Von Felix Berth

Seit die Pisa-Ergebnisse Eltern verunsichern, boomen teure Privatschulen und Nachhilfe-Institute. So befindet sich Deutschland auf dem Weg in eine neue Klassengesellschaft.

Die Entschlossenheit mancher Eltern zeigt sich bereits am Tag der Schultüten. Immer mehr Kinder beginnen ihre Bildungskarrieren neuerdings in einer privaten Grundschule - ein Trend, der sich in den Jahren nach der ersten Pisa-Veröffentlichung rasant beschleunigt hat: Im Jahr 2001, also vor dem "Pisa-Schock", besuchten 45.000 Kinder die Grundschulen privater Träger; fünf Jahre später waren es schon 68.000.

Schüler, ddp

Schüler beim Lernen: Manchmal verzichten sogar Mütter wieder auf den Job, um ihre Kinder sicher auf das Gymnasium zu bugsieren. (© Foto: ddp)

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Das waren zwar erst gut zwei Prozent aller Grundschüler, aber der Boom der Privatschulen dauert an. Offenbar sorgen sich Eltern zunehmend, dass das normale Schulsystem ihren Kindern keinen guten Start ermöglichen kann, sagt der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter: Diese Eltern wollen "partout nichts falsch machen und um nichts in der Welt eine Chance zur besseren Ausbildung ihrer Kinder versäumen".

Bildungsbeflissene Eltern

Sechs Jahre nach der ersten Pisa-Studie wird deutlich, dass nicht nur Kultusminister und Lehrer auf die Ergebnisse der Forscher reagiert haben, sondern auch bildungsbeflissene Eltern. "Die Mitte ist in Panik, dass sie für ihre Kinder die Weichen für künftige Karrieren nicht rechtzeitig stellen könnte", stellt der Politologe Walter fest.

Deshalb boomen die Privatschulen, deshalb prosperieren die Nachhilfeinstitute, deshalb vermarkten die Verlage schon Lernmaterial für private Arbeitsgruppen von Drittklässlern. Manchmal verzichten sogar Mütter wieder auf den Job, um ihre Kinder sicher auf das Gymnasium zu bugsieren, stellt Christine Henry-Huthmacher fest, die für die Konrad-Adenauer-Stiftung kürzlich die lesenswerte Studie "Eltern unter Druck" veröffentlicht hat.

Verteilung entscheidender Lebenschancen

Natürlich wäre es falsch, die Pisa-Veröffentlichungen als einzige Ursache für die neue Bildungsbeflissenheit vieler Eltern anzusehen. Doch die Untersuchungen dürften den Trend stark befeuert haben: Seit den ersten Schlagzeilen über den "Pisa-Schock" erfahren Eltern im Jahrestakt, dass das deutsche Schulsystem bestenfalls mittelmäßig ist; gleichzeitig wissen nahezu alle, dass in der Schule entscheidende Lebenschancen verteilt werden, wie Henry-Huthmacher feststellt. Die Konsequenz: Mütter und Väter engagieren sich weit stärker für die Schulkarrieren ihrer Kinder als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Die Chancen auf frühe Förderung sind dabei nicht gleich verteilt: Ein kleiner Teil der Eltern - Henry-Huthmachers Studie schätzt sie auf gut zwanzig Prozent - hat weder die Energie noch das Geld für individuelle Förderung der Kinder. Denn Nachhilfe ist teuer, der Sprachaufenthalt in Frankreich auch. Und die Privatschule erst recht.

Auf der nächsten Seite: Wie Eltern an die Grenze ihrer finanziellen Belastbarkeit gehen, um dem Nachwuchs beste Bildungschancen zu bieten.

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