Offensichtlich ist, dass die jüngste Modernisierung der deutschen Universität den Idealen des ökonomischen Liberalismus nachgebildet ist. Doch wo diese ihren Erfolg in Absatzzahlen und Gewinnmargen berechnen kann, also schlicht in Geld, fehlt der Universität meist ein solches äußerliches Kriterium für Leistung. Das gilt sogar für die Natur- oder Ingenieurwissenschaften, wo die so erwünschten Patente oft gar nicht dem Zweck dienen, neue Erkenntnisse zu schützen, sondern konkurrierende zu verhindern.
Anzeige
In den Geistes- und Sozialwissenschaft fehlen solche Maßstäbe gleich völlig. Was bedeutet, dass sie nachgebildet werden: in Gestalt von Quasi- oder Pseudomärkten, die keine ökonomische oder politische Relevanz besitzen, in denen aber gleichermaßen ausschließend vorgegangen wird.
Verwalter der eigenen Existenz
So entsteht nicht nur das entfesselte Antragswesen, sondern auch die alles überwältigende Dokumentations- und Rechtfertigungspflicht, die jeden Hochschullehrer in einen bürokratisch hochentwickelten Verwalter der eigenen Existenz verwandelt - wie diese Metamorphose im einzelnen verläuft, beschreibt der Bamberger Soziologe Richard Münch in seinem Buch "Globale Eliten, lokale Autoritäten" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009). Deswegen entspricht, wie es in diesem Buch heißt, die Menge der Publikationen vor allem einem: nämlich der Namenlosigkeit ihrer Autoren.
Wenn die Deutsche Forschungsgesellschaft nun bei neuen Anträgen nur noch fünf Veröffentlichungen berücksichtigen will, wenn sie tatsächlich alle Projekte, für die wie bisher fünfzig Publikationen angeführt werden, zur Überarbeitung an die Autoren zurückschicken will, dann hat sie offensichtlich bemerkt, dass hier ein Verfahren an die Grenzen des Absurden führt. Und vergessen, dass sie selbst die Institution war, die das Akkumulieren von oft nur scheinbar vorhandenem symbolischen Kapital entscheidend förderte - etwa in der praktischen Einrichtung des Prinzips "Exzellenz".
Emanzipation von der Bürokratie
Wer immer dabei mitmachen wollte, musste bis jetzt nicht nur nachweisen, mit welchen Partnern innerhalb und außerhalb der Universität er arbeiten wolle, musste nicht nur den Forschungsstand nachweisen, das Konzept erläutern und in seinen einzelnen "Feldern" präsentieren sowie darlegen, auf welche Weise der wissenschaftliche Nachwuchs und die Gleichstellung der Geschlechter befördert werden solle. Er musste schließlich für jeden beteiligten Wissenschaftler die fünfundzwanzig wichtigsten Publikationen sowie fünfundzwanzig weitere Qualifikationsnachweise nennen.
Eher, als dass die jüngste Initiative der DFG eine Befreiung darstellt, eher, als dass sie den Gutachtern nun Anlass zu Jubel gäbe, weil sie pro Antragsteller nur noch fünf Schriften lesen sollen, eher also, als dass diese Demarche eine Emanzipation von Bürokratie und Bluff darstellt, ist sie Ausdruck eines Dilemmas: Denn es geht kein Weg zurück zur alten Universität mit ihrer professoralen Ethik und ihrer akademischen Selbstverwaltung.
Schicksal Überflüssigkeit
Gleichzeitig scheint die Unterwerfung der Universität unter die Prinzipien der modernen Unternehmensführung zu solchen Mengen an Überflüssigkeit, wenn nicht Ineffizienz zu führen, dass sie die große Erneuerung der deutschen Universitäten im Kern gefährden. Der Versuch, die Vielschreiberei zu bändigen, wird nicht die letzte Reform in der Reform bleiben.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Fördergelder in der Wissenschaft Keine Chance für Dr. Durchfall 24.02.2010
- Fördergelder in der Wissenschaft Schluss mit dem Geschwalle 23.02.2010
- Eklat an der Uni Göttingen Prüfung einer Professorengattin 08.02.2010
- Hochschulen im Vergleich "Ranglisten sind sexy" 31.01.2010
- Universität Göttingen Teurer Publikationsbetrug 22.12.2009
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- Bologna-Konferenz Randale während der "Schavan-Show" 17.05.2010
(SZ vom 03.03.2010/holz)
65. Filmfestspiele Cannes
habe ich ein passendes Zitat von Joachim Fest. Lässt sich wohl ohne Probleme auf andere Fächer übertragen:
Aber dies ist eines; etwas ganz anderes jedoch ist jene Flut von Schriften mit bizarr überzogener Fragestellung, die sich mitunter wie die Produkte einer ebenso verlegenen wie phantasielosen Titelhuberei ausnehmen. Sie haben nichts zu tun mit der Erkundung der weißen Fläche im Geschichtsbild,
sondern dehnen diese, durch thematische Verfehlung, eher noch weiter aus. Jacob Burckhardt hat gelegentlich über die Autoren solcher Mikrowissenschaft gesagt, sie wüssten nicht, wie lange ein Menschenleben dauere und wie viel Zeit ein Leser an dergleichen wenden könne. Streng genommen gar
keine. Man solle bei der Abfassung einer Monographie, mahnte er, stets den Agricola des Tacitus in Reichweite haben und sich einschärfen: je weitläufiger, desto vergänglicher. Ein englischer Historiker, so hat er warnend hinzugefügt, habe sich bei der selbstversunkenen Erforschung der schottischen Predigten des 17. und 18.Jahrhunderts eine Gehirnlähmung geholt.
Ein ausgezeichneter Artikel, der die komplexe Materie kompetent durchdringt und auf den Punkt bringt!
In meinem Fachbereich jetten Professoren zu irgendwelchen wichtigen Konferenzen, um in schlechtem Englisch den "Chair" auf völlig peripheren Panels zu spielen. Das hört sich aber gut an, auf einer Konferenz in L. A. zu sein. Das ist im Vertrag, die Vorlesung fällt aus. Ein Professor wird nicht an den Leistungen der Humankapitalbildung an seinem Institut gemessen. Das ist der Fehler...
Zitat eines Physik-Prof. an der Uni Siegen Ende der 1970er:
"Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen pro Zeiteinheit nähert sich rapide der Lichtgeschwindigkeit. Wir (Naturwissenschaftler) wissen das und können das berechnen. Die (Geisteswissenschaftler) schreiben nur."
---------------------
Noch einer? Also gut:
Wer ist der größte lebende Philosoph in diesem Lande?
Durchaus ernst gemeinte Antwort: Hape Kerkeling.
Begründung: In seinem Buch "Ich bin dann mal weg" schreibt er sinngemäß an einer Stelle über das Sein:
"Die Seele ist der Reiter, der Körper ist das Pferd und das Leben ist der Parcours. Und am Ende bewertet eine Jury deinen Ritt."
Allein diese zwei Sätze ersetzen hunderte von Metern philosophischer Literatur in verstaubten Regalen.
Jeden Monat erscheinen neue Fachzeitschriften. Und diverse Wissenschaftler formulieren Erkenntnisse einfach um, so dass sie ein erarbeitetes Ergebnis so weit wie möglich proliferieren. Schade um den Regenwald, der dabei draufgeht...
Paging