Jeder Staatsanwalt weiß, dass der Kauf eines Dr. med. oder Dr. phil. mit dem Strafgesetzbuch kaum vereinbar ist. Dennoch blieb der Titelhandel lange Zeit ungeahndet.
Die kriminologische Forschung definiert Korruption als Missbrauch eines öffentlichen Amtes oder einer Funktion in der Wirtschaft zu privaten Zwecken. Der Täter nimmt den Eintritt eines Schadens oder Nachteils für die Allgemeinheit wegen des eigenen Vorteils in Kauf.
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Das Geschäft mit käuflichen Doktortiteln floriert seit langem - und blieb viel zu lange ungeahndet. (© Foto: dpa)
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Interessanterweise erlebt aber auch das System des Gebens und Nehmens, das Horst-Eberhard Richter mal die "Ars corrumpendi" genannt hat, seine Zyklen. Was auch gestern schon anstößig war, aber nicht ernsthaft verfolgt wurde, kann heute ein Skandal sein.
Oder andersherum. Eher durch einen Zufallsfund angeregt, hat die Staatsanwaltschaft Köln einen Teil eines aus bestechlichen Doktorvätern, unfähigen Doktoranden und gerissenen Promotionsberatern bestehenden Marktes ausgehoben.
Am meisten erstaunt das Erstaunen
In einem Prozess hatte sich ein Promotionsberater um Kopf und Kragen geredet. Weil er eifrigst gestand, wurde die Strafverfolgungsbehörde fündig: Hundert deutsche Professoren sollen bestechlich sein. Am meisten erstaunt das Erstaunen.
Den Titelhandel und das Gewerbe der sogenannten Promotionsberater gibt es schon seit Jahrzehnten. Sogar in bereits vergilbten Büchern ("Die Doktormacher") finden sich aktuelle Auflistungen der Granden des Geschäfts mit der Eitelkeit; unter ihnen befinden sich etliche Gewerbetreibende, die auch heute noch ungestört ihren Tätigkeiten nachgehen.
Man machte seine Witzchen über die eitlen Titeljäger oder über Hochstapler. Ein Doktortitel muss es schon sein. Der Deutsche Hochschulverband, die bundesweite Interessenorganisation der Professoren, hat immer wieder mal pflichtschuldigst auf das Übel der vielen Doktorfabriken hingewiesen, aber das Echo war gering.
Es gilt heutzutage schon als löblich, dass zumindest ein Bundesland (Nordrhein-Westfalen) im Hochschulgesetz die Selbstverständlichkeit vermerkt hat, dass "akademische Grade nicht gegen Entgelt vermittelt werden dürfen". Eine zentrale Stelle, die Regeln für Dissertationen festlegt und deren Einhaltung prüft, gibt es immer noch nicht: Promotionsordnungen liegen in der Verantwortungen der Hochschulen.
Zwar kämpfen ein paar engagierte Wissenschaftler wie der Münchner Professor Manuel R. Theisen seit Jahrzehnten gegen die Titelhändler und informieren über deren Praktiken regelmäßig die Behörden. Aber warum geht die Gesellschaft meist bei diesem Thema sparsam mit ihrer Empörung um? Warum endeten die meisten Verfahren gegen die wenigen Doktormacher, die vor Gericht gebracht wurden, mit bescheidenen Bußgeldern?
Für Staatsanwaltschaften war der Missbrauch akademischer Titel lange Zeit kein großes Thema. Solche Verfahren sind mühsam und langwierig - und diese Klientel hat oft auch gute Rechtsbeistände.
Dabei weiß jeder Staatsanwalt, dass sich der Kauf eines Doktortitels mit dem Strafgesetzbuch kaum vereinbaren lässt. Das Geschäft mit käuflichen Doktortiteln floriert dennoch. Etliche Manager, Beamte, vor allem jedoch Freiberufler wie Heilpraktiker und Architekten schmücken sich unbefugt mit akademischen Graden, für die sie nicht ausreichend wissenschaftlich gearbeitet haben.
Jedes Jahr bis zu 500 falsche Doktoranden
Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 25.000 Akademiker zum Doktor ernannt. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent gelangen auf dubiosen Wegen zum Titel. Das bedeutet, dass jährlich zwischen 250 und 500 falsche Doktorhüte produziert werden. Der Vorteil für den Geber liegt auf der Hand: Etwa 13.000 Euro zusätzliches Jahresgehalt bringt ein Titel im Schnitt.
Das rechnet sich. Ein promovierter Ingenieur zum Beispiel kann in seinem Berufsleben mindestens eine Viertelmillion Euro mehr verdienen als sein nur diplomierter Kollege. Auch dürfen fließende Grenzen zwischen Vermittlungs- und Schreibdiensten vermutet werden. Es handelt sich nicht um Kleinkriminalität, sondern um astreine Korruption.
- Promotion Rund 100 Professoren unter Korruptionsverdacht 22.08.2009
- Bologna-Reform Die Bachelor-Misere 02.07.2009
- Medizinstudium und Promotion Dr. med. Dünnbrettbohrer 08.07.2009
- Promotionen Weibliche Elite 16.07.2009
- Internationale Titelkunde Herr Magister Wichtig 30.05.2009
(SZ vom 24.08.2009/dmo)
Das Hauptproblem ist doch das Promotionsrecht der Universitäten, welches den Professoren zuviel Gestaltungsspielraum gibt. Er/Sie kann nach eigenem Gutdünken entscheiden, wem er die Gnade der Promotion an seinem Lehrstuhl angedeihen lassen will. Und da sind ihm/ihr handzahme wissenschaftliche Hiwis, die er/sie nebenbei noch ausbeuten kann, 1000mal lieber als externe Doktoranden, die es auf sich nehmen wollen, neben dem Job (aus welchen Gründen auch immer) eine wissenschaftliche Untersuchung vorzunehmen. Und gerade an diese Klientel hat sich das Beratungsunternehmen in Bergisch-Gladbach gewandt.
Eigentlich sollten Forschung und Lehre ein Interesse daran haben, auch externen Sachverstand zu nutzen und sich über jeden praxisorientierten Wissenschaftler und dessen Know-how freuen. Leider ist das aber nicht der Fall und so bleiben viele Dissertationen auf dem Stand von Diplom-/Masterarbeiten, nur dicker und mit mehr Fußnoten.
Also: Hochschulen mit mehr Mitteln ausstatten, damit eine höhere Zahl an promotionswilligen Kandidaten verkraftet werden kann. Und für diese "Doktoranden" sind dann auch höhere "Promotionsgebühren" zu stemmen. Das kommt wiederum der Hochschule zugute. So einfach könnte das sein.
Im Artikel wird die Spitze eines Eisgebirges knapp umrissen.
Der Handel fängt bereits seit langem nicht erst beim Dr. an.
Staatsexamina wollen vorher bestanden sein.
Leistungsnachweise und Zwischenprüfungen stehen früher an.
Der Weg zieht sich seit der Schule zielführend von einem Ergebniserwerb zum nächsten. Was bezahlen manche Eltern für den richtigen Kindergartenplatz ihrer Sprösslinge, wenn das Umfeld nur förderliche Freundschaften fürs Leben verspricht?
Danach stehen die Schulverbindungen an, hernach die der Studenten/innen.
Mit kaum etwas hat man jemanden mehr in der Hand, als mit geschobenen Examina und Titeln. So zieht man sich Willfährigkeit heran, die gar nicht mehr anders kann, als bedingungslosen, lebenslangen Gehorsam zu üben gleichgültig, was gefordert wird. Es geht mehr um die Männerwelt, die sog. Ernährer von Couleurartikeln weiblichen Geschlechts und den meist wohl gemeinsamen Abkömmlingen.
Das hätte im Artikel en passant, - nicht nur statistisch, - erwiesen werden können.
Man verwundert sich nicht mehr, woher willfährige Helfer und Helfershelfer von Wirtschaftskrisen und noch mehr kommen. Sie haben gelernt, wie es richtig geht und müssten es brillant zum Wohle der Allgemeinheit mit immer noch genügend Profit für einige, wenige bewerkstelligen können.
Ausweislich ihrer Examina und Titel sogar summa bis magna cum laude.
Das wäre ein anderer Artikel geworden. Der hätte nicht mehr gefallen. Soviel Wahrheit ist unerträglich. Peter Handkes Publikumsbeschimpfungen sind out.
Vielleicht sollen lediglich eine Reihe älterer Professoren weg, die dem akademischen Nachwuchs freiwillig keinen Platz machte? 100 offene Stellen? Das wäre zu kurz gedacht. Die Justiz ist ein weites Feld zweier Staatsexamina mit gern gesehener Promotion. Die alten Herren Professoren kommen allenfalls mit einem blauen Auge davon. In anderem Zusammenhang wird viel vom ältesten Gewerbe geredet.
Als eine Form akademischer Prostitution mit stetem Andrang von Titelfreiern steht es dem anderen Gewerbe nicht nach.
In beiden Fällen möchte niemand bei geschäftlich wie geschäftiger Verrichtung erwischt werden, der gute Ruf, das versteht sich!
Aber warum geht die Gesellschaft meist bei diesem Thema sparsam mit ihrer Empörung um? Es handelt sich nicht um Kleinkriminalität, sondern um astreine Korruption.
Wenn ich zu ähnlichen Themen kommentierte, wurden meine Kommentare von der SZ oftmals zensiert.
Ein Beispiel dazu: Die Hochschulen in den neuen Bundesländern schneiden fast immer überdurchschnittlich gut ab. Als meine Freundin 1993 an der Chemnitzer UNI ihr Diplom absolvierte, bekam auch ich einen Einblick in das Geschehen um die guten Zensuren in Ostdeutschland.
Bereits mehrere Tage vor der Prüfung konnte man sämtliche Fragen mit den dazugehörenden Antworten im Internet nachlesen. Meine Freundin hatte, wie fast alle andere auch, mit einer glatten 1 abgeschlossen. Vom Osten lernen, heißt siegen lernen, meint Frau Merkel.
Als ob wissenschaftliches Arbeiten ein Kriterium wäre! Wenn es danach ginge hätte der Berufsstand, der mit diesem Titel gleichgesetzt wird ("der Herr Doktor hat gleich Zeit für Sie" - dabei hat unser Arzt gar keinen Dr.) die geringste Promotionsquote, noch hinter den Theaterwissenschaftlern. Ausserdem gibt es genug arme Doktoranden, die neben vielen Frondiensten lediglich beweisen konnten, dass ihr Prof eine schlechte Idee gehabt hatte und das Promotionsthema nichts hergibt. Die haben ihren Dr. zwar mehr als verdient und werden deshalb auch irgedwie 'durchgeschleust', nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist die Arbeit aber trotzdem wertlos.
Die legale Methode, einen Doktortitel zu erlangen ist auch nicht besser. Der einzige Unterschied, ist dass sich "seriöse" Universitäten nicht Bar und in Euro bezahlen lassen, sondern in Form von kostenlos erbrachter Arbeitszeit.
Doktoranden arbeiten 3-4 Jahre lang, oft deutlich mehr als 40 Stunden die Woche, und werden wenn überhaupt nur für 12.5 Stunden bezahlt. Wer das über sich ergehen lassen hat, wird auf jeden Fall einen Titel erhalten. Zumindest ist mir aus unserem Bereich kein Fall bekannt, bei dem ein Absolvent am Ende Durchgefallen währe. Und es waren einige dabei, die den Titel nicht verdient hätten.
Aber die Dreistigkeit der legalen Titelhändler, genannt Universitäten, ist noch zu steigern. Mittlerweile wird das Betreuen von Praktika und Übungen schon als Bedingung in die Promotionsordnung geschrieben.
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