Prenzel: Schauen Sie sich Schulbücher der letzten 30 oder 40 Jahre an. Da ist von Stoffreduktion nichts zu sehen, die Bücher sind immer umfangreicher geworden. Doch was brauche ich von diesem Wissen wirklich über die Lebensspannen hinweg? Wenn ein Biologie-Buch 3000 Fachbegriffe in einem Schuljahr einführt, frage ich mich, was das soll. Darüber müssen wir ernsthaft nachdenken. Es könnte sein, dass wir mit 300 Begriffen, wenn sie denn wirklich verstanden sind, viel viel mehr erreichen als mit den 3000, die man irgendwo mal gehört hat, aber gleich wieder vergisst.

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SZ: Wer aber setzt das durch? Die Kultusminister sind daran gescheitert.

Prenzel: Lehrer haben nach wie vor eine Menge Spielräume. Die Frage ist, was sie als wichtig erachten. Sollen die Schüler zentrale Begriffe wirklich verstehen oder Faktenwissen herunterreißen können? In dieser Hinsicht sind Prüfungen in der Tat ein wichtiger Schlüssel zum Lernen. Denn je nachdem, wie ich die Prüfungen gestalte, kann ich das steuern.

SZ: Das wurde schon vor zehn Jahren diskutiert. Ist da nicht wenig passiert?

Prenzel: Nein, die Bewegung geht insgesamt schon in diese Richtung. Die Debatte um die Kern-Curricula läuft weiter, wir reden im Moment über Bildungsstandards für die Oberstufe. Deswegen bin ich da nicht pessimistisch.

SZ: Wir hören nur die vielen Klagen der Eltern.

Prenzel: Entscheidend ist natürlich auch, wie souverän die Lehrkräfte sind. Je versierter sie fachlich sind, desto besser können sie die notwendigen Schnitte bei der Fülle des Stoffes setzen. Sind sie unsicher, neigen sie dazu, doch lieber den gesamten Stoff abzudecken.

SZ: Woher rührt die Unsicherheit?

Prenzel: Sie stehen im Spannungsverhältnis zwischen Schülern, Eltern, Verbänden und Politik; da verlieren manche ihre Souveränität. Umso mehr geht es darum, im Studium Professionalität zu entwickeln, eine klare Vorstellung davon, worauf es ankommt.

SZ: Wie sehr hängt die Bildungsqualität von der Schulstruktur ab? Der Sieger der jüngsten Pisa-E-Studie heißt Sachsen - mit einem für Westländer ungewöhnlichen zweigliedrigen Schulsystem.

Prenzel: Weder national noch international gesehen ist das ein ausschlaggebender Faktor. Da sind andere Größen wie Lehrpläne, Lehrerbildung, Lehrerfortbildung und nicht zuletzt das Elternhaus viel wichtiger.

SZ: Warum wird dann so viel über Strukturen diskutiert?

Prenzel: In Deutschland ist die Bildungsdebatte eben stark politisiert. Daran ist Pisa nicht ganz unschuldig. Auch wenn wir Bildungsforscher immer wieder betonen, im Zentrum steht die Frage nach der Qualität, liefern die Pisa-Ergebnisse doch stets Munition für politische Debatten, die in zu simple Strukturfragen münden.

SZ: Das Verhältnis von Bildungsforschern und Politikern sei nicht immer konfliktfrei, sagen Sie. Wo fehlt es der Politik an Einsicht?

Prenzel: Politik folgt einer anderen Logik als Wissenschaft. Und sie muss handeln, während wir Wissenschaftler uns gerne noch darauf zurückziehen, dass wir zu wenig wissen.

SZ: Die Politik lässt sich immer wieder von den Verbänden beeinflussen und steht auch in Bayern oft nicht gerade da.

Prenzel: Natürlich; Politiker brauchen Akzeptanz für ihre Entscheidungen. Wenn man sich aber umschaut, was in den Bundesländern gegenwärtig passiert: Egal, was sie versuchen, sie haben sofort mindestens fünf Gruppierungen gegen sich.

Wo immer in den letzten Jahren über die Qualität der Schulbildung debattiert wird, Manfred Prenzel ist ein äußerst gefragter Gesprächspartner. Schließlich war er bis vor kurzem nationaler Projektmanager der Pisa-Studien. In der OECD-Expertengruppe und im deutschen Konsortium für die Schulleistungsvergleiche ist der Bildungsforscher weiterhin dabei. Prenzel, Jahrgang 1952, leitet das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) und ist Professor an der Universität Kiel. Er hat an der Uni München (LMU) geforscht und sich dort habilitiert, war Professor in Regensburg, bevor er 1997 ans IPN ging. Seit Januar ist er zudem Gründungsdekan der "School of Education" der TU München.

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(SZ vom 14.1.2009/bön)