Psychische Erkrankung im Job Depression als Karrierekiller

sueddeutsche.de: Wo gibt es diese professionelle Hilfe?

Kissling: Die erste Anlaufstelle wäre der Betriebsarzt. Viele Mitarbeiter scheuen sich jedoch, sich ihm anzuvertrauen, da sie glauben, ihr Leiden könnte bekanntwerden und dann ihrer Karriere schaden.

sueddeutsche.de: Ist diese Angst berechtigt?

Kissling: Manchmal ja. Es hängt vor allem von der individuellen Situation und den Vorgesetzten ab. Für manche Betroffene ist es eine große Erleichterung, wenn sie endlich kein Geheimnis mehr aus ihrer Depression machen müssen. In anderen Fällen ist es durchaus ratsam, die Krankheit zunächst für sich zu behalten, zum Beispiel während der Probezeit. Einen pauschalen Rat kann man nicht geben.

sueddeutsche.de: Warum sind psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz trotz ihrer Häufigkeit noch immer so ein heikles Thema?

Kissling: In vielen Köpfen herrscht die Vorstellung, wer einmal psychisch krank war, wird nie wieder richtig leistungsfähig sein. Das stimmt nicht, manche psychischen Erkrankungen können nach sechs Wochen schon wieder völlig überstanden sein.

sueddeutsche.de: Können die Betroffenen nach ihrer Krankheit sofort wieder in den Arbeitsalltag einsteigen?

Kissling: Der betroffene Arbeitnehmer sollte stufenweise wieder eingegliedert werden, anfangs nur stundenweise arbeiten. Diese Reintegrationsphase sollte etwa zwei Monate dauern. Das Problem ist, dass in der Wirtschaftskrise viele so schnell wie möglich wieder einsteigen wollen. Die Chefs nehmen dieses Angebot meist gerne an, was allerdings kurzsichtig ist. Wer zu früh wieder 100 Prozent arbeitet, fällt meist ziemlich schnell wieder auf die Nase.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt die Arbeit bei der Entstehung einer Depression?

Kissling: Es heißt ja häufig, Arbeit mache krank. Erwiesen ist jedoch, dass der stabilisierende Effekt der Arbeit weitaus größer ist als der krankmachende. Das sieht man auch an den zahlreichen Depressionsfällen unter Arbeitslosen. Allerdings kann Arbeit immer auch Stress bedeuten, gerade in Zeiten der Umstrukturierung. Viele Mitarbeiter wissen heute nicht, wo sie morgen arbeiten. Diese ständige Unsicherheit begünstigt psychische Erkrankungen - meist spielen aber auch private Probleme eine Rolle.

sueddeutsche.de: Welche Menschen sind besonders gefährdet, psychisch zu erkranken?

Kissling: Prinzipiell kann es jeden von uns treffen, aber es gibt eine erbliche Veranlagung, die das Krankheitsrisiko erhöht. Statistisch gesehen sind gerade Führungskräfte gefährdet.

sueddeutsche.de: Was können Unternehmen tun, um psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter vorzubeugen?

Kissling: Gerade in der derzeitigen Wirtschaftskrise sollten sie geplante Veränderungen offen kommunizieren, um ihren Mitarbeitern unnötige Unsicherheit zu ersparen. Zudem gibt es einfache Maßnahmen zum Stressabbau: täglich zehn Minuten Bewegung, im besten Fall im Unternehmenseigenen Fitnesstudio, während der Arbeit mal fünf Minuten Musik hören, kurz an die frische Luft gehen. Jeder muss sich bewusst machen, dass der Beruf nicht alles ist. Der Erholung im Privatleben muss genügend Raum gegeben werden.

Mehr Informationen gibt es unter http://www.cfdm.de/works

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