Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit, schlechte Organisation: Büro-Beschäftigte arbeiten unter katastrophalen Bedingungen. Umso überraschender: Die meisten machen ihren Job dennoch gern.
Der typische Büro-Alltag sieht so aus: Der Beschäftigte schaufelt sich durch einen viel zu großen Arbeitsstapel, voller Angst, sein Pensum nicht zu schaffen. Dabei ist er im Grunde unterfordert, weil er das Zeug zu weit höheren Tätigkeiten hätte. Doch eine Perspektive, seine Fähigkeiten auch einzusetzen, sieht er nicht. Vielmehr plagt ihn die Angst, seinen Job zu verlieren. Und so geht er Abend für Abend, nachdem er fleißig Überstunden gemacht hat, mit einem Gefühl der Leere und Frustration nach Hause.
Nette Kollegen, aber zu viel Stress: Viele sind skeptisch ob sie das bis zur Rente durchhalten. (© Foto: dpa)
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Dass so hierzulande wirklich gearbeitet wird, ist wissenschaftlich belegt. Die "Initiative neue Qualität der Arbeit", zu der sich Bund und Länder, Gewerkschaften und Arbeitgeber zusammengeschlossen haben, hat die Arbeitsbedingungen in Deutschland untersuchen lassen. Mehrere tausend Bürobeschäftigte wurden dafür zu ihrem beruflichen Alltag befragt.
Ausgangspunkt der Studie war die Frage: "Was ist gute Arbeit?". Die Diskrepanz zwischen den Arbeits-Idealen und den tatsächlichen Bedingungen ist alarmierend. Die Soziologin Tatjana Fuchs hat die Befragung konzipiert und ausgewertet. Für sie ist klar: So kann es nicht weitergehen. "Das Belastungsniveau ist deutlich zu hoch", sagt die Arbeitswissenschaftlerin.
Ganz oben auf der Frust-Liste stehen Angst um den Arbeitsplatz und eine unsichere Einkommenssituation. Beides macht vor allem Jüngeren zu schaffen, die häufig noch in unsicheren Jobverhältnissen sind, weil sie etwa befristete Verträge haben oder auf Honorar-Basis arbeiten. Doch auch Ältere machen sich Sorgen. Sie fühlen sich durch den Einsatz von Leiharbeitern oder freiberuflichen Aushilfen, die häufig dieselbe Arbeit zu schlechteren Bedingungen ausführen, unter Druck gesetzt.
Massiv frustriert
Enorm belastend wirken sich zudem organisatorische Defizite aus. Beschäftigte müssen etwa mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen. Sie erhalten widersprüchliche Anforderungen und haben vor allem viel zu wenig Zeit. Eine große Rolle spielen Führungsfehler. Dabei geht es nicht nur um fehlende Anerkennung oder mangelnde fachliche Unterstützung seitens der Chefs. Viel gravierender ist das Versagen von Führungskräfte, ihre Mitarbeiter richtig einzusetzen. Viele arbeiten schlicht unter ihrem Niveau.
Dazu kommt: Statt gefördert zu werden, werden sie geradezu behindert. Nur 43 Prozent der Befragten sehen Möglichkeiten, ihre Kreativität einzubringen. Gerade Mal jeder Zweite kann seinen Arbeitsablauf selbst beeinflussen. Mehr als ein Drittel können nicht einmal selbst bestimmen, wann sie eine kurze Pause machen wollen.
Aussicht auf Besserung besteht bei den Meisten nicht: Die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen werden als sehr schlecht gesehen. "Das frustriert die Beschäftigten massiv. Sie wollen ihre Perspektiven kennen. Sie wollen wissen, wo sie sich hinentwickeln und was sie dafür tun können", sagt Fuchs. Für die Unternehmen sei das ein Armutszeugnis. "Die Mitarbeiterführung hat keine Priorität. Stattdessen wird mit Druck gearbeitet. Es wird versucht, immer in kürzester Zeit das Maximum herauszuholen."
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Ich kann alles bestätigen, was zu diesem Thema bisher gesagt wurde. Ich glaube, dass solche Arbeitskonflikte entstehen, weil MA und FK die gemeinsame Sicht für den Unternehmenszweck verloren haben. Die genannten "Verschlimmbesserungsprojekte" sind dafür ein gutes Indiz. Die kenne ich auch. Denn ich musste immer wieder die ernüchternde Erfahrung machen, dass insbesondere diejenigen, die die Arbeit bezahlen, nicht mehr im Mittelpunkt stehen: die Kunden. Kein Wunder dann, wenn aus dieser Richtung Druck kommt, mit dem keiner so recht umzugehen weiß, weil es schlicht und einfach unbequem ist. Insofern stimme ich der Aussage zu, dass viele - nicht alle Probleme - hausgemacht sind. Allerdings gleichermaßen bei FK und MA. Auf jeden Fall helfen Schuldzuweisungen nicht weiter.
@hanssuerte: Muß enttäuschen - habe tatsächlich Führungsverantwortung. Möchte aber dazu sagen, daß ich in meinem Kommentar sicher übertrieben habe in Reaktion auf die m. E. übertrieben Darstellung in dem Artikel und in meiner Führungsrolle im richtigen Leben sicher sehr viel differenzierte mit dem Thema umgehe - es gibt die im Artikel genannten Probleme sicherlich und sie sind z. T. von eben bis zum "level of incompetence" beförderten Führungskräften verursacht - und hier schließt sich dann der Teufelskreis. In ähnlich hohem Maß sind die Probleme aber auch selbst- oder mitverursacht. Ich habe es eben allzuoft erlebt das Mitarbeiter bis in die Nacht an Sachen gearbeitet haben die einfach nicht wichtig oder nicht dringend - oder beides - waren, aber über hohen Streß geklagt haben. Das liegt zum Einen an der FK die Prioritäten richtig zu setzen und zu kommunizieren um solche Probleme zu vermeiden, aber selbst dann kommt das noch vor - eben aus falschem Ehrgeiz der MA - und man muß sie ein Stück weit vor sich selbst schützen. Eine gute FK wird aktiv daran arbeiten - insofern gebe ich Ihnen absolut recht, daß viele dieser Probleme einfach aus schlechtem Leadership resultieren - auf der anderen Seite muß ich aber auch von Erwachsenen Menschen erwarten, mitzudenken und nachzufragen. Davon abgesehen, habe ich durch Zivildienst Krankenhauserfahrung und nunmehr 14 Jahre Büroerfahrung - als MA und FK und kann versichern, daß das Büroleben hart sein mag aber nicht annähernd so körperlich UND psychisch belastend ist wie im Krankenhaus oder manch anderen Berufen. Man kann es sicherlich nicht ganz so einfach verallgemeinern, aber tendenziell ist das m. E. so. Und sicherlich ist es wichtig die im Artikel beschriebenen Probleme zu thematisieren und an Verbesserungen zu arbeiten - aber man soll schon noch die Kirche im Dorf lassen und nicht übertreiben - das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert und ich habe auch ein Stück weit selbst Verantwortung zu tragen für mich und mein Wohlbefinden - wir müssen denke ich weg von dieser "ich jammere und jemand muß mir jetzt helfen"-Mentalität des übertriebenen Sozialstaats und selbst aktiv handeln - das wäre ein erster guter Schritt.
@PeterFell:
Ich muss offen sagen, ich hoffe sie tragen KEINE Führungsverantwortung! Denn Sie reden genauso wie eine FK von der die im Artikle beschriebenen Führungsprobleme ausgehen:
Mitarbeiter pauschal als selbstüberschätzt und Verbesserungsvorschläge als "Verschlimmbesserung" zu bezeichnen, halte ich für genauso fatal und selbstsprechend, wie die Aussage man könne sich als Büroarbeiter ja nicht beklagen, weil man schließlich keine Ziegelsteine schleppen, oder sich gar mit kranken Menschen umgeben müsse! Dies zeigt das Sie beim Thema Personalarbeit definitiv etwas falsch verstandenen haben. Leider sind es Einstellungen unter Führungskräften wie diese, die mit für ein explodierendes Wachstum beruftsbedingten, psychischen Erkrankungenverantwortlichen zu machen sind. Denn das menschliche Gehirn unterscheidet nicht zwischen körperlichen und physichen Schmerz!
In meinem letzten Job als Angestellter in der Marketingabteilung einer Internationalen Hotelkette in London konnte ich auf diesem Gebiet ähnliche Erfahrungen sammeln. Sieben Personen kümmerten sich um ganz Europa wobei drei davon leitende Angestellte waren (also Marketing Director etc). 11-14 Stundentage waren die Regel, Termindruck die Norm. Überstunden wurden selbstverständlich nicht bezahlt, das Gehalt reichte gerade mal zum Überleben und bei 20 Tagen Urlaub im Jahr blieb auch nicht viel Zeit zur Erholung. Die Arbeit ansich war sicherlich nicht die schwierigste, überfordernd war jedoch die Menge der zu erledigenden Arbeit innerhalb kürzester Zeit. Ausserdem waren die Karieremöglichkeiten bei solch einem kleinen Team sehr beschränkt. Von Oben wurden die Arbeitsbedingungen lapidar damit gereechtfertigt dass man ja für ein renommiertes Unternehmen arbeite und dies im Lebenslauf eine Menge wert sei. Im Nachhinein kann ich sagen, daß mir die Arbeit sehr viel Spass gemacht hat, ob es den Stress (finanziell, psychisch und physisch) wert war, bin ich mir nicht so sicher.
Also ich kann in diesem Artikel schon einiges wahres wiedererkennen und möchte deswegen meinen zwei Vorkommentatoren deutlich wiedersprechen:
@Cecily2006 "Beschäftigungs-sein-spielen" kann man sich wohl nur erlauben wenn man wirklich nicht viel zu tun hat. Gerade in großen Unternehmen, in denen immer mehr Arbeitsplätze rationalisiert werden und die Arbeit dieser Stellen dann auf die verbleibenden verteilt wird, ist die täglich anfallende Arbeit oft fast nicht mehr in der regulären Arbeitszeit zu schaffen. Wenn dann in unterbesetzten Abteilungen noch Personal wegfällt, sei es durch Krankheit oder Urlaub, kommt es manchmal zu einer Arbeitslawine der man das ganze Jahr nur noch hinterher rennen kann... Natürlich frustriert es wenn man der Arbeit eigenlich fachlich leicht herr werden könnte, es aber allein aus quantitaiven Gründen nicht schafft.
@PeterFell Bürojobs als relativ einfache, stressfreie Arbeit abzutun finde ich einfach nur anmaßend! Natürlich gibt es große Unterschiede in den einzelnen Bürojobs, aber ich verstehe nicht warum es in einem Bauunternehmen (Thermindruck gibts im Büro nämlich auch:) oder Krankenhaus (ein Büroangestellter kann ebenfalls hohe Verantwortung tragen, vielleicht nicht für Leib und Leben aber sehr wohl für Existenzen) stressiger sein sollte!
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