Von Heidrun Graupner und Andreas Hoffmann

Die Belastung junger Klinikärzte wird zunehmend zum Risiko für die Kranken und zur Gefahr für das Gesundheitssystem.

(SZ vom 25.5.2001) Wolfhart Priesack hat sich bei seinem Arbeitgeber nicht beliebt gemacht. Das stört ihn wenig, denn Priesack ist nicht mehr so jung, dass seine Karriere daran scheitern könnte. Der Oberarzt der Chirurgischen Klinik im Städtischen Krankenhaus Kiel sollte vor den 250 Delegierten des Deutschen Ärztetages in Ludwigshafen über die "Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte" sprechen. Sein Arbeitgeber hat ihn für diesen Auftritt nicht freigestellt, er musste Urlaub nehmen. Priesack gehört zu 50 Kieler Ärzten, die gegen die Ausbeutung in Krankenhäusern klagen. Überall in Deutschland machen Klinikärzte mobil, weil sie die unzumutbaren Arbeitsbedingungen nicht länger ertragen wollen. Der Marburger Bund, die Gewerkschaft der angestellten Ärzte, unterstützt die Klagen.

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Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sprach in Ludwigshafen von "para-legalen Zuständen", der Staatsanwalt sei aufgerufen. 50 Millionen Überstunden im Jahr ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich, Knebelverträge, Angst vor Repressalien, die Furcht, die Weiterbildung nicht abschließen zu können - das alles, so Hoppe, manifestiere ein Ausbeutungssystem, "das eine ganze Ärztegeneration zu verderben droht".

Die Situation in den Krankenhäusern habe sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verschärft, meinte der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery. Zehn Prozent der Krankenhäuser wurden geschlossen, 15 Prozent der Betten gestrichen, die Patienten bleiben um ein Fünftel kürzer im Krankenhaus - nur die Zahl der Kranken steigt kontinuierlich an, von 13,7 Millionen Fällen 1990 auf 16,6 Millionen Fälle 1998. Die Personaldecke ist dünn, aber am Personal wird derzeit noch mehr gespart, weil mit der geplanten Krankenhausreform ein neues Finanzierungssystem, die Fallpauschalen, eingeführt werden soll. Dadurch ist die finanzielle Lage der Kliniken völlig unsicher. Durch die unbezahlten Überstunden werden zwei Milliarden Mark im Jahr gespart. Die jungen Mediziner müssen aber die Phase "Arzt im Praktikum" (AiP) absolvieren oder wollen sich zum Facharzt weiterbilden. Angesichts der knappen Stellen akzeptieren sie jede Arbeitsbedingung.

Bis zu 35 Stunden Arbeit am Stück

Was Ärzte in Ludwigshafen berichteten, muss alle Verantwortlichen alarmieren - und jeden, der als Patient in einem Krankenhaus liegt. Durch Bereitschaftsdienste und Überstunden arbeiten die Ärzte manchmal 30 oder 35 Stunden am Stück. In einer Klinik empfahl die Leitung, die Dokumentation zu fälschen und ohne Versicherungsschutz zu arbeiten. Die Krankenhausmanager üben Druck auf die Chefärzte aus, und diese geben den Druck weiter. Überstunden werden nicht aufgeschrieben oder von der Dokumentation gestrichen. Ärzte im Praktikum werden nur sechs Wochen lang eingeführt, dann müssen sie wie normale Assistenzärzte arbeiten. Ärzte mit Teilzeitverträgen werden als Vollzeitkraft eingesetzt, natürlich mit Teilzeitgehalt. Zeitverträge werden oft nur auf drei, manchmal sogar nur auf einen Monat ausgestellt. Wer sein Recht fordert oder sich beschwert, ist draußen und bleibt draußen. Seine Karriere als Arzt ist beendet. Die notwendige Zeit für Fort- und Weiterbildung wird nicht gewährt. Manche jungen Mediziner arbeiten als "Gastärzte", das heißt, sie erhalten überhaupt kein Geld, sie müssen sich einen Vertrag erst "verdienen". Die Berlinerin Claudia Brendler, Mutter von zwei Kindern, bekommt als "AiP" im zweiten Jahr 1600 Mark und muss zum Sozialamt gehen.

Vom Arzt zum Arztroboter

"AiPler und Medizinstudenten müssen einspringen, damit die Behandlungen gewährleistet bleiben", sagte Priesack. "Das sind unhaltbare Zustände, wir werden als Arztroboter entwürdigt." Fehler durch mangelnde Kenntnisse oder Übermüdung passieren immer wieder. Wer 24 oder 30 Stunden hintereinander arbeitet, reagiert so, als habe er ein Promille Alkohol im Blut. "Nach 30 Stunden im Dienst wird jeder Patient zum Feind", gestand ein Arzt.

Schuld an dieser unerträglichen Situation seien alle, hieß es in Ludwigshafen, und es waren viele ältere Ärzte, die das sagten: Die Politik, die nichts unternehme und von Rationalisierungsreserven spreche, die Klinikträger, die Chef- und Oberärzte, die das System mittrügen, die Ärztekammern. Die Delegierten verlangten, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs umzusetzen, nach dem Bereitschaftszeit als reguläre Arbeitszeit gilt. Im April hat das Arbeitsgericht in Gotha das Urteil bestätigt. Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) prüft noch immer, ob der Richterspruch auch für Deutschland gilt. Bei einer Umsetzung des Urteils müssten wenigstens 15.000 Ärzte und 10.000 Pflegekräfte eingestellt werden. Kosten: mindestens zwei Milliarden Mark.

Die Vertreter der 370.000 Ärzte in Deutschland forderten, den AiP abzuschaffen und Überstunden nur noch ausnahmsweise zuzulassen. In den Ärztekammern müsse ein Ombudsmann installiert werden. Ärztepräsident Hoppe sieht bereits grundsätzliche Gefahren für das Gesundheitssystem der Zukunft. Von den 12.000 Medizinstudenten gehen nur 6000 in die Krankenhäuser. Es fehlen schon jetzt Fachärzte, immer mehr junge Ärzte gehen ins Ausland oder wenden sich ganz von der Medizin ab. Montgomery: "Sie werden Piloten bei der Lufthansa."

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