Von Interview: Jeannette Goddar

Wie viel praktische Erfahrung braucht man vor der ersten Bewerbung?

(SZ vom 2.2.2002) Hans-Werner Rückert ist Psychoanalytiker und Leiter der zentralen Beratungsstelle an der Freien Universität Berlin. Jeannette Goddar fragte ihn, wie viele Praktika Studierende vorm Berufseinstieg absolvieren müssen - und wann Schluss sein sollte.

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SZ: Wieviele Praktika kann der durchschnittliche Student am Ende seines Studium heutzutage vorweisen?

Rückert: Das ist sehr unterschiedlich. In den Fächern, in denen Praktika vorgeschrieben sind, müssen oft zwei absolviert werden; manche Studierende setzen dann noch eins oder zwei oben drauf. Doch auch in den Geisteswissenschaften, in denen Praktika meist gar nicht obligatorisch sind, haben inzwischen die meisten zwei bis drei mal Praxiserfahrungen gesammelt. Daneben gibt es aber auch diejenigen, die komplett auf Wissenserwerb und Forschung an der Uni setzen - und ein paar wenige, die ihr halbes Studium mit Praktika oder auch mit Jobs verbracht haben.

SZ: Statistiken belegen, dass die Zahl der Praktika pro Student in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Gibt es eine Grenze, wo man sagen muss, jetzt reicht's?

Rückert: Ich halte die von vielen Fachbereichen gesetzte Zahl zwei nicht für falsch. Ein Praktikum an der Uni, eins in Betrieben, eventuell auch noch ein weiteres - ich denke, das sollte reichen. Auch ein potenzieller Arbeitgeber wird sich später zwar dafür interessieren, ob jemand schon Praxiserfahrungen gesammelt hat - aber deswegen sicher nicht erwarten, dass ein Student sechs verschiedene Betriebe von innen gesehen hat. Dazu kommt noch: Ein Praktikum sollte eben ein Ausflug in die Praxis sein - und damit erstens eine klare Struktur haben und zweitens auch irgendwann wieder beendet werden...

SZ: Heißt das, dass die Studenten regelmäßig bei Ihren Praktikumsgebern hängen bleiben?

Rückert: Von den Geistes- und Sozialwissenschaftlern findet beispielsweise inzwischen jeder zweite über ein vorhergegangenes Praktikum einen Job. Das ist ja auch grundsätzlich begrüßenswert. Manchmal passiert aber der Übergang so schleichend, dass überhaupt nicht mehr klar ist, wo das Praktikum aufhört und der Job anfängt, welchen Status der- oder diejenige denn nun wohl hat - mal ganz abgesehen davon, dass in solchen Fällen auch zuweilen der Studienabschluss auf der Strecke bleibt. Ein weiteres Problem ist, dass es immer wieder Studenten gibt, die ungeheuer viel Engagement, Kreativität und Zeit in ein Praktikum stecken, sich dort auch schleunigst unentbehrlich machen - und andererseits keinen einzigen Cent dafür bekommen.

SZ: Hat es sich inzwischen eingebürgert, dass Praktikanten sinnvoll beschäftigt werden und mehr mitnehmen als eine Bescheinigung für die spätere Bewerbung?

Rückert: Das hängt auch von der Eignung der Praktikanten ab: Wer sich mit Netzwerkadministration auskennt, wird vermutlich in jedem mittelständischen Betrieb sinnvoll eingesetzt. Wer hingegen als Ethnologe und Sinologe mal bei der Personalabteilung der Telekom hereinschauen möchte, kann dort auch bei viel gutem Willen kaum sinnvoll beschäftigt werden. Aber selbst wenn Praktikanten schlicht aus Ignoranz in die Kaffeeküche verbannt werden, plädieren wir dafür, aktiv zu werden: Darüber kann man sich beschweren, das muss man nicht einfach so hinnehmen.

SZ: Was können Praktikanten tun, damit sie gar nicht erst in eine solche Situation kommen?

Rückert: Grundsätzlich gilt: Schon bei der Bewerbung darauf achten, was man kann und nicht nur irgendetwas machen, was im Lebenslauf gut aussehen soll. Und: Beim Einstellungsgespräch darüber reden, was man erwartet - und darüber, was der Arbeitgeber erwartet. Zielvereinbarungen, egal ob schriftlich oder mündlich, sind immer hilfreich.

SZ: Apropos Bewerbung: Wie bewirbt man sich für ein Praktikum?

Rückert: Im Prinzip unterscheidet sich das nicht mehr wirklich von einer Bewerbung um einen Arbeitsplatz: mit einem vernünftig formulierten Anschreiben samt Foto, Lebenslauf, Zeugnissen, Referenzen. Die Zeiten, in denen man sich quasi im Vorbeigehen bewerben konnte, sind definitiv vorbei. Meistens werden auch für Praktika regelrechte Vorstellungsgespräche geführt - und auch auf die sollte man sich anständig vorbereiten.

SZ: Was ist mit der Bewerbung per E-Mail?

Rückert: Nur, wenn man sich im E-Business oder im engeren Sinne in der New Economy bewirbt. Traditionelle Unternehmen finden das zwar häufig sehr modern - erwarten aber immer noch, dass sie eine schriftliche Bewerbung in der Post vorfinden.

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