Von Von Jeanne Rubner

Wo einst der Zeppelin abhob, sollen Studenten an Deutschlands jüngster Privatuni Rezepte des Managements lernen.

Vielleicht ist es die Luft, die Menschen hier so zuversichtlich werden lässt? Vom Bodensee her weht ein frischer Wind, die Wellen plätschern gegen den Steinstrand des Campus und plötzlich erscheint alles ganz einfach und einleuchtend. Dabei wird das groß gefeierte, einjährige Jubiläum der "Zeppelin University" in Friedrichshafen nicht gerade von Erfolgsmeldungen der Branche begleitet. Warum eigentlich braucht man noch eine MBA-Schmiede, wo doch gerade erst eine Business-Schule, das "Stuttgart Institute of Management of Technology", pleite gegangen ist? Wie soll sich eine weitere private Hochschule finanzieren, kämpfen doch zwei Vorzeigeprojekte - Witten-Herdecke und die International University Bremen - mit Finanzsorgen? Wie lockt man gute Studenten nach Friedrichshafen, das nicht gerade eine rauschende Metropole ist?

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Der Zufall hat geholfen

Bedenken und Einwände kennt Stephan Jansen wohl, doch er versteht es, sie mit großen Armbewegungen wegzuwischen. Konkurrenz? Sein Konzept, unter Management nicht nur klassische Betriebswirtschaft, sondern auch die Verwaltung von Kultur und Behörden zu verstehen, sei einzigartig und verspreche Synergieeffekte. Geld? Mehrere Unternehmen hätten die Finanzierung bis 2008 gesichert. Mit 32 Jahren ist Jansen der jüngste Präsident einer deutschen Hochschule, mit sieben Büchern über Betriebswirtschaft, mit Auslandsaufenthalten und einer eigenen Firma hat sich der Witten-Absolvent zum Chef der Zeppelin University (ZU) hochgearbeitet.

Wobei ihm der Zufall geholfen hat. Jansen hatte bereits ein Konzept für eine neue Hochschule im Kopf, und in Friedrichshafen suchten Firmen nach einem Ersatz für eine private Wirtschaftsschule, deren Ruf nicht mehr der beste war. Einer dieser Firmen war die Zeppelin GmbH, und von ihr profitiert die staatlich anerkannte Universität gleich zweifach. Zum einen durch den zugkräftigen Namen, den sie übernehmen durfte und mit dem kräftig geworben wird (Motto: "das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen"), zum anderen durch die Geschichte. Als der unglückselige Graf alle seine Luftschiffe verloren hatte, spendeten Bürger Geld. Daraus wurde die Zeppelin Stiftung, die die erwähnte, gleichnamige Firma besitzt. Die Stiftung hat ihr Geld bisher vor allem für gemeinnützige Zwecke vergeben, will aber jetzt gezielt in Bildung investieren.

"Der Staat ist überfordert", ist Zeppelin-Chef Ernst Susanek überzeugt, "Unternehmen sind jetzt in der Pflicht". Er hat sich für fünf Jahre mit insgesamt 7,5 Millionen Euro verpflichtet, was etwa 70 Prozent des privaten Engagements entspricht, den Rest schießen weitere Friedrichshafener Unternehmen zu. Öffentliches Geld wird es nicht geben, denn Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) hatte kurz nach seinem Amtsantritt 2001 beschlossen, kein Geld mehr in private Hochschulen zu stecken.

"Ein Drittel Privatkapital, ein Drittel Studiengebühren, ein Drittel Erträge" lautet Jansens Rechnung. 633 Euro monatlich müssen Studenten zahlen. Für 15 Prozent soll es Stipendien geben, alle anderen können einen günstigen Kredit bei der Sparkasse bekommen, rückzahlbar, wenn sie einen Job haben. Damit läuft Jansen nicht in die Falle hinein, die sich für die International University Bremen aufgetan hat. Dort sucht man Studenten zunächst nach Leistung aus, und wer bedürftig ist, erhält ein Stipendium - mit dem Ergebnis, dass die Hochschule nun viele hochintelligente junge Leute unterstützen muss.

Geistige Höhenflüge

Bremen leidet auch an der Zurückhaltung der Geldgeber und an hohen Ausgaben für Forschungslabors. Das Problem hat Stephan Jansen nicht, denn die ZU beschränkt sich auf drei Studiengänge im geistes- und wirtschaftswissenschaftlichen Bereich, wo Professoren nicht teure Rechner oder Labors brauchen. Stattdessen soll Kreativität siegen. Auf "grassroots und evergreens" soll sich die Forschung konzentrieren, und Jansen erklärt gleich einmal am eigenen Beispiel, was damit gemeint ist. Er habe, so der junge Überflieger, das erste Lehrbuch zu Firmenfusionen und -übernahmen geschrieben. So erwarte er auch von seinen Professoren, dass sie mit intelligenten Hypothesen ("grassroots") den konventionellen Kollegen immer um eine Nasenlänge voraus sind. Zugleich sollen sie die wichtigen Probleme der Gesellschaft ("evergreens") im Blick haben - und das "bei geringerer Bezahlung als an einer staatlichen Uni", verlangt Jansen, und beeilt sich hinzuzufügen, dass wegen der Praxisorientierung dafür andere Einnahmequellen offen stünden.

Einer seiner bislang elf Professoren ist überzeugt, dass er an der ZU zu geistigen Höhenflügen ansetzen kann. Birger Priddat, anerkannter Volkswirt und Philosoph, hat Witten/Herdecke gegen die ZU getauscht und will dort "eine neue Theorie der Staatsökonomie schreiben" und außerdem mit Neurobiologen über Vernetzung nachdenken. Ob die hohen Ansprüche an die Forschung eingelöst werden, wird sich wohl erst in ein paar Jahren herausstellen, denn jetzt ist erst die halbe Mannschaft an Bord. Die meisten sind junge Wissenschaftler, PR-Fachleute, Museumsmitarbeiter - von Priddat abgesehen fehlen jedoch etablierte Namen.

Freier Mittwoch

Das mag Programm sein, vielleicht auch Ausdruck dessen, dass einem Hochschulbeamten das Projekt zu riskant erscheint. Die Studenten - über hundert sind es derzeit, 800 sollen es einmal werden - jedenfalls zeigen sich zufrieden. Sie loben das Engagement ihrer Dozenten, die persönliche Betreuung durch einen Wissenschafts- und Praxiscoach, die "student studies": Am Mittwoch geben sie ihren Professoren frei, um die eigene Unternehmensberatung aufzubauen oder Vorträge zu organisieren.

Die Sonne geht unter über dem Bodensee und man beneidet jene, die am Strand lernen und forschen. Der Ort freilich hat auch Nachteile. Wer Kulturmanagement oder Public Policy studieren will, geht vielleicht lieber gleich in eine Museumsmetropole oder auch nach Berlin, in die Nähe der Politik, wo zwei neue Schools of Governance gegründet wurden. Den Spagat zwischen globalem Anspruch und Erwartung der lokalen Wirtschaft - "Glokalisierung" heißt das hier, muss Jansen bewältigen. Geld, Konkurrenz, Standort: Der selbstbewusste Präsident kennt das Risiko und weiß, dass es auch schief gehen kann. Aber den Versuch ist man schließlich dem tollkühnen Namensgeber schuldig.

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(SZ vom 10.5.2004)