Schulangst, Aggression, enormer Leistungsdruck: 22 Prozent aller Kinder zeigen in der Schule Verhaltensstörungen. Doch Psychologen, die helfen könnten, fehlen.
Schon einige Wochen nach der Einschulung wollte Marie nicht mehr zur Schule gehen, konnte dem Unterricht nicht folgen, weinte, klagte über Bauchweh. "Ihre Klassenlehrerin hat früh auf eine mögliche Rechenschwäche hingewiesen und zu einem Besuch beim Schulpsychologen geraten", erzählt ihre Mutter Doris Wegner.
Gewalt zwischen Schülern: In Deutschland fehlen tausende Psychologen, die auffälligen Kindern helfen könnten. (© Foto: dpa)
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"Das ist jetzt ein Jahr her, meine Tochter hat die erste Klasse inzwischen wiederholt - und erst vor ein paar Tagen hat sich der Schulpsychologe endlich mal bei mir gemeldet", sagt die verärgerte Mutter. "Er ist für ein Riesengebiet zuständig und meinte, dass er Kinder mit viel schlimmeren Problemen vorziehen musste." Schulpsychologen sind rar - im Durchschnitt versorgt ein Schulpsychologe 12.500 Schüler.
"Da droht eine Berufsgruppe auszusterben", klagt Christa Schaffmann, Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Psychologen (BDP). Während Psychologen etwa als Berater in Unternehmen immer mehr gefragt sind, nimmt die Zahl der Schulpsychologen wegen Kürzungen im Schuletat seit Jahren ab.
Auch Lehrer brauchen Unterstützung
Zugleich steigt aber laut BDP die Zahl der Schüler mit Auffälligkeiten: Konzentrations- und Motivationsprobleme, Leistungs- und Prüfungsangst, Klassenwiederholungen, Schulabbruch, aber auch Aggression und wachsende Gewalt. Eine Studie des Robert- Koch-Instituts zufolge entwickeln 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten.
Der Bedarf an Beratung ist groß, sagt auch Klaus Seifried, im BDP stellvertretender Bundesvorsitzender der Sektion Schulpsychologie. "In Deutschland können wir uns aber fast nur noch um die Problemfälle kümmern." Dabei bräuchte nach seiner Einschätzung eigentlich jeder Schüler Unterstützung - und auch die Lehrer, die oft schwierige Erziehungsarbeit leisteten. Deutschland ist in Europa Schlusslicht bei der Versorgung mit Schulpsychologen - und das geht zulasten von Nachwuchs und Pädagogen.
So gingen 2007 von 668.000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen 26 Prozent vorzeitig in Pension, die Hälfte wegen psychischer Probleme. Da zeigten wohl auch Probleme im Elternhaus und mangelnde moralische Orientierung der Kids ihre Folgen, meint Seifried: "Wir haben Eltern, die wenig Interesse für ihre Kinder haben oder hilflos sind - und Kinder, die schon mit zehn, elf Jahren auf der Straße streunen."
Mobbing im Elite-Gymnasium
Es gebe aber auch ehrgeizige und autoritäre Eltern, die enormen Druck auf ihre Sprösslinge ausübten, den diese dann irgendwie loswerden müssten: "Aggression und Mobbing kennen wir nicht nur aus der Hauptschule, sondern auch und gerade aus dem Elite-Gymnasium."
Zugleich werden Kindern immer häufiger Psychopharmaka verabreicht, wie eine Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln zeigt: 2006 erhielten mit 28.100 Kids viermal so viele Neuroleptika wie im Jahr 2000. "Grundsätzlich wird relativ schnell mit Medikamenten interveniert, ohne sich die Zeit zu nehmen, den Hintergrund der Störung zu finden", kritisiert Psychologe Seifried.
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Liebe User,
kürzlich erreichte uns dieser Leserbrief per E-Mail, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten:
Schulangst, Aggression, enormer Leistungsdruck: 22 Prozent aller Kinder zeigen in der Schule Verhaltensstörungen. Doch Psychologen, die helfen könnten, fehlen. Dem hier treffend beschriebenen schulischen Ist- Zustand entgegen zu wirken, entschied ich mich auf eigene Rechnung für eine tiefenpsychologisch fundierte Weiterbildung. Die berufsbegleitende, dreijährige Ausbildung zur Individualpsychologischen Beraterin - von der Schulaufsicht als eine der LDO (Lehrerdienstordnung) entsprechende Weiterbildung anerkannt- ist mir eine wertvolle Hilfe und Orientierung in meiner alltäglichen Arbeit als Lehrerin und Evaluatorin an bayerischen Grund- und Hauptschulen. Auch in der Lehrerfortbildung konnte ich zentrale Inhalte der Individualpsychologie an meine Kollegen vermitteln. Mit bestem Gewissen machte ich folglich die entstandenen Unkosten bei der Steuererklärung geltend. Vergeblich! Trotz wiederholtem Einspruch, lehnte die Finanzbehörde ab. Insbesondere persönlichkeitsbildende Lehrgänge (die auch der Berufsförderung dienen) sind in der Regel ausschließlich dem privaten Bereich zugeordnet ..und steuerlich nicht Dies ein Zitat aus dem seitenlangen Schrieb, in dem das Finanzamt - auch mit Hinweis auf diverse Gerichtsbeschlüsse- die Ablehnung begründet. Abgesehen davon, dass ich aus dem Finanz-Latein nicht schlau werde, ist es mir ein Rätsel, wieso meinen Kolleginnen (Biologin, Juristin, Sozialpädagogin, Lehrerin) die Ausbildungskosten anerkannt wurden. Auch das Argument der ungleichen Handhabung zählte nicht. Auf Anraten meines Steuerberaters habe ich jetzt kapituliert.
Fortsetzung in Teil 2...
...und hier die Fortsetzung:
Auch Lehrer brauchen Unterstützung So gingen 2007 von 668.000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen 26 Prozent vorzeitig in Pension, die Hälfte wegen psychischer Probleme Ich kann nur hoffen, dass die im Sinne des Steuerzahlers auf Einsparung bedachten Richter und Finanzbeamten diesen Artikel nachhaltig zur Kenntnis nehmen. Vielleicht geht Ihnen dann doch ein Licht auf: Jene aus der eigenen Tasche finanzierten persönlichkeits-bildenden Lehrgänge (z. B. Supervision) - Rettungsreifen gegen vorzeitiges Absaufen in Folge von Burnout ersparen Steuergelder, die mit dem vorzeitigen Ausscheiden der Lehrer aufgebracht werden müssen. Die somit eingesparten Gelder könnten an Schulen für den erhöhten Bedarf an Schulpsychologen in Sachen Absturz vermeiden wirksam aufgewendet werden, was wiederum Kosten erspart, die z. B. durch Jugendkriminalität und Jugendarbeitslosigkeit entstehen. Fazit: Persönlichkeitsbildende Lehrgänge eine Rechnung, die aufgeht.
B. Bittner
... wenn man ein gesellschaftliches Problem hat. Die Eltern von vor einigen Jahren waren sicher nicht besser aber die Rahmenbedingungen haben sich rapide verschlechtert und sorry die Kinder werden das gnadenlos im guten oder schlechten Sinne später zurückzahlen was man ihnen heute gutes oder schlechtes antut.
Einfach weiterhin Sparen, Sozialarbeit abbauen alleine lassen und mit dem TV einsperren weil Autos wichtiger sind, als Lärmpegel und Ruhestörer betrachten ... und wir alle werden dieses asoziale Verhalten noch schwer bereuen.
www.sueddeutsche.de/leben/artikel/952/133702/
Als mein Sohn in die zweite Klasse Grundschule ging, attestierte ihm seine Klassenlehrerin eine Dyskalkulie (Rechenschwäche), da er beim Hunderterübergang Probleme hatte.
Ich wollte mich damit nicht zufriedengegeben und habe jeden Nachmittag mit ihm geübt. Nach ein paar Wochen hatte er keine Probleme mehr und heute geht er aufs Gymnasium. In Mathe hat er eine gute Drei.
Ich muss sagen, dass ich den Verdacht nicht loswerde, dass es für Eltern und Lehrer manchmal einfacher und bequemer ist, ihrem Kind oder Schüler einfach den Stempel "Rechenschwäche" oder "Leseschwäche" o.ä. aufzudrücken. Damit kann man sich ja dann bequemerweise die mühevolle Lernerei mit dem Kind ersparen.
Eltern, die ihre Kinder mit Psychopharmaka vollpumpen, nur damit sie Leistung bringen und nicht so anstrengend kindlich sind, sind für mich einfach nur gestört.
PS: Natürlich will ich nicht bestreiten, dass es tatsächlich Kinder gibt, die an Dyskalkulie o.ä. leiden. Aber in der genannten Häufigkeit halte ich das für absolut überzogen. Im übrigen würde ich vorschlagen, den Fernsehkonsum von Kindern drastisch zu reduzieren. Wenn die Kinder die ganze Zeit vor der Gl.otze verbringen, sollten sich die Eltern nicht über Lernschwächen und Zappeligkeit wundern.
Wenn man die esoterischen Zwischentöne erfolgreich ausgefiltert hat, kann man aus Ihrer Stellungnahme durchaus auch gewinnbringende Einsichten verzeichnen. Deshalb von mir ein kleines Grün.
Auch für mich ist es erschreckend, wie viel von dem Gelernten in so kurzer Zeit wieder vergessen wird. Teilweise genügen die Informationen nicht einmal als Aufbaustoff für das folgende Thema, so dass jeder Zusammenhang flöten geht. Weniger, aber dafür nachhaltiger lernen. Das wäre vielleicht einer der Auswege aus einer sich ständig vergrößernden Wissensmenge. Neben vielen weiteren Verbesserungsmöglichkeiten.
Dass ein Mangel an Schulpsychologen bedauert wird, ist an sich schon erschreckend. Eigentlich dürfte es diesen Berufsstand gar nicht geben, wenn wir unseren Kindern die einfachsten Menschenrechte zubilligen würden.
Paging