Psychologie Produktivitätskiller Smartphone

Nur noch kurz die Mails checken: Alle 18 Minuten greifen Smartphone-Nutzer im Schnitt zum Handy.

(Foto: imago/Westend61)

Handys kosten uns drei Stunden Lebens- und Arbeitszeit, sagt der Psychologieprofessor Christian Montag. Drei Stunden - jeden Tag.

Interview von Nicola Holzapfel

Christian Montag ist Professor am Lehrstuhl für Molekulare Psychologie der Universität Ulm und untersucht das menschliche Verhalten am Smartphone.

PLAN W: Professor Montag, was bringt das Smartphone im Job?

Christian Montag: Es scheint zunächst für mehr Produktivität zu sorgen: Wir können kostengünstig kommunizieren und von überall arbeiten. Aber das Gerät sendet laufend akustische und visuelle Signale. Smartphone-Besitzer greifen alle 18 Minuten zum Handy. Durch diese ständigen Unterbrechungen kommen sie gar nicht mehr in einen Flow - das ist der Zustand, wenn wir von einer Aufgabe völlig absorbiert sind, Zeit und Raum vergessen und produktiv sind.

Arbeiten wir dadurch also weniger gut?

Das Smartphone spiegelt uns vor, wir wären zu Multitasking fähig, aber unser Gehirn ist nicht auf parallele Verarbeitung programmiert. Um gut arbeiten zu können, müssen wir uns fokussieren und eins nach dem anderen machen. Dazu kommen wir aber gar nicht mehr.

Das Smartphone nimmt uns also Zeit zum Arbeiten?

Es ist ein Zeitvernichter. Smartphone-Nutzer verbringen im Durchschnitt knapp drei Stunden pro Tag an ihrem Handy, etwa ein Drittel davon sind sie auf sozialen Netzwerken unterwegs, auch am Arbeitsplatz.

Werden wir zu Sklaven unserer Smartphones?

Eine gute Frage. Etwa 40 Prozent nutzen ihr Handy sogar in den letzten fünf Minuten vorm Schlafen und schalten es in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen an. Damit ist schon morgens sofort alles da: E-Mails, Arbeit, Stress.

Warum schauen wir denn ständig da rein?

Weil wir konstant erwarten, dass uns etwas Nettes widerfährt. Aber das passiert nur unregelmäßig. Und auf unregelmäßige Belohnungen reagiert unser Gehirn besonders heftig. Zudem ist der Großteil unseres Verhaltens konditioniert, da laufen unbewusst automatische Mechanismen ab.

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Das beste Beispiel ist die Bushaltestelle. Dort war uns mal langweilig, also haben wir ins Smartphone geschaut. Inzwischen reagieren viele reflexhaft mit dem Griff zum Handy, sobald sie eine Haltestelle nur sehen.

Klingt fast nach Sucht.

Symptome aus der Suchtforschung lassen sich möglicherweise aufs Smartphone übertragen. Die Toleranzentwicklung: Wir sind immer länger am Handy, um den gleichen Glücksmoment zu erfahren. Die Entzugserscheinung: Wir werden nervös, wenn wir das Handy vergessen. Und die Produktivitätseinbußen, weil unsere Arbeit laufend von Nachrichten unterbrochen wird.

Was macht das mit dem Arbeitsalltag?

Es wird erwartet, auf jede eingehende E-Mail innerhalb kürzester Zeit zu antworten. Die Technik verleitet dazu, selbst um 23 Uhr noch eine berufliche Mail abzuseilen. Dabei ist das Wenigste so wichtig, als dass es nicht ein paar Stunden oder gar Tage warten kann. Feste E-Mail-Zeiten reduzieren dagegen den Stress, steigern das Wohlbefinden und wir kriegen wieder was geschafft.

Also sollten wir die Dinger wieder abschaffen?

Wir müssen anders mit den Geräten umgehen. Vieles, was wir am Smartphone machen, ist unnötig. Es kommt zwar unserem Urbedürfnis entgegen, sozial eingebunden zu sein - deswegen sind die Social-Media-Anwendungen auch so erfolgreich. Aber die drei Stunden am Tag fehlen uns für echtes Miteinander. Wir bringen uns damit um sehr schöne Momente.