Die Reformpädagogik wollte eine humane Schule schaffen, die jedes Kind schützt. Jetzt muss die Theorie geprüft werden, um das Ideal zu retten.
Die sexuelle Gewalt gegen Kinder, der massenhafte Missbrauch in Schulen und Internaten haben nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die Reformpädagogik in Verruf gebracht. Entsetzen lösen die Verbrechen selbst aus, aber auch die Abgründe zwischen hehren Idealen und grausamer Praxis.
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Durch die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule ist eine Art Heiligtum der Reformpädagogen entweiht worden. (© Foto: Getty)
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Entweiht und entzaubert
Durch die Missbrauchsfälle an der weltlichen Odenwaldschule ist eine Art Heiligtum der Reformpädagogen entweiht und entzaubert worden. Das Etikett "Reformpädagogik" steht für viele unterschiedliche Strömungen, die aber eines eint: der Wunsch, eine humane Schule zu schaffen, die jedem Kind gerecht wird, es ernst nimmt, achtet und schützt.
Die Reformpädagogik hatte schon immer Gegner, ja Feinde, die sich über deren Idealismus und ihren weltverbesserischen Impetus ärgerten. Jetzt fühlen sie sich bestätigt und können eine angebliche Wolkenkuckucksheim-Pädagogik angreifen, eine Pädagogik also, die bestenfalls naiv sei und schlimmstenfalls verbrecherisch. Aber diese Art der Kritik ist unfair und allzu schlicht. Zwar müssen sich Reformpädagogen davor hüten, die sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule und anderen Einrichtungen als "Einzelfälle" herunterzuspielen, die mit pädagogischen Konzepten überhaupt nichts zu tun hätten. Pauschales Verdammen und Verwerfen einer ganzen Theorietradition wäre jedoch falsch und überzogen.
Historischer Fortschritt
Dass verbale Demütigung, körperliche Strafen und sexuelle Gewalt gegen Kinder heute überhaupt als Skandal erlebt werden, ist ein historischer Fortschritt, um den sich viele Reformpädagogen verdient gemacht haben. Auch in normalen Schulen gibt es längst, ohne dass Lehrern und Schülern das bewusst sein müsste, reformpädagogische Elemente: die Mitbestimmung von Schülern, das selbständige Lernen in Projekten, die Wertschätzung verschiedener Begabungen und die Rücksichtnahme auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten.
Aus reformpädagogischer Sicht sind viele Schulen noch immer nicht gut genug. Aber um wie viel menschlicher geht es im Allgemeinen zu, verglichen mit der langen Geschichte des Machtmissbrauchs in der Erziehung. Im 16. Jahrhundert nannte Montaigne die Bildungsstätten seiner Zeit "wahre Kerker der gefangenen Jugend": "Man komme nur in die Klassen beim Verhör der Lektionen! Da hört man nichts als Schreien der Kinder unter Schlägen und sieht nichts als zorntrunkene Präzeptoren."
Zu oft gebrochenes Tabu
Das ging noch Jahrhunderte so weiter, bis es den Humanisten und Reformpädagogen endlich gelang, die Gewalt gegen Kinder in ein - leider noch zu oft gebrochenes - Tabu zu verwandeln. Nun herrscht weitgehend Konsens, dass Kinder schlecht lernen und Schaden nehmen, wenn man Furcht in ihre Seelen streut. Der Druck auf die Schüler ist allerdings vielerorts wieder gewachsen, Schulangst ein verbreitetes Leiden geworden. Schon deshalb bleibt der reformpädagogische Impuls wichtig: Man darf den Schüler nicht reduzieren auf ein Objekt der Notengebung, man muss in ihm auch die Person sehen und anerkennen.
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Umweltstiftung WWF in der Kritik
Denn die befreiende Wirkung der Reformpädagogik zielt im Kontext mit der inneren Befreiung auf die Überwindung äußerer Herrschaft.
Es geht darum, dass wir lernen, wahrzunehmen, was wir spüren. Dann sagen wir rechtzeitig Nein und werden nicht mehr Spielball. Und Kinder sowie andere Mitmenschen lernen weniger von unseren Worten als von unserem Vorbildverhalten.
Fromm schrieb im Vorwort zu Neills Buch: Unser Wirtschaftssystem braucht Menschen, die widerspruchslos mitmachen, die sich leicht beeinflussen lassen Unser System braucht Menschen, die glauben, sie seien frei und unabhängig, aber die sich der Gesellschaftsmaschinerie reibungslos einfügen. (S.13)
Eine reformierte Pädagogik, die Menschen als Individuum ernst nimmt und die ihre Bedürfnisse nach Bindung seelisch ernst nimmt, ist ein Erfordernis, wenn man Missbrauch möglichst in jeder Hinsicht ausschließen will. Gerade angesichts der vielen Skandale, die dieser Tage weltweit zutage treten ist das das Gebot der Stunde. Gerade klare Menschen sind ein schönes Ziel sang Bettina Wegener einst.
Die Seele der Reformpädagogik
Beim Skandal von Übergriffigkeit in der als besonder reformpädagogisch bekannten Odenwaldschule geht es nicht alleine um die Täter und ihre direkten und indirekten Opfer. In den Sog der Abqualifizierung geraät auch schnell die Theorie, die man vorgab, dort zu praktizieren.
Alternativen Bewegungen und jetzt die Reformpädagogik werden immer wieder mit Worten wie Kuschelpädagogik abqualifiziert. Jetzt droht die Gefahr, dass eine neue Gegenbewegung das ganze Projekt zu kippen versucht.
Kritiker der kulturellen Befreiung von der autoritären Nachkriegs-Erziehung, die bis 68 dominiert hatte, erheben jene freie Erziehung zur Quelle der üblen Entwicklungen bis hin zur heutigen Jugendgewalt. Gefordert wird stattdessen eine Renaissance von Härte und Disziplin als Antwort.
Als Ergebnis einer solchen Entwicklung wäre zu befürchten, dass Tabus und Ängste, wie einst erneut um sich greifen, was einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung und Sexualität entgegensteht. Die Ursachen für krankhaftes Machtgebaren mit Abhängigen mit und ohne sexualisierte Anteile würden durch diese Entwicklung verstärkt. Das Ergebnis wäre das Gegenteil.
In den Jahren nach 1968 war Neills Buch über die Antiautoritäre Erziehung in Summerhill ein Bestseller. Neill führte damals aus: Die Menschheit ist gefühlskrank, krank als Folge dieser Schuld- und Angstgefühle, die in der Kindheit hervorgerufen worden sind. Die emotionale Pest ist überall in unserer Gesellschaft. (S. 204) Nicht viele Erwachsene betrachten den sexuellen Akt als ein Geben. (S. 206) Er stellte Lust ohne Zärtlichkeit, ohne Wärme und wirkliche Zuneigung (S. 224) der Liebe bei gesunden Menschen entgegen, die er als echt, treu und glücklich (ebd.) beschreibt. Hier zeigt sich, dass selbst die Antiautoritäre Erziehung gegen die Übergriffigkeit, die den anderen zum Objekt degradiert, steht.
Hartmut von Hentig sprach sich in seinem Buch Bildung(Weinheim 1999) dafür aus, Bildung ganzheitlich zu fassen, Theorie mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden als Priorität der Politik zu begreifen, die ständige Benotung durch überbelastete Lehrer im gegliederten Schulsystem mit seinem 45-Minuten-Rhythmus und großen Lerngruppen zu überwinden (S. 207). Kein noch so persönlich problematischer Konflikt um Übergriffigkeit kann diese Ziele als obsolet darstellen, denn es geht um die Vision einer neuen, beweglichen Herstellung von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit des Spielraums für Kultur und de
Vielen Dank für den sachlichen und zielführenden Kommentar. Dem Autor gelingt es, zwischen System und menschlichem Fehlverhalten weniger einzelner Mitglieder der Schule zu differenzieren. Natürlich sind in der Odenwaldschule schlimme Dinge passiert und natürlich hätten sie aufgedeckt werden müssen. Dass sie verschleiert wurden, lag sicherlich daran, dass man das Ansehen der "Refompädagogik", die den Missbrauch von Schutzbefohlenen ganz bestimmt nicht propagiert oder fördert, schützen wollte. Auch dies war ein allzu menschliches Fehlverhalten, das ganz sicher einer weiteren Aufklärung bedarf.
Einen ebensolchen Kommentar hätte ich mir im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen gewünscht. Denn dort ist das gleiche Phänomen zu beobachten: Hier gibt es das System Kirche, das die christlichen Prinzipien der Nächstenliebe propagiert und fördert. Auch hier gabe es menschliches Fehlverhalten ganz weniger einzelner Mitglieder der Kirche. Und auch hier wurde verschleiert, um das Ansehen der Kirche zu schützen. Aber bei dieser Konstellation hat man sich nicht die Mühe gemacht zu differenzieren. Hier hat man in gewohnter antikatholischer Tradition das System verantwortlich gemacht und die katholische Kirche nicht nur in Frage gestellt, sondern beleidigt und beschimpft.
Ferien im Garten bei der Oma, Übernachten im Gartenhäusel, 40 Kirschbäume, Birnen, Äpfel, Tomaten, Gurken .... Mathe beim Onkel (Prof. für Theoretische Physik) Schwimmunterricht für die ganze Klasse - 10 Rettungsschwimmer, 10 Farten- und 10 Freischwimmer - ein Nichtschwimmmer. Nachtwanderung im Wald, auf einer Waldlichtung liegen und vom Lehrer die Sternbilder erklärt bekommen. Tourenmärsche. Ich hatte eine schöne Schulzeit nach dem Papst Leoheim in Bad Aibling.
Der Lehrer Ex-Artillerie Hauptmann. Ein Reformgeist!