Neue Bildungsstudie Von der Kita bis zur Uni

Dagegen ist Pisa ein Klacks: Eine neue Längsschnittstudie will Bildungskarrieren über Jahre verfolgen. Das Programm soll 60 Millionen Euro kosten und mehr als 150 Wissenschaftler beschäftigen.

Von T. Schultz

Nach den hierzulande besonders intensiv geführten Debatten über die Pisa-Studie entwickelt sich Deutschland zu einem Pionier der Bildungsforschung. In einer feierlichen Auftaktveranstaltung starten Politiker und Wissenschaftler an diesem Dienstag in Bamberg ein "Nationales Bildungspanel". Die Forscher wollen 60.000 Bürger verschiedener Altersstufen über mehrere Jahre hinweg begleiten und so Bildungswege im Lebensverlauf nachzeichnen.

Absolventen, dpa

Uni-Absolventen: Das neue Bildungspanel will die Bildungskarrieren der Deutschen nachzeichnen.

(Foto: Foto: dpa)

Sie setzen damit europaweit neue Maßstäbe, viele halten es für das größte sozialwissenschaftliche Projekt, das es bisher in Deutschland gab. Zumindest in den Dimensionen ist es kaum zu schlagen: Bis 2014 wird das Programm etwa 60 Millionen Euro kosten, mehr als 150 Wissenschaftler und alle namhaften Institute des Landes sind beteiligt.

Im Panel-Verfahren wird dieselbe Gruppe von Menschen in bestimmten Abständen immer wieder befragt und getestet. Da solche Längsschnittstudien aufwendig und teuer sind, wagt man sie selten. Auch Pisa ist nur eine Querschnittsstudie, die Momentaufnahmen vom Wissensstand der 15-Jährigen liefert. Zwar wird Pisa im Abstand von drei Jahren wiederholt, so dass sich Trends zeigen; die Schüler sind jedoch stets andere.

Bildungswege über Jahre begleiten

Vom neuen Panel, kurz NEPS ("National Educational Panel Study"), erhoffen sich Politiker und Wissenschaftler Antworten auf viele Fragen, die Pisa und ähnliche Studien nicht oder nur unzureichend beantworten: Wie entwickeln sich Fähigkeiten im Verlaufe mehrerer Jahre, welche Wirkung haben verschiedene Schultypen, wodurch werden Migranten in der Schullaufbahn gehemmt oder gefördert?

Ist es erst einmal aufgebaut, könnte das Panel noch in Jahrzehnten laufen. Das Geld kommt überwiegend vom Bundesbildungsministerium, auch die Länder und die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützen das Projekt.

Die Wissenschaftler wollen an mehreren Schnittstellen jährlich Daten erheben: in der Vorschule, am Ende der Grundschule, in der neunten Klasse, zu Beginn eines Studiums und während des Berufslebens. Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen werden dann in den folgenden Jahren immer wieder befragt. "Wir drehen praktisch Filme über Bildungswege", sagt der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld, der die Studie leitet. Pisa liefere dagegen nur einzelne "Fotos". Das Panel sei nicht irgendein weiterer Test, betont Blossfeld, sondern eine "Revolution der Bildungsforschung". Erstmals könnten die Forscher systematisch verfolgen, wie sich Bildungskarrieren entwickeln.

Preise als Dankeschön

Vorliegende Studien liefern auch noch kein besonders scharfes Bild. So zeigen etwa die sogenannten Iglu-Studien, dass die Viertklässler in Deutschland vergleichsweise gut Texte verstehen können. Die 15-Jährigen bei Pisa schneiden darin aber eher schlecht ab. Das neue Panel könnte helfen, diesen Leistungsverlust zu erklären. Erhoben werden Einstellungen und soziale Merkmale, aber auch Fähigkeiten im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften. In diesem Jahr wird eine Stichprobe von 13.000 Erwachsenen zwischen 23 und 64 Jahren gezogen, 2010 folgen Vierjährige, Fünft- und Neuntklässler sowie Studenten.

Bei einem Panel müssen die Forscher viel dafür tun, dass die ausgewählten Personen jahrelang mitmachen, geplant sind deshalb auch Preise als Dankeschön. Mit einem anderen Panel haben deutsche Sozialwissenschaftler bereits gute Erfahrungen gesammelt: Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung wurde im vorigen Jahr 25 Jahre alt. Es liefert regelmäßig Daten zum Wertewandel und zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der Bürger.