Niemand fällt mehr in der Schule durch und die Note Sechs wird abgeschafft: Das Paradies für jeden Schüler? Neuerdings scheint das auch die Vision des Kultusministeriums zu sein.
Dass dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus am Lernerfolg bayerischer Gymnasiasten gelegen ist, kann vorausgesetzt werden. Wie sehr sich das Ministerium um das Fortkommen der Schüler sorgt, zeigt indes das Schreiben eines Leitenden Ministerialrats, das den Direktoren aller Gymnasien im Freistaat vor kurzem ins Haus flatterte. Betreff: "Förderung schwächerer und gefährdeter Schülerinnen und Schüler am Gymnasium".
Niemand fällt durch. So lautet die Vorgabe des Kultusministeriums an die bayerischen Schulen. Die Lehrer sind sauer. (© Foto: dpa)
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Der Autor des per E-Mail versandten Schriftstücks, das der SZ vorliegt, erinnert die Schulleiter zunächst an Elementares: "Aufgabe des Gymnasiums ist es, Schülerinnen und Schüler, die grundsätzlich für das Gymnasium geeignet sind, so zu unterstützen und zu fördern, dass sie den gymnasialen Bildungsgang erfolgreich durchlaufen können."
Dann fordert der Ministerialrat die Direktoren auf, "die Lehrkräfte weiterhin dafür zu sensibilisieren, dass ein gutes Gymnasium die Schüler entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit unterstützt". Gegen Ende wird er konkreter: "Die Ministerialbeauftragten wurden gebeten, auf Schulen, die auffallend hohe Quoten von Schulabgängern beziehungsweise Wiederholern aufweisen, zuzugehen, um sie gezielt zu beraten."
Eine auf die Nuss
"Unmissverständliches Beamtendeutsch" sei das, sagt ein bayerischer Gymnasiallehrer, der anonym bleiben will. Das Wort "Beratung" heiße hier: "Wenn ihr zu viele durchfallen lasst, kriegt ihr eine auf die Nuss." Die Schulleiter, berichtet der Lehrer, würden vom Ministerium schon seit geraumer Zeit darauf "gebrieft", die Durchfallquote "minimal zu halten". Der Grund liege auf der Hand: "Das Ministerium kann nicht noch mehr Ärger gebrauchen."
Das achtjährige Gymnasium (G8) ist wegen seiner mangelhaften Umsetzung ein ständiger Krisenherd für Kultusminister Siegfried Schneider (CSU). Eltern- und Lehrerverbände laufen Sturm gegen die Überlastung der Schüler, zumal den Gymnasiasten an der Schnittstelle von G8 und G9 der Absturz an die Hauptschule droht. "Alle Lehrer wollen den jungen Leuten zum Abitur verhelfen", sagt der Pädagoge, "aber wir können nicht jeden Einzelnen dorthin tragen." Dies würde das Niveau am Gymnasium "drastisch" senken und letztlich doch den Schülern schaden.
Die Lösung: Großzügiger Notenschlüssel
In der Lehrerschaft rege sich deshalb "erheblicher Unfrieden" über die ministeriellen "Weisungen durch die Blume", sagt der Lehrer. Denn bei lockeren Empfehlungen bleibe es keineswegs: Wer sich nicht an die Vorgaben halte, sondern Schülerleistungen konsequent "mit gymnasialem Anspruch" bewerte, müsse damit rechnen, "vom Chef eins auf den Deckel zu kriegen". Nach einer Schulaufgabe mit schlechtem Notenschnitt bestelle der Direktor seiner Schule Kollegen regelmäßig zum Rapport: "Es ist normal, dass die dann neu geschrieben werden müssen."
Es sei auch schon vorgekommen, dass Lehrer als Strafmaßnahme in bestimmten Jahrgangsstufen nicht mehr eingesetzt wurden. "Dabei sind die Schulleiter nur ein Glied in der Kette. Die müssen machen, was ihnen vorgegeben wird." Im Lehrkörper, hat der Pädagoge beobachtet, mache sich langsam Resignation breit: "Keiner will sich jedes Mal anraunzen lassen, wenn eine Ex schlecht ausfällt." Der Ausweg für viele: "Aufgaben stellen, die die Schüler schon kennen." Und wenn das nichts helfe, könne man den Schnitt ja noch mit einem "großzügigen Notenschlüssel" heben.
Hier lesen Sie den Brief im Wortlaut.
(SZ vom 27.3.2008/mia)
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Die einzelnen Beiträge habe ich mir jetzt seit gestern angeschaut, da gibt es differenzierte und sehr pauschale Aussagen.
Während die einen auf die Lehrer als Schuldige einschlagen, gehen Andere auf ungeeignete Schüler oder das System los. Mir scheint: Die Schulfamilie, also die ehrliche und zielorientierte Zusammenarbeit zwischen der Schule (als Behörde), den Schülern, den Lehrern und den Eltern ist nicht erkenntlich. Es wird um Einzelinteressen gekämpft und das große Ganze, also die Bildung, bleibt auf der Strecke. Politiker (und die Schulleiter als deren verlängerter Arm) mühen sich um Popularität im Volk, für die Schüler geht es - natürlich - um akzeptable Noten bei "effizientem" Aufwand, und die Eltern möchten ihr Kind nicht im System scheitern lassen.
Das Alles bei erheblichen Turbulenzen bei Lehrplänen, knapper Personalversorgung in den Schulen und zahlreichen guten Ratschlägen von draußen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Jeder, der mal in der Schule war, ist doch ein Experte auf dem Gebiet, und kann mitreden.
Führung, ehrliche und nachhaltige Führung, von Lehrplänen und Lehrern, die nicht dauernd unter Beschuss sind, geben den Kindern Halt im Leben und bereiten sie auf ein Leben in der Erwachsenenwelt vor. Andauernder Zwist zwischen Schule, Lehrern und Eltern geben aber genau diesen Halt nicht.Eine Lösung wäre eine echte Zusammenarbeit, und dazu müssten die einzelnen Interessengruppen ihre Ellbogenschoner mal abstreifen und sich um große Ganze bemühen.
das Ministerium braucht schöne Zahlen, also werden Sie schön gemacht.
Mein Vater ist an der LMU: Das mit den guten Noten geht ungefähr so:
Schlechter Student = schlechte Note = schlechte Lehre = Mittelkürzung
Schlechter Student = gute Note = gute Lehre = Mittelerhalt
So einfach ist es. Das akademische Niveau ist nicht entscheidend, sondern die betriebswirtschaftliche Kennzahl. Im Übrigen ist es eine keine akademische Frage, ob sich die Hochschule an das schlechter werdende Niveao der Studenten anpasst, oder der Student an das Niveau der Hochschule. Das ist eine Ministerialfrage.
So wird es auch zukünftig in den Schulen laufen.
Alle Schüler gut = alle Lehrer gut = alles gut.
...Das KuMi hat sich bisher auf die bequeme Ansicht zurückgezogen, wenn dies nicht klappe, liege es an den Lehrern - deren heftige Einwände gegen das G8 man ja damals arrogant ignoriert bzw. sogar brachial unterdrückt hat.
Es empfiehlt sich dringend, skeptisch gegenüber allen Wahlversprechungen bzgl. des G8 zu sein!
Supervision für Lehrer ist eine gute Idee. Verlangen Sie von Herrn Schneider, dass er die nötigen Gelder dafür bereitstellt!
@caligula:
In Bayern gibt es in den Kernfächern doch schon die sog. Jahrgangsstufentests, die zwar nicht jedes Jahr, aber in regelmäßigen Abständen erreichte Lernstandards prüfen sollen.
Sollen, denn nicht immer verspricht die Konzeption der Tests Validität. Man doktert noch herum an sinnvollen Aufgabenstellungen, versteigt sich des öfteren noch zu altersunangemessenen Anforderungen oder führt bisweilen über Nacht eine neue Aufgabenform ein - so dass gelegentlich eben nicht der Wissensstand der Schüler, sondern deren Fähigkeit, mit unbekannten Aufgabenformaten umzugehen, gemessen wird.
Zu Ihrem Vorschlag, dass klasseninterne Tests nicht die Benotung bestimmen sollten: Da würden sich die Schüler aber mit Recht vera....t fühlen. Ganz zu schweigen davon, wie unpädagogisch es wäre, individuelle Lernfortschritte nicht mehr zu honorieren (was eben durch sinnvoll gestellte, auf die jeweilige Klasse und deren besondere Stärken und Schwächen abgestimmte Schulaufgaben und Exen möglich ist).
@McKelly:
Die von Ihnen geschilderten Fälle sind sicherlich Beispiele dafür, wie es nicht laufen darf. Allerdings kenne ich keine Lateinkollegen, die auf Abfragen und Exen verzichten - schon allein deswegen, um die Schüler zu kontinuierlichem Lernen anzuhalten (und da hilft die extrinsische Motivation eben mehr als nette Unterrichtseinstiege oder gut gemeinte Appelle). Das liegt im Übrigen auch im Eigeninteresse der Lehrer - was glauben Sie, wie mühsam es ist, Schulaufgaben zu korrigieren, in denen ein Großteil der Schüler unverständliche "Lösungen" anbieten! Auf der anderen Seite ist es eine Freude, wenn man als Lehrer tatsächlich Lernfortschritte der Klasse feststellt und merkt, dass all die Übungen, Wiederholungen, Bemühungen um noch bessere Erklärungen oder das Ausprobieren alternativer Ansätze doch langsam Erfolg zeigen.
Dass das G8 allerdings die Messlatte wesentlich höher gelegt hat, ist traurige Wahrheit. Statt Entschlackung der Lehrpläne wurde der Unterrichtsstoff in den unteren Klassen verdichtet, d.h. mehr Inhalte sollen in kürzerer Zeit vermittelt und verstanden werden. Das KuMi hat sich bisher auf die bequeme Ansicht zurückgezogen, wenn dies nicht klappe, liege es an den Lehrern - deren heftige Einwände gegen das G8 man ja damals arrogant ignoriert bzw. sogar brachial un
Als Mutter eines Sohnes in der 9. Klasse (G8) fällt mir ständig die Diskrepanz auf, zwischen im Unterricht Gelerntem und das, was letztendlich in den Schulaufgaben abgefragt wird. Die Notendurchschnitte liegen häufig bei 4 bis 4,5. Und das, obwohl die Schüler nachweislich nicht die Dümmsten sind. Es wird ein hohes Niveau von den Schülern verlangt und es steigt auch noch an, wenn viele in der Klasse sind, die schon fast hochbegabt sind. Eine Mutter eines hochbegabten Sohnes in Mathematik meinte beim Elternabend, dass ihr die "normalen Kinder" leid täten, angesichts der Aufgabenfülle und des Niveaus in den Schulaufgaben. Man sollte auch nicht meinen, dass dieses rigide Leistungsabverlangen nur in den Lernfächern so sei. Nein, auch in Sport musste ich feststellen, dass Lehrer von den Schülern Dinge abverlangen, die normalerweise erst nach 2 Jahren kontinuierlichem Trainierens in Turnvereinen verlangt werden. Z.B. sollten die Kinder nach 2-maligem Üben einen Salto machen, Hochspringen oder sonstige Leistungen vollbringen. Wenn diese Dinge über längere Zeit eingeübt würden, wäre das noch nicht einmal so schlimm, doch die meiste Zeit des Schulsports wird ansonsten für Fußball- und Basketballspielen verwendet.
Was ich ebenfalls nicht verstehen kann, ist, warum Lehrer nie Exen schreiben, und dass das überhaupt erlaubt ist. Die Kinder wissen oft gar nicht, wie groß ihre Wissenslücken sind, weil sie nie abgefragt werden. Ganz schlimm ist es bei meinem Sohn in Latein. Es wurden nie Vokabeln abgefragt, es wurden fast keine Exen geschrieben und in den SChulaufgaben hat oft die halbe Klasse versagt. Jetzt, nach dem er sich in Latein drei Jahre durchgequält hat und nun "nur" noch Lektüre gelesen wird, möchte man ja meinen, dass es im Interesse der Lehrer läge, Wiederholungen des Stoffes durchzunehmen. Doch weit gefehlt, die Schüler, die es können, melden sich und kommen dran, alle anderen sitzen die Stunden ab!
Es würde rein gar nichts für die Schüler bringen, den Lehrern von Ministeriumsseite zu sagen, sie sollen etwas an den Notendurchschnitten ändern. Den Lehrern muss Hilfe von Außen gegeben werden, wie sie ihren Unterricht den neuen Bedürfnissen anpassen können. Wie sie mit Kindern aus den Grundschulen umgehen müssen, damit diese nicht von Einsern und Zweiern, die sie gewohnt waren, pl&ou
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