Von Felix Berth

Verschlüsselte Durchsagen und Barrikaden: Wie sich die deutschen Schulen seit dem Amoklauf von Erfurt vor Attentaten zu schützen versuchen.

Der Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002 war das Alarmsignal. Nicht nur im fernen Amerika konnte es geschehen, dass ein junger Einzelgänger zahlreiche Schüler erschoss - auch in Deutschland war das möglich. Das thüringische Kultusministerium versuchte bald danach, die Lehrer auf solche Katastrophen vorzubereiten, soweit dies eben möglich ist; und etliche andere Bundesländer zogen später nach.

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Erfurt am 26. April 2002: Schüler des Gutenberg-Gymnasiums flehen um Hilfe. (© Foto: ap)

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So muss seit dem Herbst 2006 auch in Baden-Württemberg jede Schule einen Krisenplan erstellen. Dieser Plan hat einen doppelten Zweck: Erstens erfährt die Polizei im Ernstfall auf wenigen Seiten viel über eine Schule: über die Zahl der Lehrer, der Schüler, der Klassen, über Ein- und Ausgänge des Gebäudes oder den Zugang zur Lautsprecheranlage. Zweitens müssen sich die Lehrer mit Regeln beschäftigen, die sie im Ernstfall dann hoffentlich auch befolgen. "Schließen Sie sich im Klassenzimmer ein und verbarrikadieren Sie sich!", heißt es für den Fall eines Amoklaufs im Krisenplan, der in Winnenden galt - eine Anweisung, die nach Einschätzung der Polizei von den Lehrern am Mittwoch auch befolgt wurde. "Der Krisenplan war eine wertvolle Hilfe für uns alle", sagte ein Polizist am Donnerstag.

Überwachungskameras kaum verbreitet

Nach einer Umfrage der Gewerkschaft GEW gelten in zahlreichen Bundesländern Krisenpläne, und die wenigen Ministerien, die noch keinen Erlass herausgegeben haben, werden dies nach dem Tag von Winnenden wohl bald tun. "Wir haben damit sehr positive Erfahrungen gemacht", sagt der Sprecher des thüringischen Kultusministeriums, Detlef Baer. So habe es im Dezember 2008 eine Bombendrohung an einer Erfurter Schule gegeben. Die Schulleitung habe schnell und richtig reagiert; bis zur Aufklärung des Falles wurden sämtliche Schüler am Eingang auf Waffenbesitz kontrolliert. "Das Zusammenspiel aller Behörden, das der Krisenplan vorsieht, hat funktioniert", sagt Ministeriumssprecher Bär.

Überwachungskameras, in amerikanischen Schulen inzwischen häufiger eingesetzt, sind in der Bundesrepublik kaum verbreitet. Falls sie eingesetzt werden, dienen sie eher der Abschreckung von Einbrechern: Im nordrhein-westfälischen Leverkusen sind die Kameras an einer Gesamtschule nur nachts aktiviert; wer das Gelände nach Ende aller Schulveranstaltungen betritt, wird mit einer Lautsprecher-Durchsage informiert, dass er gefilmt wird. Der Direktor lobt die Kameras, weil sie Diebe abschrecken - gleichwohl sind sie in Nordrhein-Westfalen politisch umstritten.

Wachleute sind an deutschen Schultoren selten. Nur der Berliner Bezirk Neukölln hat im Herbst 2007 eine Sicherheitsfirma engagiert, die Wachmänner an Schulen schickt, sofern diese es verlangen. Dort müssen Schüler am Eingang ihre Ausweise herzeigen; das kommt der aktuellen Forderung der Gewerkschaft der Polizei nahe, an Schulen technische Zugangskontrollen einzurichten. Die Neuköllner Direktoren berichten, dass dies Gewalttaten verhindert habe. Doch das Projekt des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) ist in Berlin nicht mehrheitsfähig: Innensenator Ehrhart Körting, ebenfalls SPD, lehnt die "paramilitärischen Einheiten" ab.

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(SZ vom 13.3.2009/bön)