Noten-Roulett Inflation der Spitzennoten

Biologen schneiden bei ihren Abschlussprüfungen sagenhaft gut ab. Auch das Gros der Mathematiker glänzt mit exzellenten Ergebnissen: Der Deutsche Philologenverband fordert eine Abkehr von der gängigen Praxis.

Von Berit Schmiedendorf

Immer schneller, immer besser: Der Druck unter den Studienabsolventen ist hoch. Doch was, wenn das EinserExamen nichts wert ist? Ganz einfach deshalb, weil die meisten anderen Kommilitonen auch eine exzellente Abschlussnote auf ihrem Hochschulzeugnis stehen haben?

Sagenhafte 1,3 oder durchschnittliche 2,1: Oft ist die Note auch eine Frage des Fachs - und, natürlich, des Prüfers.

(Foto: Foto: David Ausserhofer)

Vor allem die Natur- und Geisteswissenschaftler haben mit dieser wenig differenzierten Spitzennotengebung zu kämpfen, hat der Wissenschaftsrat in einer Untersuchung herausgefunden. In Biologie, dem bestbenotenden Studienfach, liegt der Durchschnittswert für Studienabgänger im Jahr 2005 bei sagenhaften 1,3, gefolgt von den Disziplinen Mathematik und Physik, deren Absolventen mit durchschnittlich 1,4 das Studium beenden.

Doch es geht auch anders. Die strengsten, also gewissermaßen schlechtesten Noten erhalten die Rechtswissenschaftler, so der Wissenschaftsrat, eine Einrichtung, die Bund und Länder in Fragen der Hochschulentwicklung berät. Bei den Juristen zählt ein Absolvent in Deutschland mit einem "voll befriedigend" auf dem Zeugnis zu den 15 besten Prozent seines Jahrgangs. In Baden-Württemberg beispielsweise, wo sich auch die renommierte juristische Fakultät der Uni Heidelberg befindet, unterzogen sich vor zwei Jahren 1868 Teilnehmer der Staatsprüfung. Genau ein Kandidat schloss diese Prüfung mit einem "Sehr gut" ab, 615 Juristen haben die Prüfung gar nicht erst bestanden. Immerhin hatten sie die Möglichkeit, das Examen zu wiederholen.

Diese Notenvergabepraxis bei den Rechtswissenschaften ist nicht neu. "Bereits in Preußen, also vor 200 Jahren, war das schon so", sagt Ralf Kuhlgert, Leiter des Prüfungsamtes der juristischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Dass die meisten Studenten das juristische Staatsexamen mit weniger als sechs Punkten - die Skala reicht von 0 bis 18 - absolvieren, findet Kuhlgert nicht weiter schlimm. "Solange Juristen nur mit Juristen konkurrieren, ist es halt so", sagt er. Spätestens im Ausland besteht angesichts der Notenvergabepraxis in den Rechtswissenschaften allerdings Erklärungsbedarf. Absolventen mit deutschem Staatsexamen lassen sich ihr Zeugnis nicht nur übersetzen, sondern liefern bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber auch gleich eine Erläuterung des deutschen Jura-Notensystems in der jeweiligen Landessprache mit.

Die Erkenntnisse des Wissenschaftsrats zur Notenvergabepraxis sind nicht neu. Bereits 2003 hat die Einrichtung ihre Analyse vorgelegt. Diesen Sommer gibt es neue Zahlen - erwartet werden ganz ähnliche Ergebnisse. "Es gibt nach wie vor dieses Fächerverhalten", sagt Friedrich Tegelbekkers, Referatsleiter Evaluation und Quantitative Analysen beim Wissenschaftsrat. "Ein ,Befriedigend' bei den Juristen ist so gut wie eine ,Zwei plus' oder eine noch bessere Note in den Naturwissenschaften." Die Frage, warum die Notenvergabepraxis derart differiert, kann Tegelbekkers allerdings nicht beantworten; sie ist auch nicht Bestandteil der Datenerhebung.

Der Deutsche Philologenverband dagegen hat die "inflationsartige Vergabe von Spitzennoten" in einigen Fächern unterdessen heftig kritisiert. Und eine Idee, wie man Abhilfe schaffen könnte, hat die Berufsorganisation der Gymnasiallehrer ebenfalls: mehr Transparenz schaffen. Die Prüfer, die regelmäßig Spitzennoten vergeben, sollten künftig das gesamte Notenspektrum ausschöpfen und einen Vermerk auf dem Abschlusszeugnis veröffentlichen, der Klarheit darüber schafft, ob der Absolvent mit seiner Note zu den besten 15 oder 30 Prozent seines Prüfungsjahrgangs gehört. Maximal dürften nur 15 Prozent der Abschlussarbeiten die Bestnote erhalten, fordert der Verband.