Plagiate in der Dissertation Uni entzieht Koch-Mehrin den Doktortitel

"Zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt": Die Universität Heidelberg hat der FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin den Doktortitel entzogen. Der Promotionsausschuss hält die Plagiatsvorwürfe für "eindeutig" belegt. Koch-Mehrin kündigt an, den Titel-Entzug rechtlich prüfen zu lassen.

Von Thorsten Denkler

Es ist ein Ergebnis mit Ansage, das der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg am Mittwoch verkündet hat. Noch hat kein Doktortitelträger, der ins Visier der Internet-Wikis geraten ist, seinen Titel nach Prüfung durch die jeweilige Universität behalten können. Jetzt hat nach "intensiver Prüfung" und fast zweimonatiger Untersuchung der Promotionsausschuss der Uni-Heidelberg beschlossen, der FDP-Europapolitikerin Silvana Koch‐Mehrin den Doktortitel zu entziehen.

Das Urteil lässt keinen Zweifel zu: Das vom Promotionsausschuss geprüfte Material "belegt eindeutig", dass die im Jahre 2000 von Koch‐Mehrin vorgelegte Dissertation über die "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: Die Lateinische Münzunion 1865‐1927" in "substanziellen Teilen aus Plagiaten besteht".

Die Prüfer haben auf über 80 Textseiten der Arbeit über 120 Stellen gefunden, die nach ihren Maßstäben als Plagiate zu klassifizieren seien. Die Plagiate seien mehr als 30 verschiedenen Publikationen zuzuordnen gewesen, von denen "zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt worden sind".

Der Umfang der Plagiate lege "zwingend die Schlussfolgerung nahe", dass die Arbeit von Koch-Mehrin keine "selbstständige wissenschaftliche Arbeit" im Sinne der Promotionsordnung der Fakultät und des Landeshochschulgesetzes Baden‐Württemberg darstelle, sagte Manfred Berg, Dekan der Philosophischen Fakultät.

Und weiter: "Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch‐Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat."

Inzwischen hat die des Plagiats überführte FDP-Politikerin reagiert: Koch-Mehrin will prüft rechtliche Schritte gegen die Aberkennung ihrer Doktorarbeit. Die Entscheidung der Universität komme überraschend, weil sie bisher keine Akteneinsicht hatte, erklärte sie. "Ich werde prüfen, ob sie rechtswidrig ist."

Die Entscheidung der Universität findet sie völlig unverständlich - und, mehr noch, sie weist ihren damaligen Prüfern eine Mitschuld zu: "Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren. Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen", so Koch-Mehrin.

Die Schwächen ihrer Dissertation seien von Beginn an bekanntgewesen. Trotzdem hätten sie ihre Gutachter im Jahr 2000 mit einem "cum laude" - das entspricht etwa der Note befriedigend - bewertet.

Zudem verteidigte sie ihre Arbeit. "Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind bis heute unstrittig und beruhen auf meiner eigenen wissenschaftliche Leistung." Angreifbar sei allerdings die Methodik, die damals schon bemängelt worden sei. So hätten die Gutachter die Oberflächlichkeit und Ungenauigkeit ebenso gerügt wie fehlende Belege von Zitaten.

Der Dekan weist die Vorwürfe zurück: Vor zehn Jahren habe es noch keine technischen Mittel gegeben, die Plagiate aufzuspüren. "Und niemand hat die gesamte Literatur im Kopf."

Koch-Mehrin war Mitte Mai wegen der Plagiatsaffäre von ihren Ämtern als Fraktionsvorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als stellvertretende Parlamentspräsidentin zurückgetreten. Damit einher ging auch der Verlust ihres Sitzes im Parteipräsidium der FDP. Sie begründete diesen Schritt damit, Schaden von der Partei und ihrer Familie nehmen zu wollen. Ihren Sitz im Europäischen Parlament hat Koch-Mehrin nicht aufgegeben.

Mit Jorgo Chatzimarkakis ist noch ein weiterer prominenter FDP-Europapolitiker unter Plagiatsverdacht. Bei ihm dauert die von ihm selbst angestoßene Prüfung der Uni Bonn noch an. Auch seine Doktorarbeit wurde wie die von Veronika Saß und Koch-Mehrin zuvor vom Internet-Wiki "vroniplag" durchleuchtet.

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