Auch nach der offiziellen Diskussion der Pisa-Ergebnisse geht der Streit um das deutsche Bildungssystem und den Pisa-Koordinator Schleicher weiter. Während die Kultusminister der CDU weiter dessen Rücktritt fordern, wirft die Lehrergewerkschaft GEW Bildungsministerin Schavan Selbstzufriedenheit vor.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) fordert weiter den Rücktritt des OECD-Pisa-Koordinators Andreas Schleicher. "Ich sehe keinen Grund, täglich meine Meinung zu ändern", sagte die Sprecherin der unionsgeführten Bundesländer in der Kultusministerkonferenz (KMK). Schleichers erneute Kritik am deutschen Schulsystem reihe sich ein in eine Kette früherer Äußerungen. Sie empfinde diese als "relativ unerträglich".
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Zuvor hatte die SPD-Ländersprecherin, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD), Forderungen einzelner Unionsminister nach einem deutschen Rückzug aus dem weltweiten Pisa-Schultest zurückgewiesen. Dies habe auch bei einem Treffen der 16 Kultusminister am Vorabend keine Rolle gespielt. Auch halte sie solche Austrittsdrohungen nicht für sinnvoll. Für die Reform der deutschen Schule brauche man weiter internationale Vergleiche.
Ahnen räumte allerdings ein, dass es unter ihren Kollegen Unsicherheiten wegen der unterschiedlichen Interpretation deutscher und internationaler Pisa-Forscher gebe. Darüber werde man noch diskutieren. Deutschland zahlt für die Teilnahme am internationalen Pisa-Test eine Million Euro. Für die innerdeutschen Ergänzungsstudien des nationalen Pisa-Konsortiums werden weitere fünf Millionen Euro aufgewandt.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangte als Konsequenz aus der neuen Pisa-Studie "mehr Anstrengung und Ehrgeiz zur Verbesserung der Chancengleichheit". Die schulpolitisch Verantwortlichen hätten seit der ersten Pisa-Studie sechs Jahren verstreichen lassen, ohne dass sich für Migrantenkinder irgendetwas zum Besseren gewendet habe, kritisierte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer: "Weltspitze bei der doppelten Benachteiligung der jungen Migrantinnen und Migranten zu sein - das sollte den Kultusministern eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben."
In der neuen Studie heißt es, Migrantenkinder in Deutschland kämen häufiger aus einem Elternhaus mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status und der Leistungsabstand gegenüber einheimischen Schülern sei darüber hinaus deutlich höher als im internationalen Vergleich.
Die GEW äußerte sich erfreut, dass die Schüler in Deutschland wenigstens in den Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt lägen. Es wirke jedoch befremdlich, wie selbstzufrieden und selbstgenügsam die Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerin Annette Schavan diese Verbesserung feierten, erklärte Demmer und verwies auf die Stagnation bei den Leistungen in Mathematik und Lesen.
Bildungsforscher fordert fächerübergreifenden Leseunterricht
Der Bildungsforscher Wilfried Bos bezeichnete die Pisa-Ergebnisse der Schüler in Deutschland bei den Naturwissenschaften als erfreulich. "Bei Mathematik und Lesen wird man sich noch anstrengen müssen", sagte der Dortmunder Wissenschaftler, der den Deutschland-Teil der jüngst vorgestellten internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) verantwortete.
Bos warnte davor, schnelle Erfolge bei der Verbesserung schulischer Leistungen zu erwarten. "Man braucht zehn bis 15 Jahre, um substanzielle Fortschritte zu erzielen", sagte Bos und verwies auf das Abschneiden der deutschen Schüler bei der Iglu-Studie. Dort habe man sich von einem Mittelfeld-Platz 1991 über eine Platzierung im oberen Drittel 2001 nunmehr ins obere Viertel vorgearbeitet.
Die besseren Leistungen der Grundschüler würden sich nicht automatisch in den kommenden Pisa-Studien niederschlagen, wo die Leistungen 15-Jähriger untersucht werden. "In den Klassen 5 bis 7 muss fächerübergreifend Lesen unterrichtet werden", forderte Bos, der das Institut für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund leitet. Den Befund der Pisa-Studie, wonach es in Deutschland noch immer einen starken Zusammenhang zwischen schulischer Leistung und sozialer Herkunft gibt, werde von den Befunden aus der Grundschule gedeckt. "Das ist dort schon angelegt."
Im Streit über die Interpretation der Pisa-Daten wies der Bildungsforscher die Darstellung des OECD-Experten Andreas Schleicher zurück, wonach die mittelmäßigen Ergebnisse der Schüler in Deutschland auch auf das dreigliedrige Schulsystem zurückzuführen seien. "Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg", unterstrich Bos. Zwar sei es möglich, dass es den Zusammenhang gebe. "Das lässt sich aus den Zahlen aber nicht rausziehen."
Diskussion um Schulstruktur
Auch der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Berlins Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht Deutschland auf einem guten Weg. Die deutschen Pisa-Ergebnisse seien "keinen Grund zum Jubeln - aber zur Zuversicht". Pisa wie auch die in der Vorwoche vorgelegte weltweite Iglu- Grundschulstudie zeige, dass die deutschen Schulen auf dem richtigen Reformweg seien. "Trotz der Erfolge dürfen wir aber die Augen nicht vor den nach wie vor bestehenden Herausforderungen beim Abbau der sozialen Unterschiede verschließen."
Es zeige sich insbesondere, dass es Steigerungen bei den leistungsschwächeren Schülern ebenso wie bei den leistungsstärkeren gebe, betonte der Berliner Bildungssenator. "Prozesse im Bildungsbereich brauchen Zeit", fügte Zöllner hinzu.
Der Staatssekretär im Bundesbildungsministeriums, Michael Thielen, bezeichnete die Ergebnisse der Pisa-Studie als Ansporn und Ermutigung. Es habe sich gezeigt, dass der eingeschlagene Weg stimme. Es gebe aber keinen Anlass, in den Anstrengungen nachzulassen. Der Zusammenhang zwischen schulischer Bildung auf der einen Seite und sozialer Herkunft sowie einem Migrationshintergrund auf der anderen Seite sei noch immer zu groß. Die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schulformen und die Möglichkeiten zum Hochschulzugang müssten verbessert werden. Vorrangig sei für ihn die Qualitätsverbesserung des Unterrichts, und nicht die Frage der Schulstruktur, fügte Thielen hinzu.
Deutschland hat sich bei der Schulstudie Pisa trotz guter Ergebnisse in den Naturwissenschaften insgesamt kaum verbessert. Im Bereich Naturwissenschaften als Schwerpunkt der aktuellen Untersuchung liegen Deutschlands Schüler im oberen Drittel der teilnehmenden Staaten. In den Bereichen Lesen und Mathematik verbesserten sich die Schüler aber nur wenig und liegen wie bei den vergangenen Untersuchungen im OECD-Durchschnitt.
(AFP/dpa/AP/bön)
DFB-Torhüter ter Stegen
Was mich ja mal interessieren würde ist, was meinen die bei PISA mit Deutschland? In diesem unserem Lande gibt es kein deutsches Bildungssystem, es gibt 16 föderale Bildungssysteme. Ebenso würde mich interessieren was passiert, wenn man einmal mehr Schüler von hier oder von da nehmen würde. Wie groß ist denn der PISA-Unterschied im eigenen Land? Damit meine ich diesmal die Bundesrepublik. Hat denn schon mal jemand in seinem Bundesland beobachtet, dass wirkliche Verbesserungen am System Schule stattfinden? Hier in Bayern beobachte ich nur, dass die Anzahl der Schulversuche zunimmt, aber am Kern wird nichts geändert. Mir kommt es so vor, als würde bei der Titanic das eintretende Wasser mit einem Eimer herausgeschöpft. Als man merkt, das Schiff sinkt immer noch, holt man weitere Eimer anstatt das Loch zu verstopfen.
So, jetzt haben demnächst alle Bildungspolitiker die Aufregung um PISA 2007 überstanden und können in ihren Anstrengungen fortfahren nichts zu tun.
Peter H.
"Beim WDR5-Tagesgespräch sagte heute morgen eine Mutter, dass ihre Töchter auf dem Gymnasium noch Mathebücher hätten in denen mit DM-Beträgen gerechnet werden würde. Ohne Worte..."
Völlig unerheblich. Ausländische Mathematikbücher verwenden nicht selten fiktive Währungen, damit die Schüler lernen mit Einheiten umzugehen.
Nach der gescheiterten Gesamtschule in Deutschland, erlebt die ideologisch geprägte Diskussion nun neuen Auftrieb. Nicht weil es neue Erkenntnisse gibt, sondern weil man das Schulsystem für eine falsche und mangelnden Migrationspolitik verantwortlich macht.
Sieht man sich die unsinnigen Pisafragebögen an und betrachtet man, was die schöne neue Medien- und Kommunikationswelt aus unseren Kindern gemacht hat...
[...z.B. Zuckerkranke, Handy- und Spielsüchtige, Magersüchtige, verfettete Bewegungstrottel (die selbstverständlich nichts dafür können), Sprachgestörte, Amokläufer, Jackasses, Egomanen etc.... ]
...so fragt man sich schon von welchem Teufel die Entscheidungsträger im deutschen Bildungssystem geritten werden, sich von der empirischen Bildungsforschung derart in Beschlag nehmen zu lassen, dass sie durch immer neue unsinnige Erlässe, Standards und Reglementierungen die Lebendigkeit an deutschen Schulen immer mehr ersticken...
Bereits 1947 hatte der alliierte Kontrollrat über die deutsche Schule geurteilt:
"Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. Schon im Alter von 10 Jahren sieht sich das Kind eingruppiert oder klassifiziert durch Faktoren, auf die es keinen Einfluss hat, wobei die Einstufung fast unvermeidlich seine Stellung für das ganze Leben bestimmt. Diese Haltung hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf dem das autoritäre Führerprinzip gedieh."
Für mich wieder einmal ein Artikel, der die Pisa-Situation mit all ihren Schattierungen umfassend darstellt. Ein Lob an die SZ.
Zum Thema selbst: Ist die Diskussion um Pisa die operative Hektih, die konstruktive Arbeit ersetzt. Unabhängig ob 1, 2 oder 3 gliedrigriges Schulsystem, die Schule heute braucht
- Frühförderung
- individuelle Unterstützung
- flankierende Massnahmen durch Sozialpädagogen, sportliche und musische Erziehung.
- Durchlösungkeit
Das meiste davon ist im 3 stufigen System schwieriger und teurer zu realisieren, aber auch möglich
Paging