Die Hochschulrektorenkonferenz will die Semesterzeiten vorverlegen. Das bedeutet eine schleichende Entwertung des Abiturs - und Bewerbungsstress während der Prüfungen.
Auf Betreiben der Hochschulrektorenkonferenz sollen die Semesterzeiten an deutschen Hochschulen vorverlegt werden. Das neue Herbstsemester soll nun Anfang September statt Mitte Oktober beginnen, das Sommersemester Anfang März statt Mitte April. Man will sich, so heißt es, der Semestertaktung der meisten Nachbarländer anpassen. Ursprünglich war diese Umstellung schon für das Jahr 2010 vorgesehen. Jetzt erhalten die unter der Last permanenter Reformen ächzenden Universitäten noch eine Gnadenfrist bis 2011.
Studenten im Hörsaal: Die Fristen für die Zulassung zum Studium werden sich verschieben. (© Foto: dpa)
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Was heißt das konkret - außer dass Hochschulangehörige für ihre Sommerferien nicht mehr in den Genuss der Nachsaison kommen? Da die neuen B.A.-Studiengänge mit aufwendigen Auswahlverfahren verbunden sind, werden sich entsprechend die Fristen für die Zulassung zum Studium verschieben. Es wird nicht mehr reichen, sich erst nach dem Abitur um einen Studienplatz zu bewerben. Grundlage zumindest für die vorläufige Bewerbung wird nicht mehr die Abiturnote sein, sondern das letzte Halbjahreszeugnis - eine schleichende Entwertung des Abiturs.
Heißeste Lernphase
In der Praxis läuft dies darauf hinaus, dass Abiturienten, die noch über ihrer Facharbeit brüten und für die Abiturprüfungen lernen, sich gleichzeitig mit Bewerbungsformalitäten beschäftigen müssen - falls sie überhaupt schon wissen, was und wo sie studieren wollen. Darüber dürfen sie nicht mehr erst nach den Prüfungen nachdenken, sondern mitten in der heißesten Lernphase.
Schließlich ist durch die Umstellung auf das B.A.-System die Studienlandschaft erheblich unübersichtlicher geworden. Statt der alten Disziplinen gibt es unzählige neue Studienprogramme, die sich gegenseitig zu überbieten versuchen. Da reicht es nicht mehr aus, sich eine Lieblingsstadt auszusuchen und ein paar Formulare schicken zu lassen. Hinzu kommt, dass - jedenfalls in Bayern - ausgerechnet 2011 die ersten Schüler des auf acht Jahre verkürzten Gymnasiums fertig werden. Sie haben also nicht nur insgesamt ein Jahr weniger Zeit, sondern müssen sich schon im Frühjahr über ihren Berufsweg klar werden. Solche Entscheidungen werden dann im Durchschnitt von Siebzehnjährigen getroffen, die ihr Abiturzeugnis noch gar nicht in Händen haben.
Große Selbständigkeit und frühe Spezialisierung
Hier macht sich zudem bemerkbar, dass sich das B.A.-System in Deutschland zwar dem Namen nach an das angelsächsische Vorbild anlehnt, aber anders gestaltet ist. In den USA gehen Schulabsolventen auf ein College, in dem sie ein breites Spektrum von Überblickskursen und Wahlfächern vorfinden. In Deutschland wurde das britisch-amerikanische B.A.-System auf den Kopf gestellt: Es verlangt von Anfang an große Selbständigkeit und eine frühe Spezialisierung; fachliche Erweiterungen lässt es weitgehend erst auf M.A.-Niveau zu. Umso größer ist das Gewicht der Entscheidung, die die Schulabgänger zu treffen haben.
Womit begründet die Hochschulrektorenkonferenz - übrigens gegen den Willen der großen Mehrheit der Hochschullehrer - ihre Initiative, deren Auswirkungen bis in die Gymnasien reichen? Es heißt, durch die Angleichung der deutschen Semesterzeiten werde die Internationalisierung gefördert. Studierende, die aus dem Ausland kommen oder ins Ausland gehen wollen, werde durch das späte deutsche Semester bisher der Wechsel erschwert. Allerdings nennen die Initiatoren keine Zahlen, um die Dringlichkeit der Maßnahme zu untermauern.
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Christopher Lee zum 90.
Alles ist gut, so wie es ist, könnte man nach dem Lesen des Beitrags meinen... ich erkenne jedoch eher eine typisch deutsche Beharrungsmentalität.
Die Vereinheitlichung der Anfangszeiten hat in meiner Einschätzung den Vorteil, dass wechselwillige Studenten weder an Ausgangs- als auch an der Zielhochschule etwas verpassen. Bisher bestand nämlich z.B. das Problem, dass während woanders schon wieder die Vorlesungszeit anfing, z.B. März, hier in Deutschland noch Prüfungszeit ist.
Lachhaft ist der Hinweis auf die Abiturienten: Wer sich wirklich erst nach den Abi-Prüfungen Gedanken zu seinem Studium macht, hatte auch bisher keine Zeit mehr für eine qualifizierte und wohldurchdachte Entscheidung.
Als männlicher Abiturient fängt man i.d.R. erst nach dem Zivil-/Wehrdienst mit dem Studium an; demnach bewirbt man sich während dieser Zeit um einen Studienplatz... Wo ist das Problem?
Ich habe auch bay. Abi und fand die Prüfungszeit nicht halb so stressig wie die an der Uni.
Man muss nicht im Vorfeld schon das Jammern anfangen.
Freundlicher Gruß an alle
Tja Lars74, da kann ich nur zustimmen. In den Äußerungen von Langerarch erkennt man das wieder, was einer gewissen Menge von Abiturienten zueigen ist ...Selbstüberhöhung.
Übrigens habe ich hier gelesen, dass Abiturienten (-Studenten, also zukünftige Akademiker) die Elite Deutschlands sind, ganz schön Ignorant dem Rest gegebüber und zudem für jeden, der seine Hochschulzeit (heutzutage) aufmerksam durchlebt hat wohl eher ein Witz.
Zitat: "Wer einen Hauptschul oder Realschulabschluß hat, der fängt zwar auch gleich danach eine Lehre an, wenn er überhaupt eine Stelle bekommt, dies ist aber in keinster Weise mit dem Stress von Abitur zusammen mit einer Unibewerbung zu vergleichen. Die Anforderungen sind einfach nicht die selben. Verständlich "
Haben Sie beide Varianten ausprobiert? Ich schon! Um eine Lehrstelle bewirbt man sich auch bereits während der 10. Klasse! Man wird zu Vorstellungsgesprächen und Leistungstests eingeladen. Im Unterschied zum fast Abiturienten ist man zu der Zeit gerade mal 15 oder 16 Jahre alt. Übrigens sind mir an der Uni Leute begegnet die zur Anmeldung noch Ihre Eltern mitgebracht haben, denen kaufe ich gerne ab, daß sie sich gestresst fühlen.... Ich habe mein Abi erst nach der Ausbildung gemacht und fand es im Vergleich zur Lehre eher lächerlich!
Folgender Satz bringt den Unsinn des Bologna-Prozesses auf den Punkt:
"Zwar haben alle Länder das gleiche System von zu erwerbenden credit points, aber in der Anerkennung von Leistungsnachweisen gehen sie weit auseinander."
Wie naiv musste man sein, um zu glauben, dass durch die Einführung eines Punktesystems Leistungen hunderter, europäischer Universitäten plötzlich vergleichbar werden?
Hergott, nicht mal innerhalb eines Landes sind Leistungen vergleichbar, und sie lassen sich auch nicht vergleichbar machen. Das gilt für Deutschland genauso wie für angelsächsische Länder wie Großbritannien und Australien.
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