzugeben", sagt Jahn. "Und dann heißt es, wenn sie weiterbeschäftigt werden wollen, könnten sie sich das in Zukunft nicht mehr leisten."

Immer öfter kommt der Druck auch von den Kollegen. Der Rationalisierungszwang führt zu mehr Konkurrenz, Mobbing nimmt zu. Fehler werden nicht mehr untereinander geregelt, sondern gleich an die Vorgesetzten weitergeleitet. Klar, dass keiner derjenige mit den höchsten Fehlzeiten sein möchte. Am Ende wird der Druck manchmal zu groß: In seiner Praxis habe er deutlich mehr Fälle psychischer Erkrankungen als früher, berichtet der Lüneburger Mediziner Heinz Jarmatz, der stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes ist. "Mobbing gehört inzwischen zum Alltag."

Gedopt zum Dienst

Jarmatz' Beobachtungen decken sich mit den Statistiken der meisten Krankenkassen, die seit Jahren eine kontinuierliche Zunahme bei den Krankmeldungen aufgrund depressiver Zustände verzeichnen. Bei der AOK sind sie seit 1994 um 74 Prozent gestiegen. Das hat auch mit verbesserter Diagnostik und dem wachsenden Stress der modernen Arbeitswelt zu tun.

Doch vor allem ist es dieselbe Angst, die Arbeitnehmer krank zur Arbeit gehen lässt, die sie am Ende seelisch krank macht. "In unserer Leistungsgesellschaft ist das wichtigste Lebensziel die Erfüllung dieser Leistung. Wer feststellt, dass er diesen Maßstäben nicht genügen kann, steht unter besonderer seelischer Belastung", sagt Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung, das den Gesundheitsreport der Technikerkrankenkasse (TK) erstellt.

Neben der Zunahme psychischer Erkrankungen spiegeln die Jahresberichte der Krankenkassen noch eine andere Entwicklung wider, die ebenso Besorgnis erregend ist. Denn die niedrigeren Krankenstände werden erkauft mit der Verschreibung von mehr Medikamenten: Bei der TK zum Beispiel waren es im vergangenen Jahr 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Mancher Arbeitnehmer, so scheint es, dopt sich zur Arbeit.

Beim Deutschen Hausärzteverband spricht man zudem von einem Trend zur Selbstmedikation bei den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, vor allem bei den Erkältungsmitteln. "Die Leute verzichten riskanterweise auf eine ärztliche Untersuchung und kaufen sich selber die Präparate", sagt Heinz Jarmatz. Dadurch würden ernsthaftere Erkrankungen immer öfter nicht richtig behandelt. Die Einführung der Praxisgebühr im nächsten Jahr, so Jarmatz, werde den Einsatz solcher "Verschleppungstaktiken" weiter begünstigen.

Keine Saison für Blaumacher

Eine positive Begleiterscheinung hat die Angst vorm Jobverlust allerdings auch, sagt Jan Kuhnert vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater: Die Zahl der "motivationsbedingten" Krankmeldungen sinke ebenfalls. Anders ausgedrückt: Auch die notorischen Blaumacher gehen öfter zur Arbeit. Laut Kuhnert machen sie zumindest bei Großunternehmen rund ein Viertel der Krankmeldungen aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hält solche Schätzungen für übertrieben. "Der eine oder andere wird sicher jemanden kennen, der das tut", sagt DGB-Tarifexperte Reinhard Dombre. "Aber insgesamt ist das Krankfeiern eine zu vernachlässigende Größe."

Ganz so ist es dann wohl doch nicht: Spitzenreiter bei den Krankenständen ist laut AOK die öffentliche Verwaltung mit fast sechs Prozent der Sollarbeitszeit, noch vor dem Baugewerbe. Am Ende der Skala liegt dagegen eine Branche, die wie die öffentliche Verwaltung hauptsächlich Schreibtisch-Jobs zu vergeben hat: die Banken und Versicherungen mit gerade mal 3,5 Prozent. Der Abstand der beiden Branchen lässt sich kaum mit der Angst um den Arbeitsplatz erklären, denn der ist beim Staat immer noch am sichersten.

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(SZ vom 20.12.2003)