Die International University Bremen hat einen guten Start hingelegt, nun muss ihr Präsident für mehr Geld sorgen.
(SZ vom 3.11.2003) Ein Experiment ähnelt oft einem Marathon. Am Anfang läuft man fröhlich los, alles geht gut, die Kilometerpfosten ziehen nur so vorbei. Irgendwann aber, bei Kilometer zwanzig oder dreißig, geht die Puste aus.
Leere Schränke und Labors - die ersten Studenten der IUB leisteten Pionierarbeit. (© Foto: dpa)
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An einem solchen kritischen Punkt befindet sich derzeit Fritz Schaumann, der sich an einem Experiment besonderer Art versucht. Der Präsident der International University Bremen (IUB) hatte einen fulminanten Start hingelegt. 1998, da war er mit dem Regierungswechsel in Berlin auch seinen langjährigen Posten als Bildungsstaatssekretär los, hatte Schaumann mit den Planungen begonnen: Entstehen sollte eine Privatuni nach amerikanischem Vorbild, die alles das darf, was deutschen Hochschulen bislang verwehrt blieb, nämlich Studenten selbst auszusuchen und Studiengebühren zu erheben. 2001 eröffnete die IUB, die seit dem Entstehen von Witten-Herdecke im Jahr 1980 ambitionierteste private Gründung, ihre Tore. Inzwischen hat bereits der dritte Studentenjahrgang Einzug auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände in Bremen-Vegesack gehalten.
Studenten sind da, Professoren gefunden - und dennoch muss Schaumann weiter hecheln. Vor allem kämpft er derzeit ums Geld. Als Anschubfinanzierung hatte der Bremer Senat 115 Millionen Euro in die IUB gesteckt, der Bund spendierte 40 Millionen über das Hochschulbauförderungsgesetz.
Doch die privaten Investoren zeigen sich knauseriger als erwartet. Der Anreiz, seinen Namen auf dem Campus als "Lürssen Plaza" oder "Alfried Krupp College" verewigt zu sehen, scheint potentielle Mäzene nicht allzu sehr zu motivieren. Die schlechte Konjunktur hat dem IUB-Präsidenten einen Strich durch seine Spendenrechnung gemacht.
Hatte Schaumann, der unter den rasch wechselnden Ministern im Bildungsressort als "graue Eminenz" galt, anfänglich mit richtig großen Einzelspenden von über zehn Millionen Euro gerechnet, konnte er bisher nur Geldgeschenke von sechs bis sieben Millionen Euro verbuchen. Dabei kalkuliert der umtriebige Ex-Politiker, dessen Hauptjob nun das Fundraising ist, mit einem Kapitalstock von 250 Millionen Euro im Jahr 2005. Der soll die jährlich notwendigen Mittel von 25 Millionen Euro garantieren. Bisher aber finden sich erst 77 Millionen Euro in der Kasse.
Nur wenige Studenten zahlen
Verschärft wird das Finanzproblem durch die derzeit wenig zahlungskräftigen Studenten, die vornehmlich aus Osteuropa stammen. Ausgewählt werden sie "blind", also zunächst nur nach ihrer Leistung. Wer bedürftig ist, erhält ein Stipendium. Dummerweise hat sich in Osteuropa herumgesprochen, dass man in Bremen einen Bachelor-Abschluss billig erwerben kann. Ganze Schulklassen aus Rumänien und Bulgarien bewerben sich an der IUB, mit dem Ergebnis, dass fast jeder zweite aus dem eher armen Osteuropa stammt und zu wenige Studenten die vollen Gebühren von 15.000 Euro jährlich zahlen. Doch damit ein Fünftel des Etats über Gebühren abgedeckt werden kann - das ist in etwa auch der an amerikanischen Privatunis übliche Anteil - muss mindestens die Hälfte der Studenten voll zahlen. Derzeit sind es nur 40 Prozent.
Nun kann die IUB nicht einfach den Geldhahn bei den Stipendien zudrehen. Denn dann würden sich viele Studenten gleich für das Original, also für eine amerikanische Uni entscheiden. Viele von denen, die jetzt in Bremen studieren, haben sich auch an US-Colleges beworben. Nach Bremen kamen sie, weil sie entweder nicht an ihrer Traum-Hochschule Harvard, Yale oder Stanford akzeptiert wurden oder kein gutes Stipendium angeboten bekommen haben. Deshalb muss die IUB nun verstärkt in Asien, Indien und Westeuropa für sich werben - und dabei erklären, warum die Elite von morgen besser an der Weser studiert als am Charles River oder im Silicon Valley.
Die Schattenseiten des Pionierdaseins
"Genug Geld, genug gute Studenten und genug gute Professoren" nennt Schaumann die drei wichtigsten Parameter seines Experiments. Knapp achtzig Hochschullehrer hat er in den vergangenen zwei Jahren eingestellt, meist junge Assistenten, denn wer will schon einen sicheren Beamtenjob für einen Fünf-Jahres-Vertrag aufgeben? Sie haben in dieser Zeit hart gearbeitet. Als sie kamen, fanden sie nur leere Schränke und Labors vor. Vom Schraubenzieher bis zum Spektrographen musste alles herangeschafft, neue Lehrpläne und Vorlesungen mussten erarbeitet werden. Vielen hat es Spaß gemacht, doch nun sehen sie auch die Schattenseiten des Pionierdaseins. In den nächsten Jahren wird Schaumann sich auf eine Diskussion über "tenure", also feste Stellen einrichten müssen. Denn wer gut ist, wird sich auf Dauer nicht mit einem Zeitvertrag begnügen wollen. Auch der IUB-Präsident weiß, dass seine Hochschule sich nicht den Ruf leisten kann, ein Durchlauferhitzer für Professoren zu sein.
Und so wissen alle, dass sie an einem Experiment teilnehmen. Die Studenten, die an eine Universität gekommen sind, wo Studienpläne erst noch entworfen werden mussten und sie die Professoren gar nicht kannten; die Hochschullehrer wiederum, von deren Leistung der Ruf der IUB wesentlich abhängen wird; und natürlich der Präsident Schaumann, ohne dessen tägliches Betteln um Spenden das ganze Projekt gefährdet ist.
Die Frage freilich ist, wie lange ein Experiment dauern darf. Vor allem: Wie lange kann dieser Versuch unter schwierigen Bedingungen gut gehen? Denn eine zweite Finanzspritze des Staates wird es nicht geben, das hat der Bremer Senat unmissverständlich deutlich gemacht. Andererseits: Müsste die IUB aufgeben, dann könnten durchaus noch einmal 20 Jahre ins Land gehen, bevor man sich wieder an die Gründung einer privaten Universität wagt. Schlimmer noch: Ein Scheitern wäre kein gutes Signal für weitere Reformen der deutschen Universitäten. Insofern dürfte ein besorgter Professor nicht nur um die eigene Zukunft bangen, wenn er sagt: "Dieses Experiment darf nicht schief gehen."
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