Manager, die Adorno lesen
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Witten ist keine Musikhochschule, die meisten studieren Medizin oder Wirtschaftswissenschaft, sie sollen aber über die Grenzen ihres Fachs hinausblicken. Zum berühmten Geist von Witten gehört das Studium fundamentale, jeden Donnerstag ist "Stufu-Tag", es wird dann philosophiert und reflektiert, gemalt und gesungen. Niemand soll die Hochschule als Fachidiot verlassen, und so laufen hier angehende Manager herum, die Adorno lesen, und Philosophen, die wissen, wie ein Gehirn aufgebaut ist.
"Das Studium in Witten ist eigentlich eine Zumutung", sagt Konrad Siller. Er sagt es verschmitzt, denn der 24-jährige Student meint es als Lob. Es gibt wenig Vorgaben, die Studenten können vieles ausprobieren - in einer Zeit, in der die Bachelor-Studiengänge anderswo sehr verschult sind. Die Studenten werden in einem mehrtägigen Seminar ausgewählt, am Ende kommen meist sehr diskussionsfreudige junge Menschen nach Witten, leistungsorientiert, aber nicht blind streberhaft. Die Klassensprecher-Uni, so ist das Image. Und so ist die Wirklichkeit: Man sitzt in einer Runde von acht Studenten, fragt nach - sechs waren früher Klassensprecher.
Niemals stromlinienförmig
Die Studenten sind eine Macht in Witten, sie bestimmen mit, welche Professoren berufen werden, sie organisieren Kongresse und sind sogar Teilhaber der Hochschule. Die "Studierendengesellschaft" (SG) hält Anteile von 8,3 Prozent. Besonders stolz sind die Studenten auf ihren "umgekehrten Generationenvertrag", der es allen erlauben soll, trotz Studiengebühren nach Witten zu kommen. Wer kein Geld hat, zahlt später, wenn er gut verdient. Als die Uni 1983 startete, gab es keine Gebühren, mittlerweile müssen Medizin-Studenten 3000 Euro im Semester, Wirtschaftsstudenten fast 4000 Euro zahlen. Viele befürchten, neue Investoren könnten die Macht der Studenten brechen, den umgekehrten Generationenvertrag kippen und die Gebühren weiter in die Höhe treiben.
Diese Universität wollte nie eine stromlinienförmige Ausbildungsanstalt sein. Sie war stets eine Provokation: Ärzte fühlten sich herausgefordert von der sanften Medizin, die hier und im Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke propagiert wird. Manche sehen in Witten eine sektenhafte Anthroposophen-Schmiede, andere eine neoliberale Elite-Uni. Es ist weder das eine noch das andere.
Uni-Gründer Konrad Schily war Waldorfschüler, manche Studenten waren es auch, aber viele haben mit Anthroposophie überhaupt nichts am Hut. Und manch ein Student, der aussieht wie ein Jungmanager, sagt, er würde die Uni sofort verlassen, wenn nur noch die Kinder der Reichen hierherkämen oder man der Uni Renditeziele vorgäbe. Snobs machen um die Ruhrgebietsstadt wahrscheinlich ohnehin einen Bogen. Es gibt auffallend viele Spielhöllen in Witten, und der Asia-Imbiss verkauft das Hähnchen süß-sauer mit Pommes (!) für 2,20 Euro.
Traum von einer freien Uni
Konrad Schily hat in Witten sein Wahlkreisbüro. Der jüngere Bruder von Otto Schily sitzt für die FDP im Bundestag, aber nur noch bis zur Wahl im September. Er hätte noch länger gewollt, Schily ist zwar 71, wirkt aber noch immer jungenhaft und schelmisch. Und nun hat ausgerechnet ein Parteifreund, Landesminister Pinkwart, seiner Uni das Geld entzogen! Schily war jahrzehntelang Präsident der Uni, er hat sie geprägt wie kein Zweiter, jetzt schreibt er Briefe an den Ministerpräsidenten und an die Bundeskanzlerin.
Der Traum von einer freien Uni lässt ihn nicht los. Eine entstaatlichte Hochschule schwebte ihm vor, aber auch eine Hochschule, die sich nicht von privaten Finanziers kontrollieren lässt. Der Arzt und Psychiater Schily sagt: "Was die Bürokratie im Staat ist, ist das Controlling in der Wirtschaft." Doch nun braucht die Universität Witten/Herdecke erst einmal Geld, dringend. Vom Staat und von privaten Sponsoren. Schily hofft, dass das Geld kommt. Und er hofft, dass die Spender so weise sein werden, den Geist von Witten zu erhalten.
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(SZ vom 22.1.2009/bön)
65. Filmfestspiele Cannes
Eigentlich bin ich kein Kommentator, aber die ersten beiden Beiiträge zur Uni Witten/ Herdecke haben mich echt geärgert.
Dieser Beitrag der Süddeutschen ist eigentlich gut genug geschrieben, um zu verstehen, dass es in Witten um etwas anderes geht, als reiche Eliten auszubilden.
Schade, dass die vorherigen Kommentatoren eine Meinung abgeben, die in der Bild Zeitung oder wo auch immer gestanden haben könnte - informiert haben sie sich jedenfalls nicht.
Ich habe inzwischen relativ viel über die Uni in Witten gelesen und fiebere mit ihr und ihren Studenten. Deutschland bräuchte eigentlich mehr Uni´s nach diesem Vorbild - richtig ist, dass es nicht auch noch das Geld der Studenten kosten dürfte. So billig wie in Witten ist nämlich die Ausbildung anderer Studenten an deutschen Hochschulen und Universitäten nicht. Da zahlen wir Steuerzahler alles und nicht nur einen Zuschuß - dafür ist die Ausbildung dort reformbedürftig und das weiß jeder der bereits mal in einem Hörsaal saß.
Ich glaube dies recht gut beurteilen zu können, da ich selbst jemanden kenne, die dort studiert. Die junge Frau stammt aus einfachen Verhältnissen (übrigens sogar aus den neuen BL und seit wann kommen die Reichen von dort?), hat sich ihr Studium an dieser Hochschule erkämpft und zahlt entsprechend dem umgekehrten Generationenvertrag nach Ende ihres Studiums lange genug. Aber sie wollte genau hier studieren, weil hier die besten Bedingungen geboten werden und wahrscheinlich die besten praktischen Ärzte Deutschlands ausgebildet werden. Übrigens für ganz normale Praxen!
Ich wünsche allen Studenten in Witten, dass sie diese schwere Zeit überstehen und ihre Uni gerettet wird. Und denen, die glauben, dass die UWH eine reines Elite-Uni ist eine bessere Brille und den notwendigen Verstand zum Nachlesen, was wirklich in Deutschlands Bildungssystem los ist.
Diese Uni rekalmiert für sich ua. Wirtschaftswissenschaften für die "Elite" zu vermitteln, kriegt es aber nicht fertig einen einfachen, vernünftigen Witschaftsplan aufzustellen und verschuldet sich, obwohl die "Studenten" zT 4000 Euro pro Semestergebühren bezahlen, mit über 20 Mio Euro. Soviel zu dem gewaltigen Wirtschaftwissen.Obwohl es eine PrivatUni ist, bedarf es trotzdem eines staatlichen Zuschusses von 4,5 Mio jährlich. Und das trotz der namenhaften und sehr reichen Sponsoren (kann man sich ja bei Wiki anschauen), die diese Schule als Kaderschiede konzipert haben.
Das zeigt ganz deutlich, dass diese Uni nicht mit Geld umgehen kann, da helfen auch nicht diese vielen vermeintlichen Koryphäen der Wirtschaftwissenschaften. Fakt. Man darf auch schon auf den "Nachwuchs" der Uni gepannt sein, wie sie mal die Wirtschaft lenken wird. Mir grausts schon jetzt. Es ist auch ein Witz, dass die gewöhnlichen Steuerzahler diese Schule mitfinanzieren, diese aber nicht ihre Kinder dort anmelden können. Das können nur die besonders begüterten. Man hat qua enormen Studiengebühren eine Hürde eingebaut, die für normalverdienende Steuerzahler nicht erschwinglich ist. Und wenn sich doch ein gewöhnlicher Angestellter eine Summe zusammenspart, so wird sein Kind nicht aufgenommen, da es nicht in die Zirkel passt. Das Studium dort ist ein Witz und dient alleine dem Zeitvertreib des verwöhnten Nachwuchses. Die Diplome dort sind eher ein Beweis, dass man sehr viel Geld hat, als das man was wirklich kann. Die Abschlüsse sind im Alltag nichts wert, dienen alleine dazu irgenwann mal die Positionen zu besetzten, wo man viel zu sagen hat, aber niemals Verantwortung übernehmen muss. Übrigens die Uni unterstützt eine ganz tolle Seite, die heisst Kinder zu Unternehmern. Dort werden Kleinstkinder dazu verleitet, schon mal den ökonomischen Wert des Umfelds zu erforschen und ganz tolle Geschäftskonzepte zu entwickeln.
Hoffentlich ist der Staat schlau genug das Geld sinnvoller unters Volk zu bringen als einige wenige zu bevorzugen.