Psychische Belastung am Arbeitsplatz Was die Deutschen stresst

Gefangen im gläsernen Büro: 16 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten der Studie zufolge 48 Stunden pro Woche oder mehr.

(Foto: dpa)

Nervös, niedergeschlagen, ausgebrannt - immer mehr Menschen macht die Arbeit krank. Erwerbstätige nehmen 18 Mal mehr Krankheitstage aufgrund von Burn-out-Syndromen als vor acht Jahren. Was sind die Belastungen im Beruf? Der "Stressreport 2012" zeigt, was die Deutschen bei ihrem Arbeitsalltag beklagen.

Von Johanna Bruckner

53.000.000. Größere und kleinere Leidensgeschichten verbergen sich hinter dieser gewaltigen Zahl, die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen in der Einleitung zum "Stressreport 2012" nennt. So viele Krankheitstage waren demnach im vergangenen Jahr auf "psychische Störungen" zurückzuführen. Arbeit macht immer mehr Menschen seelisch krank, das belegen auch zwei jüngst veröffentlichte Studien von Krankenkassen. Nicht immer muss es bis zum Burn-out gehen. Sich oft müde und erschöpft fühlen, nervös oder reizbar sein, von Niedergeschlagenheit geplagt werden - diese Erfahrungen macht eine Mehrheit der deutschen Erwerbstätigen.

Doch welche Anforderungen im Arbeitsalltag sorgen dafür, dass Menschen gestresst sind oder gar krank werden? Dieser Frage geht seit den 1970er Jahren regelmäßig die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nach. Der nun vorgestellte Stressreport geht auf eine Befragung von etwa 20.000 Erwerbstätigen zurück (Mindestalter 15 Jahre, bezahlte Tätigkeit von mindestens zehn Stunden/Woche). Die wichtigsten Gründe für (krankmachenden) Stress im Überblick.

  • Multitasking

Am Hörer den Chef, in der Tür der Arbeitskollege - und nebenbei wird noch fix eine E-Mail beantwortet. Die Fähigkeit zum Mutitasking ist zur Selbstverständlichkeit in der Arbeitswelt geworden, wird "mit einem hohen Leistungspotenzial und besonderer Eignung für moderne Berufe assoziiert". 58 Prozent der Befragten gaben dem Bericht zufolge an, dass von ihnen "häufig die gleichzeitige Betreuung verschiedenartiger Arbeiten" verlangt werde. Doch wenn Menschen zu Multifunktionsmaschinen werden - der Begriff Multitasking stammt ursprünglich aus der Computersprache -, leidet nicht selten die Seele: Fast jeder Fünfte (17 Prozent) gab an, die parallelen Anforderungen als Belastung zu empfinden. Entscheidend für den Stress durch Multitasking ist demnach, wie geistig anspruchsvoll die gleichzeitig zu verrichtenden Tätigkeiten sind. So wird beispielsweise niemand davon krank, dass er beim Bügeln nebenher die Lieblingsserie oder Fußball schaut. Etwas anderes ist es aber, wenn parallel Chef, Kollege und Mail-Partner Aufmerksamkeit und Konzentration beanspruchen. Neben dem Stresslevel steigt in solchen beruflichen Situationen auch die Wahrscheinlichkeit, Fehler zu machen.

Stress-Test Wie nah sind Sie dem Burn-out?

  • Termin- und Leistungsdruck

Ob nun der Architekt, der sich vor dem zu früh angesetzten Abgabetermin für ein wichtiges Bauprojekt fürchtet. Oder der Bandarbeiter, der jeden Morgen mit Bauchgrummeln in die Firma geht wegen zu hoher Stückzahlvorgaben. Wohl jeder Erwerbstätige weiß, welchen Stress Termin- und Leistungsdruck verursachen können. Im Report gaben 52 Prozent der Befragten an, regelmäßig mit diesen Anforderungen konfrontiert zu sein. Termin- und Leistungsdruck werden gleichzeitig von den meisten Betroffenen als belastend empfunden (34 Prozent). "Spitzenreiter" unter den belastenden Stressfaktoren ist das Arbeiten an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit. Immerhin noch 16 Prozent erklärten, diese Anforderung treffe regelmäßig auf sie zu - drei Viertel empfinden dies als puren Stress. Dabei spielt nicht nur die Arbeitszeit eine Rolle. Auch sich verändernde Arbeitsprozesse und -profile durch technische Neuerungen können zur Belastung werden. So ist für viele ältere Erwerbstätige beispielsweise der Umgang mit Computern und Computertechnologien nicht so intuitiv wie für jüngere Generationen. Erwerbstätige von 45 Jahren aufwärts erleben die an sie gestellten Anforderungen häufiger als psychische Grenzerfahrung. Jüngere Menschen fühlen sich hingegen gestresst, weil ihnen nicht Erlerntes/Beherrschtes abverlangt wird.