An einem Heidelberger Gymnasium wird Glück als Schulfach unterrichtet. Das Kultusministerium Baden-Württemberg findet das sehr gut - und hätte nichts dagegen, wenn das Fach bald auch anderswo auf dem Stundenplan stehen würde.
"Schule soll auf's Leben vorbereiten. Ein Fach wie dieses stärkt Schüler in ihrer Lebenskompetenz - deshalb begrüßen wir das Heidelberger Wahlpflichtfach." Hansjörg Blessing, Sprecher des Kultusministeriums Baden-Württemberg, findet es sehr gut, dass an der Heidelberger Willy-Hellpach-Schule seit Montag das Fach "Glück" unterrichtet wird.
Der Heidelberger Schulleiter Ernst Fritz-Schubert gibt Glücks-Unterricht. (© Foto: dpa)
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Glück und Schule - im ersten Moment nicht die beiden Begriffe, die ein Schüler automatisch miteinander verbindet. "Und genau das ist das Problem", sagt Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert. Er hat das Fach erfunden und zusammen mit einer Arbeitsgruppe ein Unterrichtskonzept entworfen, mit dem er versuchen will, den Schülern wieder Bildung im ursprünglichen Sinn zu vermitteln.
Die Frage, was Bildung ist, beantwortet das Vorwort zum aktuellen Bildungsplan in Baden-Württemberg mit einem Wort: "Alles." Und genau darum geht es dem Heidelberger Rektor. "Es ist unser Ziel, starke, zuversichtliche Persönlichkeiten zu formen. Dazu gehört die Fähigkeit, sich zu freuen, zu reflektieren und sich wohlzufühlen, körperlich wie seelisch." Die Botschaft: Glück ist erlernbar.
Auf das Leben vorbereiten
Dem Fach liegt der Gedanke zugrunde, dass Bildung mehr sein muss als berufliche Qualifikation, mehr als Pauken und mehr als reiner Leistungsdruck.
Der Ansatz ist im Grunde nicht neu. Hartmut von Hentig, einer der einflussreichsten Pädagogen Deutschlands, schreibt in dem Vorwort zum aktuellen Bildungsplan in Baden-Württemberg: "Jeden Bildungsplan wird man künftig daran messen, ob er geeignet ist, die Zuversicht junger Menschen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Verständigungsbereitschaft zu erhöhen."
Das betont auch der Sprecher des baden-württembergischen Kultusministeriums: Das Ziel, Schüler auf das Leben vorzubereiten, gelte nicht nur für die Heidelberger Willy-Hellpach-Schule. "Jede Schule sollte eine ganzheitliche Bildung anbieten - das macht nicht nur ein Fach alleine aus", sagt Blessing. Auch reguläre Fächer, wie zum Beispiel Ethik oder Religion, würden Raum bieten, um elementare Lebensfragen zu diskutieren. Philosophie-AGs und Psychologie würden zudem Raum für Ausschnitte aus diesem Themenbereich bieten.
Der Bildungsplan für den Fächerverbund "Wirtschaft, Arbeit, Gesundheit" an Werkrealschulen gibt zum Beispiel vor, dass Zehntklässler am Ende des Schuljahres Angebote zur Gesundheitsförderung bewerten und eigene Entscheidungen entwickeln können sollen. Auch an anderen Schulen werden also Fähigkeiten trainiert, um die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Und es wird ganz praktisch geübt, Lebensfragen zu reflektieren und zu hinterfragen - unabhängig von der Schulart, wie der Sprecher des Kultusministeriums betont.
Brückenschlag zum Lebensalltag
Das Heidelberger Glücks-Fach sei aber eine gute Möglichkeit, verschiedene Perspektiven und Disziplinen zusammenzuführen und zu verbinden, um wichtigen Lebensfragen nachzugehen - beispielsweise der Überlegung, ob Geld glücklich macht. Ein Fach wie "Glück" könne ein Brückenschlag zum Lebensalltag außerhalb des Unterrichts sein.
Denn die Schule soll Kinder und Jugendliche nicht nur auf eine betriebliche Ausbildung oder das Studium vorbereiten - sondern auf das Leben ganz allgemein. Das Kultusministerium findet die Bezeichnung "Glück" zwar ganz "peppig" für ein Schulfach, redet selbst aber lieber von Lebenskompetenz: "Dazu gehören auch Glück und Pech", sagt Blessing, "wenn Schüler lernen, wie man zum Beispiel bei Schicksalsschlägen Gelassenheit bewahrt, dann ist das ein wichtiges und ernstes Thema."
"Glück" wird sowohl an der zweijährigen Berufsfachschule als auch am Wirtschaftsgymnasium angeboten. Mentale Stärke und seelische Ausgeglichenheit sind Themen des Unterrichts im Glücklichsein. Aber es geht noch um mehr: "Die Schüler sollen erleben, dass sich die körperliche Gesundheit, etwa durch Sport und gute Ernährung, nicht von der seelischen trennen lässt", erklärt Professor Knörzer, der Leiter des Instituts für Alltags- und Bewegungskultur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Entsprechend weit greift der Lehrplan. Es geht um Sinnfindung, um Gesellschaft, Gemeinschaft und Umwelt, um Esskultur, Erfahrung der Leistungsgrenzen, Gruppenerlebnisse, Körpersprache.
Die Vermittlung der Inhalte erfolgt nicht durch traditionellen Unterricht, sondern durch das Prinzip Eigenerfahrung, zum Beispiel bei praktischer Theaterarbeit, Pantomime, Betriebsbesichtigungen, durch Konzentrations- und Bewegungsübungen oder das Entdecken von Wundern am Wegesrand.
"Glauben Sie, ich will eine Fünf in Glück?"
Die Vielfalt des Themas erfordert auch externes Know-how. In Heidelberg werden gemeinsam mit Lehrern deshalb auch Schauspieler, Systemtherapeuten und Motivationstrainer bestimmte Unterrichtseinheiten mitgestalten.
Gemeinsam mit Rektor Fritz-Schubert haben unter anderen der Ex-Hockey-Bundestrainer und Sportdirektor des Fußballzweitligisten TSG 1899 Hoffenheim, Bernhard Peters, und PH-Professor Dr. Wolfgang Knörzer am Konzept mitgearbeitet.
Das Interesse ist groß. Mehr als 50 Schüler haben sich bereits angemeldet. Für die Gymnasiasten ist "Glück", falls gewünscht, sogar abiturrelevant: Es gilt als Seminarkurs und kann damit ein Prüfungsfach ersetzen.
Egal, ob abiturrelevant oder nicht: Ohne Noten geht es auch in "Glück" nicht. Damit haben die Schüler aber keine Probleme. Einer sagt: "Ich habe das Fach doch gewählt, weil es mich interessiert. Glauben Sie, ich will eine Fünf in 'Glück'?"
Glück wird kein Pflichtfach
Welche Wahlpflichtfächer sie anbieten, können Schulen in Baden-Württemberg frei entscheiden - sie benötigen keine Genehmigung des Kultusministeriums. Den Unterricht gestaltet in der Regel ein Lehrer. Es steht den Schulen aber frei, für bestimmte Themen auch externe Experten einzuladen - das sei vom Kultusministerium sogar erwünscht, weil dadurch im Unterricht die Perspektive auf außerschulische Bereiche erweitert werden könne.
Obwohl das Kultusministerium das Heidelberger Projekt sehr begrüßt: Zum Pflichtfach wird "Glück" in Baden-Württemberg wohl nicht - doch Blessing kann sich durchaus vorstellen, dass andere Schulen die Idee aufgreifen.
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(sueddeutsche.de/AP)
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Glück und Glas, wie leicht bricht das.....
Es freut mich zu hören, dass Sie ab jetzt definieren wann ein Mensch glücklich ist.
So muss sich wenigstens nicht mehr jeder selbst mit dieser lästigen Frage rumschlagen..
Nun gut, was die Qualitaet der Bewerbungen von Abiturienten angeht, kann ich mangels Erfahrung leider keine Aussagen treffen. Wuerde es allerdings schade finden, wenn Ihre Einschaetzungen darueber zutreffen.
Fuer mich ist an dieser Stelle wichtig, dass die Schule sich nicht einseitig auf die harten Wissenschaften beschraenkt, sondern auch den Schuelern Hilfe zur Sinnsuche im Leben bietet. Soweit ich es einschaetzen kann, wissen viele Schulabsolventen gar nicht, was sie nun genau mit ihrem Leben anfangen sollen und ihre erste Reaktion ist, dass sie sich mal dort und mal woanders bewerben. Wuerde solch ein Fach, wie in diesem Artikel beschrieben, den Schuelern helfen, ueber sich und ihre Ziele nachzudenken und klar zu werden, waere viel gewonnen.
Es an eine Hochschule zu schaffen heißt noch lange nicht diese auch zu bestehen!
Als Firmeninhaber eines mittelständischen Unternehmens und Absolvent einer Technischen Hochschule brauche ich keine Statistiken z.B. Pisa.
Ich brauche nur die mir vorliegenden Abiturientenbewerbungen, insbesondere der nördlich von Bayern, Baden Württemberg und Sachsen gelegenen Bundesländer auszuwerten, da wird mir schwindelig!
Das hätte früher kein Volksschüler vorgelegt!
Die heute als Schulziel beschworene "soziale Kompetenz" und neuerdings auch "Lebenskompetenz" reicht eben nicht aus um Geld zu erwirtschaften- keiner will sie kaufen!
Die ältere Generation "Kaffee und Kuchen" war sozial wesentlich kompetenter und lebenstüchtiger als ein erschreckend großer Anteil Jugendlicher.
nur die Bezeichnung des Faches mit schlicht und ergreifend "Glueck" scheint mir etwas unangebracht. Waere es nicht sinnvoller, diese Thematik in eine Philosophie-Unterricht einzubauen, so dass eine bessere Reflexion moeglich ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich das Auseinandersetzen mit "Gluecksphilosophie" durchaus lohnt, insbesondere wenn man die verschiedenen Lebensentwuerfe beruecksichtig, die diese zu bieten hat. Ich empfehle an dieser Stelle "Glueckssache - die Kunst gut zu leben" von Annemarie Pieper, ein sehr anregendes und auch nachdenklich machendes Buch, ueber die Gluecksentwuerfe zu verschiedenen Zeiten. So wird auch eine Reflexion moeglich.
@1997
Und zur Faecherrelevanz und einem Studium an der TUM moechte ich nur erwaehnen, dass selbst ich es dorthin geschafft habe - trotz meines Hintergrunds. Desweiteren moechte ich darauf hinweisen, dass es durchaus sein koennte, dass das heutige Abitur um einiges anspruchvoller ist als noch vor 30 Jahren. Wer es nicht glauben moechte, einfach anmelden und selbst versuchen, ob man noch mithalten kann. Die Zeiten haben sich in der Tat geaendert - und damit auch die allgemeinen Anforderungen, allein in den Naturwissenschaften.
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