Pseudowissenschaftlicher Gestus

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IAP-Autor Jansen beruft sich auf Studien der Gehirnforschung, die seine Kritiker angeblich nicht zur Kenntnis nähmen. Und er sagt: "Kinder wiederholen gern." Derzeit würden lerngestörte Kinder oft eine unheilige Allianz mit den Erwachsenen eingehen - denn beide Gruppen würden Wiederholungen scheuen. Jansen kritisiert, dass in viele Lesefibeln die Buchstaben lustig verziert sind. Das würde die Kinder ablenken und sie daran hindern, sich auf die Technik des Lesens zu konzentrieren.

Jansen ist promovierter Psychologe, in München betreibt er eine Fortbildungseinrichtung; seine Kritiker sagen, IAP entwickle sich zu einem großen Geschäft. Die IAP-Bücher sind allerdings nicht als Taschenbücher für den massenhaften Bahnhofsverkauf konzipiert, sondern im Fachverlag Springer erschienen. Sie enthalten viele komplexe Begriffe, jedoch auch Sätze, die in ihrem Gestus eher pseudowissenschaftlich anmuten: Fähigkeiten, die unbewusst gesteuert werden, könnten in höherer Geschwindigkeit gehandhabt werden, heißt es da zum Beispiel, und dann: "Der Geschwindigkeitsvorteil liegt mindestens bei 1000 - 2000%". Offenbar sollen die Leser durch scheingenaue hohe Zahlen beeindruckt werden (wie auch durch den eher sinnlosen Namen "Intra Act Plus").

Immer wieder gibt es Gurus, die behaupten, die ultimative Methode fürs Lesenlernen gefunden zu haben. Ist Jansen so ein Guru? Maria Fölling-Albers, Professorin für Grundschuldidaktik in Regensburg, hält ihm zumindest vor, sein Konzept nicht ausreichend empirisch überprüft zu haben. Und sie hat Zweifel, ob es sinnvoll ist, alle Schüler mit einer so puristischen Methode zu traktieren. In seinem Gutachten argumentiert Hans Brügelmann, IAP werde noch nicht einmal den eigenen Ansprüchen gerecht. So sollen zunächst Silben wie MO, MA und MI trainiert werden, bevor ganze Wörter geübt werden. Doch in dieser Form, sagt Brügelmann, werden die Vokale stets lang/geschlossen gesprochen, in Wörtern später hingegen oft kurz/offen, wie in "Motte" (versus "Motor") oder "Matte" (versus "Maler"). Die Aussprache ergebe sich nicht synthetisch aus der Addition von Einzellauten, sondern werde durch die Sinnerwartung mitentschieden.

Abrichten wie bei der Dressur

In IAP werde also etwas Falsches nicht nur gelernt, sondern systematisch trainiert: "Entweder wird durch das Programm das Lernen behindert - oder die Annahme der Autoren stimmt nicht, dass vereinfachte Zwischenformen ("Fehler") das Lernen stören." Dass es sich hier nicht um eine Privatfehde zwischen Brügelmann und Jansen handelt, zeigt die lange Liste mit den Namen von gut 40 Experten, die laut Brügelmann das kritische Gutachten in seinem Kern mittragen, unter ihnen der Gehirnforscher Gerald Hüther, Grundschulpädagogen wie Jörg Ramseger und Horst Bartnitzky, Schulforscher wie Wilfried Bos und Fachleute für den Schriftsprach-Erwerb wie Renate Valtin.

Die IAP-Autoren würden mehr als 30 Jahre Forschung zum Schriftsprach-Erwerb ignorieren, sagt Brügelmann. Und dass Kinder es mit (oder trotz) IAP schaffen, Lesen und Schreiben zu lernen, bedeute noch lange nicht, dass dies eine gute Methode sei. Vor Heilserwartungen will Brügelmann warnen - und vor einem Unterricht, der die Kinder abrichtet wie bei einer Dressur.

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(SZ vom 9.3.2009/bön)