Personalstruktur bei Siemens Männlich, farblos, deutsch

Jill Lee sollte Siemens bunter machen - nun gibt die Diversity-Managerin aus Singapur überraschend auf. Die Gründe könnten in der Unternehmenspolitik liegen.

Von Markus Balser

"Zu männlich, zu Deutsch, zu farblos" - als sich Siemens-Chef Peter Löscher nach Dienstantritt 2007 in seinem neuen Unternehmen umsah, klagte der Österreicher über mangelnde Internationalität und männerdominierte Flure im Management des Weltkonzerns. So konnte es nicht weitergehen, befand Löscher. Warum solle nicht ein richtig guter Chinese das China-Geschäft leiten? Oder eine Frau bis ganz nach oben rücken?

Vielfalt in eigener Sache

Der Konzern setzte wenig später mit Jill Lee den ersten hauptamtlichen Chief Diversity Officer ein. Ihr Auftrag: Siemens bunter machen und Talente fördern. Nun sucht Lee überraschend Vielfalt in eigener Sache. Am Mittwoch gab der Konzern ihren Abschied bekannt - und wurde offenbar überrumpelt. Eine Nachfolgeregelung ist noch nicht getroffen.

Lee sollte im Konzern vor allem die Karrierechancen von Frauen verbessern. Der Nachholbedarf war gewaltig. Im Geschäftsjahr 2008/09 lag der weltweite Frauenanteil der Siemens-Mitarbeiter bei 25 Prozent und deutschlandweit bei 21 Prozent. Vergleichszahlen aus anderen Jahren lägen nicht vor, sagte eine Siemens-Sprecherin. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte sogar unter zehn Prozent.

Mangelnde Fortschritte

Es dauere eine gewisse Zeit, bis sich die neuen Prozesse auch zahlenmäßig niederschlügen, sagte die Sprecherin weiter. Auch bei der Internationalität haperte es: Während zwei Drittel aller Siemens-Mitarbeiter aus dem Ausland kommen, liegt die Quote in der Chefetage nur bei einem Drittel, klagte Lee vor einem Jahr. Siemens hatte weltweit zuletzt 405.000 Beschäftigte, 128.000 davon in Deutschland.

Lees Vertrag laufe noch bis Ende Mai, danach verlasse sie Siemens auf eigenen Wunsch, weil sie ein attraktives Angebot habe und sich neuen Herausforderungen stellen wolle, erklärte der Konzern. Dagegen hieß es in Unternehmenskreisen, Lee sei auch über mangelnde Fortschritte und Widerstand enttäuscht gewesen. Die agile Managerin habe sich in einigen Bereichen größere Freiheiten gewünscht.

Vielfaltkriterien müssen erfüllt werden

Lee hatte immer wieder erklärt, ihre Strategie bis 2011 umsetzen zu wollen. Das Unternehmen hatte die Initiative für mehr Internationalität und Vielfalt bei der Besetzung von Managementpositionen und bei der Förderung von Talenten breit verkündet und den Posten Lees dafür eigens geschaffen. Unter der Führung der Managerin aus Singapur entstand ein Netzwerk von 500 Diversity-Botschaftern und ein Frauen-Netzwerk.

Bei Bewerbungen um Führungsposten müsse zudem mindestens ein Kandidat in der Endrunde die Vielfaltkriterien erfüllen. Generell geht es darum, geeignete Talente in aller Welt aufzuspüren und über spezielle Programme zu fördern.

"Ich habe gute Argumente"

Ob sie in der deutschen Chefetage mit Widerstand gegen die wachsende Internationalisierung rechne, wurde Lee zum Start vor eineinhalb Jahren gefragt. "Das wäre gegen die Zukunft des Konzerns gerichtet", warnte Lee. Gerade angesichts des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels sei Vielfalt eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Geschäfte.

Denn das Angebot an qualifizierten Fach- und Führungskräften in den Industriestaaten werde immer knapper. Sie habe gute Argumente, fand Lee. "Denen können sich die Männer bei Siemens nicht verschließen."

Skrupellos und machtfixiert

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