Berlin hat entschieden: Religion wird kein reguläres Schulfach. Die Initiatoren des gescheiterten Volksentscheids wollen aber weiter für ihr Anliegen kämpfen
Beim Volksentscheid über den Religionsunterricht in Berlin ist die Initiative "Pro Reli" überraschend klar gescheitert. Schon am frühen Sonntagabend war klar, dass "Pro Reli" das nötige Quorum von 25 Prozent der Stimmen verfehlt hat. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis votierte nur eine Minderheit von 14,2 Prozent aller Wahlberechtigten für den Gesetzentwurf. Anders als erwartet hat sich sogar eine Mehrheit von 51,3 Prozent der Wähler dagegen entschieden.
Berlin hat gewählt - und gegen "Pro Reli" gestimmt. (© Foto: dpa)
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Die Initiative hatte damit gerechnet, dass die meisten, die zur Abstimmung gehen, für "Pro Reli" stimmen. Religion wird demnach kein ordentliches Schulfach in Berlin. Das gemeinsame Pflichtfach Ethik, das von der 7. Klasse an für Schüler aller Religionsgruppen und Weltanschauung obligatorisch ist, bleibt bestehen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bewertete das Ergebnis als "eindeutiges Votum".
Die Unterstützer von "Pro Reli" reagierten bei einer Wahlparty in der Katholischen Akademie in Berlin sichtlich enttäuscht. Dennoch habe man eine wichtige Debatte angestoßen, sagte der Rechtsanwalt und Initiator von "Pro Reli", Christoph Lehmann. "Die Stadt Berlin, die als Hauptstadt des Atheismus gilt, hat monatelang über Religion diskutiert", sagte er.
Dass die Wahlbeteiligung so niedrig war, schrieb er der Komplexität des Themas zu. Es sei schwieriger, die Menschen für Fragen religiöser Vielfalt und Toleranz zu interessieren als für emotionale Fragen wie die Schließung des Flughafens Tempelhof. Vor einem Jahr hatten sich immerhin 36,1 Prozent der wahlberechtigten Berliner am Volksentscheid über Tempelhof beteiligt. Auch er war gescheitert, allerdings mit knapperem Ergebnis.
Dass "Pro Reli" so wenig Zuspruch finden würde, hatte sich in den letzten Tagen noch nicht abgezeichnet. Bis zuletzt galt es als offen, wie der Streit um den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ausgehen würde. Das Bündnis, das von den großen Kirchen, aber auch Teilen der jüdischen und islamischen Gemeinden der Stadt unterstützt wurde, forderte eine Aufwertung des Religionsunterrichts in der Hauptstadt.
Dort ist ein gemeinsamer Ethikunterricht für Oberschüler aller Glaubensrichtungen Pflicht. Religion kann als freiwilliges Zusatzfach gewählt werden. "Pro Reli" forderte, dieses Pflichtfach Ethik abzuschaffen und Schüler und ihre Eltern schon von der 1. Klasse an zwischen Ethik und Religion wählen zu lassen.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und die Verbände des Bündnisses "Pro Ethik" lehnten diese Forderung entschieden ab. Hier sah und sieht man im Pflichtfach Ethik ein wichtiges, weil verbindliches Schulfach, in dem junge Muslime, Christen und Atheisten gemeinsam über Werte diskutieren müssen. "Pro Reli" und die Kirchen dagegen fühlen sich durch die Ethikpflicht benachteiligt und forderten die gleichberechtigte Wahl zwischen beiden Fächern.
Geringes Interesse im Osten der Stadt
Um sein Anliegen durchzusetzen hätte "Pro Reli" ein Quorum von 25 Prozent der Wählerstimmen erreichen müssen. Das entsprach 611.422 Ja-Stimmen. Schwächer als er erwartet fiel die Unterstützung für die Initiative "Pro Reli" aber sogar dort aus, wo sie ihre stärksten Bastionen hatte: in den bürgerlichen Westbezirken von Berlin, wo die meisten christlich geprägten Familien wohnen und vergleichsweise wenige muslimische Zuwanderer. Am geringsten war das Interesse im Osten der Stadt. Im Neubaubezirk Marzahn-Hellersdorf waren am Nachmittag nur 17 Prozent zur Abstimmung gegangen. In Mitte und Lichtenberg war die Beteiligung nur wenig höher.
Bei ihrer Wahlparty räumten die Unterstützer von "Pro Reli" ein, dass sie sich ein besseres Ergebnis erhofft hatten. Der evangelischen Landesbischof Wolfgang Huber gab sich dennoch kämpferisch. "Wir bleiben dabei, dass die Schule des 21. Jahrhunderts dem Religionsunterricht einen fairen und ordentlichen Ort geben muss" sagte er. Trotz ihrer Niederlage seien die Kirchen bereit, auf die Gegenseite zuzugehen.
Für das Bündnis "Pro Ethik" sagte der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper (SPD), die Stadt habe sich von den Argumenten der Kirchen nicht beeindrucken lassen. Die Auseinandersetzung habe sogar dazu geführt, dass eine Mehrheit sich "bewusst" für den obligatorischen Ethikunterricht entschieden habe. Für "Pro Reli" hatten sich Prominente wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Moderator Günther Jauch eingesetzt.
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(SZ/dpa/af)
Was ich mir auf Schulen gut vorstellen könnte, wäre ein Fach "Religionswissenschaften", in dem dann alle Religionen mit Inhalt und Historie nebeneinander durchgenommen werden.
Dann können sich die Schüler immer noch streiten ("Unser 'Du sollst nicht töten' ist richtig, euer 'Du sollst nicht töten' ist Ketzerei !"), aber alle würden vor allem die vielen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den wichtigen Fragen kapieren.
Echt schade, dass die Weltreligionen kein Bestandteil des Ethik-Lehrplans sind, denn da gehören sie hin.
dww
" manesse: @diego666
Wenn der Schreiber FAQ in den Kategorien von "geselllschaftlicher Gesundheit" denkt, ist das Ausdruck einer Gesinnung, die die Bevölkerung in krank und gesund einteilt, je nachdem, ob einer den Normen entspricht, die gesellschaftlich gerade en vogue sind. Hierin zeigt sich eine totalitäre Auffassung von Gesellschaft, die eben nicht pluralistisch ist. Was einem nicht gefällt, wird als krank abgetan: Und ws mit solchen Kranken geschehen kann, hat sich in Deutschland bspw. von 1933 bis 1945 gezeigt. Eine solche auf "gesellschaftlicher Gesundheit" basierende Gesellschaft ist schlicht eine Horrorvorstellung. "
Blöd nur, dass ich die ganze Zeit über was anderes schreibe.
Ist auch egal, wir haben jetzt kapiert, dass du das gesellschaftlich gesunde als die Hauptaussage betrachtest und nicht über das andere (eigentlich wichtige) reden willst.
Du musst mir jetzt nicht auch antworten, weil ich gar nicht an einer Diskussion über diesen Begriff interessiert bin (eigentlich niemand hier), dir im Grunde gar nicht widerspreche. Ich halte ihn auch für ungeschickt gewählt, da ich aber weiß, was er meint und seine Kernaussage auch nicht unbedingt in den Hintergrund drängen muss, ist das nicht so wichtig.
Oder einmal anders erklärt:
Es ist eine komplexe Diskussion ob ein Gott existiert oder nicht. Und selbst wenn man davon ausgeht dass es einen gibt, oder mehrere, weiss man noch lange nicht welches der richtige ist.
Ist es Aton? Thor? Allah? Die Jungfrau Maria? Oder doch Aliens wie von Scientology propagiert?
Diese Frage ist komplexer als sich z.B. zwischen SPD und CDU zu entscheiden. Die politische Frage darf erst ab 18 beantwortet werden. Gleichzeitig stülpen wir Kindern von Geburt ein Gottes-Label über. Das ist krotesk!
Vollkommen falsch. Um einen Glauben anzunehmen muss man sich de facto bewusst bekennen. Das können Kinder noch nicht, genauso wenig wie sie sich dazu bekennen können Marxist oder Liberaler zu sein.
Nehmen sie mich als Beispiel: ich bin als Kind römisch-katholisch getauft worden, bin aber als Erwachsener nicht religiös.
Ein Kind ist ein Kind, es kann kein muslimisches Kind geben, genauso wenig wie es ein kommunistisches Kind geben kann.
Und ich plädiere dafür das Religion genau wie die Entscheidung darüber welche Partei man wählt in das Erwachsenenalter gehört. Ergo: Religion hat in Schulen nichts verloren.
Werte müssen Kinder lernen, ganz klar. Aber das ist unabhängig von religiöser Indoktrination möglich.
Wenn der Schreiber FAQ in den Kategorien von "geselllschaftlicher Gesundheit" denkt, ist das Ausdruck einer Gesinnung, die die Bevölkerung in krank und gesund einteilt, je nachdem, ob einer den Normen entspricht, die gesellschaftlich gerade en vogue sind. Hierin zeigt sich eine totalitäre Auffassung von Gesellschaft, die eben nicht pluralistisch ist. Was einem nicht gefällt, wird als krank abgetan: Und ws mit solchen Kranken geschehen kann, hat sich in Deutschland bspw. von 1933 bis 1945 gezeigt. Eine solche auf "gesellschaftlicher Gesundheit" basierende Gesellschaft ist schlicht eine Horrorvorstellung.
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