Von Tanjev Schultz

36 Jahre Rütli-Schule: Die frühere Rektorin rechnet ab.

Früher, als sie selbst Schülerin war, stand in ihren Zeugnissen, sie müsse ihr Temperament zügeln. "Warum eigentlich?", fragt Brigitte Pick. Einfach stillhalten, das kann und mag sie nicht, so ist sie nie gewesen. Als Lehrerin fand sie es schlimm, wie viele "geduckte Kinder" es gibt - diese leise leidenden Hauptschüler, die sich mit ihrer Verliererrolle bereits abgefunden haben. Jugendliche, die aufbrausen, sind zwar schwierig, sagt Pick, aber bei denen merkt man wenigstens: Die leben noch.

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Brigitte Pick stand selber eine Weile "zwischen der Urne und ein bisschen Leben". Mittlerweile geht es ihr wieder besser, sie ist nun 60 Jahre alt und im vorzeitigen Ruhestand. 36 Jahre stand sie an der pädagogischen Front, wie sie das nennt: 1970 war sie Lehrerin an der Berliner Rütli-Schule geworden, die sie später mehr als zwanzig Jahre lang leitete. Über diese Zeit hat Brigitte Pick nun ein Buch geschrieben (Kopfschüsse, VSA-Verlag, 14,80 Euro) - es musste raus, die Kinderschicksale ließen sie nicht ruhen, und auch nicht die gebrochene Liebe zu dieser Schule, die zum Synonym geworden ist für die deutsche Schulmisere.

Als das Kollegium der Rütli-Schule vor einem Jahr mit ihrem Brandbrief Schlagzeilen machte, traf es ihre ehemalige Leiterin unvorbereitet; sie erfuhr erst aus den Medien davon. Zu der Zeit war sie sei acht Monaten krank geschrieben, sie hatte, sagt sie, unter Volldampf gearbeitet, bis sie zusammenbrach. Zusammenbrach an "den Strukturen" und an der "Verwaltung des Elends", betont Pick - nicht an den Jugendlichen.

"Saurierlaute"

Es hatte außerdem Ärger im Kollegium gegeben, Pick will das nicht aufwärmen, aber sie stellt sich darauf ein, dass frühere Kollegen ihr auch das Buch übel nehmen werden, in dem sie mit dem System der "Zwangsschulen" abrechnet. Kinder würden in Deutschland schamlos gesiebt, die Hauptschulen hätte man schon lange abschaffen müssen, sagt Pick. Viele Pädagogen seien nur widerwillig an ihre Schule gekommen und hätten sich dann rasch um eine Versetzung bemüht. Probleme gab es seit Jahrzehnten - "es war immer schwierig".

Brigitte Pick sitzt in ihrer Altbauwohnung im eher beschaulichen Berlin-Friedenau, und die Frau mit der Igel-Frisur und dem burschikosen Hauptstadt-Idiom hält es nur mühsam in ihrem Sessel. Sie redet sich in Rage, fuchtelt mit dem Finger in der Luft und erregt sich über die Art, wie ihre Schüler bestaunt worden sind, als seien sie wilde Tiere.

Pick machte 1966 Abitur, sie schloss sich der Studentenbewegung an; in Berlin-Neukölln, dem Bezirk der Rütli-Schule, war sie Mitglied im "Sozialistischen Club". Links und gewerkschaftlich bewegt ist sie bis heute geblieben, insgeheim träumt sie vielleicht noch immer von revolutionären Momenten ("Schule wird sich erst dann wirklich ändern, wenn die Opfer ihrer Rolle überdrüssig werden"). In ihrem Buch schildert Pick, wie Kinder als Problemfälle etikettiert werden, aber bei genauem Hinschauen die ganze Trostlosigkeit und strukturelle Gewalt ihrer sozialen Lage sichtbar wird: "Ich habe kinderreiche Familien besucht, deren Betten aus Matratzen bestanden, die über Tag an der Wand lehnten. Wer fragt nach, wo die Kinder Hausarbeiten machen sollen?"

In kurzen Szenen erzählt Pick aus ihrem Alltag im Kiez: wie sie drogenabhängige Schüler am Bahnhof Zoo aufsammelt. Wie eine Schülerin, deren Familie aus dem Kosovo kam und jederzeit abgeschoben werden kann, ihren Mut und ihren Ehrgeiz verliert. Wie ein überforderter Lehrer im Klassenbuch notiert, ein Schüler habe "Saurierlaute" ausgestoßen. Wie eine Mutter auf einem Entschuldigungszettel schreibt, ihre Tochter habe nicht zur Schule kommen können, "weil wir hatten nichts mehr zu essen".

Sie hat sich bemüht, zu verbessern, zu ändern und zu helfen, wie es in ihren Kräften stand, schreibt Pick. Doch nun weiß sie, "dass sich nichts ändert, weil sich nichts ändern soll". Aber ist es nicht so, dass noch nicht aufgegeben hat, wer sich noch aufregen kann? Brigitte Pick regt sich auf, sie kann ja gar nicht anders. Doch dann sagt sie, über die Ränder ihrer tief sitzenden Brille blickend: "Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich bestimmt nicht wieder Lehrerin werden." Sie sagt es ungewöhnlich ruhig, ja lapidar. Die Tragödie, die in diesem Bekenntnis steckt, ist kaum zu hören. Und man mag es am liebsten auch gar nicht glauben.

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(SZ vom 5.3.2007)