Naturwissenschaften Eingebildete Schwäche

Wie Frauen sich einreden lassen, sie seien schlecht in Mathe.

Von Susanne Schäfer

Über die Frage, warum Frauen in den Naturwissenschaften unterrepräsentiert sind, spekulierte im vergangenen Jahr der damalige Harvard-Präsident Lawrence Summers. Für ihn lautete eine mögliche Erklärung, Frauen hätten nicht die gleiche natürliche Begabung wie Männer. Mit dieser Äußerung löste er eine heftige Debatte aus. Auch die Autoren einer Studie, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science erschienen ist (Bd. 314, S. 435, 2006), kritisieren Summers. Was er gesagt habe, könnte durch die Wirkung von Vorurteilen "unbeabsichtigterweise dazu führen, dass sich die Kluft zwischen den Geschlechtern in den Naturwissenschaften weiter verschärft", schreiben Ilan Dar-Nimrod und Steven Heine.

"Ich kann gut rechnen - oder nicht?": Frauen lösen Matheaufgaben schlechter, sobald sie daran glauben, sie seien weniger begabt.

(Foto: Foto: dpa)

Schon frühere Studien haben gezeigt, dass Frauen Matheaufgaben schlechter lösen, wenn man ihnen weismacht, dass Frauen eben mathematisch weniger begabt seien. Und Afroamerikaner schneiden in Intelligenztests schlechter ab, wenn sie zuvor ihre Hautfarbe angeben müssen, wie der amerikanische Psychologe Claude Steele entdeckte. "Der tatsächliche Leistungsabfall entsteht also erst dadurch, dass ein negatives Stereotyp aktiviert wird", sagt die Psychologin Andrea Abele-Brehm, die an der Universität Erlangen den Einfluss von Vorurteilen untersucht. Der Betroffene passt sein Verhalten an die Erwartungen an, und die ihm oder ihr gegebene Prophezeiung erfüllt sich selbst.

Die Autoren der aktuellen Studie, Psychologen von der British-Columbia-Universität in Vancouver, gingen nun noch einen Schritt weiter: Sie untersuchten, welchen Einfluss es hat, wie Stereotype begründet werden. Hängt also die Leistung davon ab, ob man eine angebliche Benachteiligung auf genetische oder Umwelteinflüsse zurückführt? Um diese Frage zu klären, ließen die Wissenschaftler 203 Probandinnen Matheaufgaben lösen. Davor bekamen die Frauen manipulierte Informationen, um ihre Meinungen oder Emotionen zu verändern, ohne dass sie die Beeinflussung bemerken.

Die erste Gruppe bekam einen Text darüber zu lesen, dass Frauen durch ihre Erbanlagen in Mathematik weniger begabt seien. Auch den Frauen in der zweiten Gruppe wurde suggeriert, dass Frauen schlechter in Mathe seien - allerdings aus dem Grund, dass sie etwa von Lehrern weniger gefördert werden. Die dritte Gruppe wurde darüber informiert, dass Frauen in dem Fach gar nicht schlechter seien als Männer, und die letzte Gruppe bekam einen Text, der allgemein Geschlechterstereotype bestätigte.

Das Ergebnis: Die Probandinnen, die entweder dachten, dass Frauen mit Männern gleichauf sind, oder dass die schlechteren Leistungen auf mangelnde Förderung zurückzuführen sind, schnitten im Test signifikant besser ab als die Frauen, die an allgemeine Stereotype erinnert worden waren oder denen die Forscher suggeriert hatten, dass sie wegen ihrer Gene benachteiligt seien.

Wie Stereotype begründet werden, scheint also einen starken Einfluss auf die Leistung zu haben. "Wenn die Unterschiede in den Genen liegen, dann müssen sie schließlich für alle gelten, so die verbreitete Annahme", sagt Steven Heine, einer der Autoren. Die Frauen hätten daher die genetische Benachteiligung, an die sie beim Test glaubten, als unüberwindbar wahrgenommen. "Wenn sie dagegen annehmen, dass Frauen nur weniger gefördert werden, bleibt ihnen ein Ausweg: Sie können sich sagen, dass sie selbst davon nicht betroffen sind oder dass sie die schlechten Voraussetzungen ausgleichen können", sagt Heine.

Die Erlanger Psychologin Abele-Brehm bestätigt: "Der Glaube daran, dass man durch eine schlechtere Förderung benachteiligt ist, kann auch als Ansporn wirken." Wer dagegen glaubt, er sei genetisch benachteiligt, fügt sich seinem Schicksal - daher kritisieren die Autoren den ehemaligen Harvard-Präsidenten so scharf für seine Bemerkung zur natürlichen Benachteiligung.