Peter Sloterdijk über Plagiate Die verlorene Unschuld der Fakultäten

Ein Plagiator gibt den vielen "Nicht-Lesern" von Publikationen das, was ihnen gebührt, findet der Philosoph Peter Sloterdijk. Doch obwohl die Kultur seiner Ansicht auf ständiges Kopieren und Imitieren angewiesen ist, relativiert er das Problem der Plagiate nicht. Stattdessen spricht er von einer "verlorenen Unschuld der Fakultäten".

Von Tanjev Schultz

Peter Sloterdijk würde über den Türen der Universitäten gern ein Schild anbringen mit der Aufschrift: "Cave lectorem!" Vorsicht, (bissiger) Leser! Vielleicht würden sich Plagiatoren und andere Hochstapler davon abschrecken lassen. Normalerweise sind sie ja schon dadurch geschützt, dass kaum ein Mensch die vielen Publikationen, die Doktoranden und Wissenschaftler ausstoßen, je richtig liest. Ein Plagiator, so spitzt es Sloterdijk süffisant zu, gibt den vielen "Nicht-Lesern" das, was diesen gebührt. Der Plagiator taucht ab in der mittelmäßigen Masse der Schreibenden, er will gar nicht unbedingt auffallen mit seinem fremden Federschmuck. Erregt er Aufmerksamkeit, wird es für ihn gefährlich. Was also ist zu tun? Man muss dem Plagiator "die reale Lektüre androhen", sagt Sloterdijk. Der Philosoph hielt am Freitag den Hauptvortrag auf einer Tagung der Universität Bayreuth, die damit einen weiteren Schritt machte, ihren Guttenberg-Schock zu verarbeiten. Sloterdijk nahm immer wieder Anleihen bei Thomas Mann und malte sich aus, wie dieser große Ironiker wohl die Guttenberg-Affäre empfunden hätte. "Es hätte ihn fürstlich amüsiert." Dass Guttenberg ausgerechnet in Bayreuth sein Blendwerk einreichte, habe sich doch kein Regisseur so gut ausdenken können. Sloterdijk spielte damit auf die Wagner-Festspiele an und auf den "schönen Schein", der diese umgibt. Der Hochstapler ist für Sloterdijk keineswegs eine Randfigur in der Gesellschaft. "Die Figur gehört ins Zentrum der modernen Kultur." Es ist eine Kultur, in der das Subjekt sich selbst verwirklicht, aber doch von den anderen zehrt. Ein Subjekt, das ganz bei sich selbst sein will, aber regelmäßig in die Medien und auf die große Bühne drängt. Die Diagnose ähnelt vielem, das man aus der Kritischen Theorie und den Klagen über einen Verlust des Authentischen kennt. Doch dort reiht sich Sloterdijk natürlich nicht ein. Er spielt mit ironischen Brechungen. In Bayreuth erzählt er eine Anekdote über Thomas Mann. Dieser soll im Gespräch mit einer Dame gestanden haben, für seine Geschichten stehle er aus der Bibel. Sloterdijk schlug einen weiten Bogen in die Kulturphilosophie. Kultur beruhe wesentlich auf einer "Replikationskompetenz". Um Stabilität zu erlangen und Bewahrenswertes erhalten zu können, sind Gesellschaften auf permanentes Kopieren und Imitieren angewiesen. Mit der Renaissance seien dann "Innovationstrojaner in das Kopierwerk der Kultur" geschleust worden. Dabei ist eine Art Imitationsverbot (und ein Innovationsgebot) entstanden, das man allerdings - siehe Thomas Mann - in seiner Rigidität nicht immer ganz ernst nehmen darf. Fast stand zu befürchten, Sloterdijk könnte nun das Problem der Plagiate relativieren oder als "alteuropäisches" Thema der "ewig Progressiven" abtun. So kam es aber keineswegs. Stattdessen sprach er von einer "verlorenen Unschuld der Fakultäten". Die Guttenberg-Affäre sei nur ein kleiner Teil des Problems der modernen Universitäten, an denen die jungen Menschen zum "Scheinerwerb" studieren.

Von "abstrusen" Vorwürfen und "schmerzlichen Schritten"

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