Schikanen mit Ende: Wie Mobbing entsteht und was Betroffene tun können.

Der Psychologe Ludwig Gunkel leitet seit 13 Jahren die von ihm gegründete "Mobbing Beratung München" (Telefon 089-90 93 90 94).

(© Foto: photodisc)

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SZ: Mobbing ist zu einem Modewort geworden, man hat den Eindruck, dass oft jeder Streit so tituliert wird.

Gunkel: Es gibt eine recht eindeutige Definition: Unter Mobbing versteht man unfaire Handlungen wie Schikanen, Boshaftigkeiten oder Intrigen, die sich gegen eine Person richten - und das ist ganz wichtig - über einen längeren Zeitraum andauern. Dabei kommt es nicht auf die Intention an, ob die Handlungen also absichtlich oder unbewusst begangen werden.

SZ: Wie entsteht Mobbing?

Gunkel: Es ist immer Ausdruck irgendeines Konflikts, oft als Folge inadäquaten Führungsstils. Nehmen wir an, dass die Kritik eines Chefs an seinem Mitarbeiter berechtigt ist: Wenn er sie aber öffentlich macht, den Untergebenen gar bloßstellt, dann kann das Teil von Mobbing sein. Das Paradoxe aber ist: Es gibt, gemäß der Definition, nie den Beginn von Mobbing im Hier und Jetzt. Man kann davon immer nur rückblickend sprechen, da einzelne Schikanen erst dann zum Mobbing werden, wenn sie immer wieder vorkommen.

SZ: Und wenn fast alle Mitarbeiter mit solch einem Führungsstil klarkommen?

Gunkel: Selbst dann kann man das dem Gemobbten nicht zum Vorwurf machen, nach dem Motto: Stell dich nicht so an.

SZ: Überhaupt scheinen Kollegen eine wichtige Rolle zu spielen.

Gunkel: Typischerweise gerät im Laufe der Zeit die gemobbte Person in die schwächere Position, und immer mehr Kollegen schlagen sich auf die Seite des Stärkeren. Wenn der Gemobbte dann geht, findet sich bald ein neuer Sündenbock.

SZ: Gibt es Berufe, die besonders anfällig sind für Mobbing?

Gunkel: Zum Beispiel Sozialberufe. Das hat Gründe. Zum einen ist eine Voraussetzung für die Arbeit in einem Seniorenheim etwa oder einer Schule, dass die Beschäftigten sensibel, empfindsam sind, sonst könnten sie nicht auf ihre Klientel eingehen. Das macht sie aber auch anfälliger für, sagen wir, spitze Bemerkungen oder gezielte Schläge unter die Gürtellinie. Dazu kommt, dass in Sozialberufen oft die Führungsqualität der Vorgesetzten zu wünschen übrig lässt. Die häufig anzutreffende Vorstellung, dass an solchen Arbeitsstellen alle gut miteinander auskommen, weil man ja sozial eingestellt ist, ist ein unreflektierter Mythos, der daran hindert, Konflikte rechtzeitig und offen anzusprechen.

SZ: Gibt es einen typischen Verlauf von Mobbing?

Gunkel: Es beginnt damit, dass Probleme nicht konstruktiv gelöst werden. Irgendwann ist ein Sündenbock identifiziert, das eigentliche Mobbing blüht. Mobbing verändert einen Menschen, er wird nervös, fängt an, seine Umgebung zu nerven, irgendwann fasst er jede tatsächlich harmlose Bemerkung als Schikane auf. Der Betroffene wird lästig und man versucht ihn loszuwerden, aber ohne die wirklichen Ursachen anzugehen. Am Ende wird der Gemobbte von seinem alten Platz verdrängt, versetzt, entlassen. Oder krank. Man darf gar nicht daran denken, welche Produktivität dadurch verloren geht.

SZ: Leiden auch die Menschen unter einem solchen Konflikt, die nicht direkt betroffen sind?

Gunkel: Oft. Und gerade im Sozialbereich reagiert die Klientel, die häufig ohnehin schwierig ist, sehr sensibel. Die spüren das, reagieren ihrerseits gereizt, und so kann sich so ein Konflikt schnell potenzieren.

SZ: Was tun?

Gunkel: Sich professionellen Rat holen von einem Außenstehenden. Ich vergleiche solche Situationen oft mit einem Computer. Wenn der kaputt geht, und ein Haustechniker ihn auch nicht zum Laufen bringt - wie lange belässt man den Zustand so? Tage? Wochen? Monate? Kein Chef würde das zulassen. Wenn aber Konflikte eskalieren, dann schauen Chefs oft jahrelang zu, ohne Hilfe von außen zu holen, bis es dann ein echter Mobbingfall ist. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass viele Konflikte, wenn sie rechtzeitig thematisiert und angegangen werden, ohne Nebenwirkungen aus der Welt zu schaffen sind.

(SZ vom 9.1.2006)

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(Interview: Bernd Kastner)