Numerus clausus für Medizin Röslers Rechenfehler

Um den Ärztemangel zu bekämpfen, möchte Gesundheitsminister Rösler den Numerus clausus für Medizin abschaffen. Doch das wird wenig bringen.

Ein Kommentar von Tanjev Schultz

Wer in Deutschland Arzt werden will, muss entweder ein sehr gutes Abitur haben oder sehr viel Geduld und Geld. Nur glatten Einser-Schülern ist ein Studienplatz in Medizin sicher. Wer "nur" gute Noten hat, muss jahrelang auf einen Studienplatz warten, ins Ausland ausweichen oder teure Rechtsanwälte bezahlen und hoffen, dass sie es schaffen, einen Studienplatz einzuklagen. Optimal ist dieses System nicht. Es frustriert motivierte Abiturienten, von denen bestimmt viele gute Ärzte werden würden, wenn man sie nur ließe. So gesehen hat Gesundheitsminister Rösler recht, wenn er den Numerus clausus in Frage stellt.

Doch so einfach, wie Rösler suggeriert, lässt sich das System nicht ändern. Die harten Zulassungshürden im Fach Medizin gibt es ja vor allem deshalb, weil die Zahl der Bewerber um ein Vielfaches höher ist als die Zahl der Studienplätze. Wenn mehr Ärzte ausgebildet werden sollen, müssten die Bundesländer die Zahl der Studienplätze an den Universitäten erhöhen. Dadurch könnte dann der Numerus clausus leicht sinken. Will man allerdings erreichen, dass tatsächlich auch Abiturienten mit einer Zwei oder einer Drei vor dem Komma noch problemlos Medizin studieren können, wären so viele zusätzliche Studienplätze notwendig, dass schon bald von einer "Ärzteschwemme" und nicht von einem Ärztemangel die Rede wäre.

Schon jetzt lässt sich darüber streiten, ob es wirklich zu wenige Medizinstudenten in Deutschland gibt. Der Ärztemangel auf dem Lande hat seinen Grund vor allem darin, dass nur wenige bereit sind, in entlegenen Dörfern eine Praxis zu eröffnen. Durch eine Reform des Hochschulzugangs lässt sich das kaum ändern. Dazu kommt, dass viele Medizinstudenten am Ende ins Ausland abwandern oder sich gegen den Arztberuf entscheiden und lieber einen Job in einem Unternehmen annehmen. Das hängt mit den teilweise schwierigen Arbeitsbedingungen der Ärzte zusammen. Auch dieses Problem kann eine Reform des Studienzugangs nicht lösen.

Und schließlich: Schon jetzt ist die Abiturnote keineswegs mehr das einzige Kriterium, nach dem die Universitäten ihre Studenten auswählen. Für 60 Prozent ihrer Medizin-Studienplätze können die Hochschulen eigene Kriterien aufstellen. Das Abitur spielt dabei weiterhin eine große Rolle. Oft werden jedoch die Noten in bestimmten Fächern (vor allem in den Naturwissenschaften) besonders gewichtet, und vielerorts wird auch wieder der sogenannte Mediziner-Test als zusätzliches Kriterium verlangt. Berufserfahrung, etwa in der Pflege, kann ebenfalls gewürdigt werden, und an etlichen Universitäten gibt es bereits persönliche Auswahlgespräche, in denen die Professoren etwas über die Motive und die Motivation der Bewerber erfahren. Weil die Zahl der Kandidaten aber so groß ist, konkurrieren hier zumeist wieder nur die besten Abiturienten miteinander.

Bei begrenzten Kapazitäten sind die Universitäten verpflichtet, nachvollziehbare Kriterien zur Auswahl ihrer Studenten anzulegen. Sind die Kriterien zu weich, schreiten die Gerichte ein. Das bloße Gefühl, ein Kandidat könne das Medizinstudium schaffen, obwohl er in Fächern wie Physik und Biologie mangelhafte Zensuren mitbringt, reicht nicht. Bestimmt ist es so, dass manch abgelehnter Bewerber am Ende ein besserer Chirurg geworden wäre, als einer der Einser-Abiturienten, der Medizin vor allem deshalb wählte, weil er es sich mit seinen Noten eben leisten kann. Aber wer kann das im Einzelfall vorhersehen?

Diesen Unwägbarkeiten zum Trotz ist Röslers Vorstoß nicht wertlos. Er erhöht den Druck auf die Bundesländer, die nun prüfen müssen, ob die Zahl der Medizin-Studienplätze ausreicht. In den kommenden Jahren verlassen wegen der verkürzten Gymnasialzeit in mehreren Ländern zwei Jahrgänge gleichzeitig die Schulen. Der Andrang auf Medizin-Studienplätze wird dann noch größer sein als sonst.